Rezension zu »Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind« von Jonas Jonasson

Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind

von


Belletristik · carl's books · · Gebunden · 352 S. · ISBN 9783570585627
Sprache: de · Herkunft: se

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Leute, höret die Geschichte

Rezension vom 10.05.2016 · 5 x als hilfreich bewertet mit 3 Kommentaren

Ganz unverfänglich, wie wir das von ihm kennen, fabuliert Plauder­tasche Jonas Jonas­son auch in seinem dritten Lang­titel-Roman drauf­los. Die Hand­lung ist absurd wie immer, aber das Milieu ist pre­kärer, die Aktio­nen sind weni­ger harm­los. Mit Johan Anders und seinen Freun­den geht es jetzt um Mord, Ge­met­zel, Betrug und Dieb­stahl, um Sauf­gelage, Ex­plosio­nen und eine Feuers­brunst, um Gott­vater und Sohn, um Tod und Teufel, um Himmel und Hölle. Aber immer schön amü­sant im Ton. In seiner Dank­sagung weist Jonas­son noch einmal aus­drück­lich darauf hin, dass man das Ganze bloß nicht ernst neh­men möge. Und über­haupt auch sich selbst und das Leben nicht, sondern mit­ein­an­der nett sein, viel öfter lachen und wei­nen. Irgend­wie kann der Autor also gar nichts dafür, was seine Figuren alles an­stel­len. Es ge­schieht halt so und hat mit dem echten Leben nichts gemein.

Kann so ein Verharm­losungs­spagat gelingen?

Versuchen wir's mal mit einem Blick auf die Fakten. Johan Anders ist sein Werde­gang schon in die Wiege gelegt. Beide Eltern Alko­holi­ker, der Vater ge­walt­tätig, eine schreck­liche Kind­heit. Mit zwölf Jahren be­schließt der Knabe, die deso­late Fami­lien­tradi­tion fort­zu­füh­ren. Alko­hol und Tab­let­ten geben seinem All­tag Farbe, chemi­sche Keulen lassen ihn über sich hinaus wachsen. Das gilt jedoch nur hin­sicht­lich der Ge­walt­tätig­keit; die Leis­tungs­fähig­keit seines Gehirns nimmt nach­haltig ab. Kein Wunder, dass er die ge­nauen Um­stände seiner Taten vor Gericht nicht mehr dar­stel­len kann. Aber es war alles »keine Absicht« – die Axt im Rücken eines Dealers, die Schrot­kugeln im Gesicht eines neuen Möchte­gern-Platz­hir­sches, die durch­schnit­tene Kehle eines Kerls, der sich er­dreis­tet hatte, Johan schlech­te Laune zu unter­stellen. Mit zwanzig sitzt Johan Anders zum ersten Mal ein.

Ein paar Jahre später ist der Mann mal wieder in Frei­heit und nicht ohne gute Vor­sätze. Auf der Suche nach einer Bleibe er­in­nert er sich dumpf an Erleb­nisse beson­derer Art im Etablisse­ment »Club Amore«. Doch auch das ehe­malige Liebes­nest hat sich zum Besse­ren puri­fiziert und fir­miert nun als (dritt­klas­sige) »Pension Sjöudden«. Dort lernt Johan den zu­tiefst frus­trier­ten Emp­fangs­chef Per Persson kennen, den seine elenden Ver­wand­ten um ein Mil­lio­nen­erbe betrogen, und eröff­net ihm im Gegen­zug ver­trauens­voll seine eigene Vita (»sag ruhig Mörder-Anders zu mir«).

Nach ein paar ruhigen Monaten, »ohne dass Mörder-Anders den Re­zep­tio­nis­ten oder sonst wen in un­mit­tel­ba­rer Nähe ermor­det hätte«, kommt mit dem Einzug der Dritten im Bunde Leben in die Bude. Auch Jo­han­na Kjel­lan­der ist in tiefste Ab­gründe ge­stürzt. Ihr ver­hass­ter Vater hatte sie ge­zwun­gen, das in ihrer Fa­milie seit Gene­ratio­nen von Sohn zu Sohn ver­erbte Amt als Ge­mein­de­pfar­rer zu über­neh­men, aber sie blieb ein schlech­ter Ersatz. Statt Gottes Wort po­saun­te die Gott­lose schließ­lich ihre ganze Wut auf den krebs­kranken Vater von der Kanzel herab (»Will­kom­mens­grüße in die Hölle«), bis das Maß voll und die aktive Un­gläu­bige ihr schweres Amt und die regel­mäßi­gen Ein­nah­men los war. Jetzt schlägt sich die durch­aus ge­schäfts­tüch­tige Hun­ger­lei­de­rin im Park durchs Leben und liiert sich mit Per Persson.

Mit einer nicht ganz neuen, aber nahe­lie­gen­den Ge­schäfts­idee schließt sich das Trio in­fer­nale zu­sam­men, um säu­migen Zahlern Dampf zu machen und Stock­holms Unter­welt das Fürch­ten zu lehren. Ihre »Firma der Kör­per­ver­let­zungs­bran­che« nimmt Auf­träge für alle Arten von Ge­walt­aus­übung zwischen Schlä­gerei und Mord ent­gegen. Ein Teil der Ein­nah­men geht nach Robin-Hood-Art an Be­dürf­tige, den Rest legen sie auf die eigene hohe Kante.

Doch leider befällt Mörder-Anders, die aus­füh­rende Instanz, schon bald eine tiefe Sinn­krise. Die Stan­dard­ver­sion seiner Tätig­keit – Bein- und Arm­bruch – be­frie­digt ihn nicht. Es fällt ihm zudem furcht­bar schwer, »rechts und links« zu­ver­lässig zu unter­schei­den. Die ein­ge­nom­me­nen Gelder inter­essie­ren ihn nicht. Wie ein­fach könnte er seine See­len­qualen be­enden, wenn er wieder zu seinem be­währ­ten Ret­tungs­anker, einer Pulle Alko­hol, griffe, den »nächs­ten Voll­pfosten er­schla­gen« würde und sein wei­teres Dasein in geord­neten Bahnen, sprich: im Knast ver­brin­gen dürfte.

Im Stil einer Mörderballade vom Guten und schaurig Bösen trägt uns Jonas Jonas­son in lauter über­schau­bar kurzen Ap­petit­häpp­chen (ins­ge­samt 72 Ka­pitel) vor, warum eine Juke­box Mörder-Anders das Leben rettet und ihn aus seinem see­li­schen Loch zieht, wie die ketze­rische Ex-Predi­gerin Jo­hanna ihm erklärt, wie das »alles so läuft, mit Gott und Jesus und der Bibel und so«, wie er sich zum hane­büche­nen Messias wan­delt und ein neues Unter­neh­men Gestalt an­nimmt: die »Anders-Kirche«. In deren »Messen« werden groß­herzige Men­schen voller Liebe, Glaube und Hoff­nung mit kosten­losem Rotwein abge­füllt, um ihre Spen­dier­freu­dig­keit zu beför­dern, und sie finden unge­ahn­ten Zulauf.

Allerdings ufern die Sitten allzu sehr aus. Nach chaotischen Strei­tereien und Prügel­szenen ordnet der ört­li­che Gemeinde­rat die Schlie­ßung der »Kirche« an. Glück­licher­weise erkennt die Ord­nungs­macht keine Ver­bin­dun­gen zwischen der »Anders-Kirche« und einer Ex­plo­sion im Wald, bei der kürz­lich zwei krimi­nelle Ele­mente in ihre Einzel­teile zerlegt worden waren.

Dem Trio gehen die Geschäfts­ideen so schnell nicht aus. Für ihr drittes Unter­nehmen »Weih­nachts­mann« tingelt Mörder-Anders ent­spre­chend kostü­miert durch die Lande, ver­teilt Wich­telge­schenke, ver­kündet dazu seine frohe Bot­schaft (»Der rich­tige Weih­nachts­mann ver­brei­tet Freude das ganze Jahr«) und wird da­für bei Face­book kräftig ge­liked. Am wich­tigsten sind freilich, wie man sich denken kann, all die Bezah­lungs­arten, die am Ende des Posts aufge­listet sind, damit jeder, der sein Herz öffnen möchte, tun kann, was er soll. Und wenn die drei Chaoten nicht ge­stor­ben sind, dann leben sie noch heute und sind glücklich, reich und dreist.

Schreien nicht eine ganze Reihe dieser Plot-Ele­mente nach Satire? Knüpft der Autor nicht deut­lich an ur­alte lite­rari­sche Tricks und Tradi­tio­nen an? Der lako­nische Stil, die schlich­ten Gut-Böse-Sche­mata, die un­um­stöß­lichen Gesetz­mäßig­keiten, die die Handlung steuern, die clow­neske Art, in der die drei Prota­go­nis­ten ihr absur­des Un­wesen in einer tristen Rea­lität treiben, all dies entlarvt Jonas Jonas­sons vorgeb­liche Naivität (schon beim »Hun­dert­jähri­gen« und der »An­alpha­betin« hatte er ja jeg­lichen Hinter­sinn abge­leug­net) nur als wei­teren Kunst­griff.

Doch auch wenn »Mördar-Anders och hans vänner (samt en och annan ovän)« (Wibke Kuhn hat das ins Deutsche über­setzt) mehr ist als sinn­freies Fanta­sieren zum Zwecke bloßen Unter­haltens, erreicht Opus Drei der schwe­di­schen Schrift­steller-Über­raschung nicht die Frische seiner Vor­gän­ger. Gar zu dumm­döde­lig sind die drei Prota­gonis­ten, zu schlapp viele Witze und Kalauer (»der Weih­nachts­mann hatte nicht alle Ren­tiere im Stall«), zu lau­warm die Span­nung. Auf die Gefahr hin, die Genre-Diskus­sion unfair auf­zu­wei­chen: Ronja Räuber­tocher punktet mit blühen­derer Imagi­nation und mit grö­ßerer Dyna­mik, der Räuber Hotzen­plotz mit mehr mensch­licher Wärme und Käpt’n Blau­bär mit bissi­gerem Satire­witz. Der kata­pult­artige Auf­stieg an die Spitze der Spie­gel-Best­seller­liste war vor­her­seh­bar; ob »Mörder Anders« sich dort so lange be­haup­ten kann wie die beiden Vor­läu­fer wird sich zeigen.


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Kommentare

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Zu »Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind« von Jonas Jonasson wurden 3 Kommentare verfasst:

Bilifix schrieb am 01.07.2016:

Effektiv hat mich der Leserelan auf Seite 130 verlassen. Dumm, blöde, schade um die Zeit

Gert Samuel schrieb am 05.07.2016:

Wie lassen sich die wenigen Sätze zur Lektüre von "Mörder Anders..." treffend überschreiben? Keine Ahnung.
Vielleicht können diejenigen, die den "Hundertjährigen..." und die "Analphabetin..." nicht gelesen haben, mit "Mörder Anders..." ja etwas anfangen. Ich kann es nicht. Vergeblich habe ich nach etwa 50 Seiten darauf gewartet, dass sich die Distanz zu den Hauptakteuren auflöst und verschwindet, dass es "klick" macht und sich Spaß und ein Gefühl von Unterhaltung beim Lesen einstellen möge. Ich habe noch bis zur Hälfte des Buches gehofft, dass etwas in diese Richtung eintreten werde – vergebens. Die Hauptpersonen bleiben mir fern, sind überdeutlich konstruierte Retorten-Produkte, die wie Roboter in einer zusammengebastelten Geschichte, die zudem beinahe jeglicher Komik entbehrt, von einem unsinnigen "Abenteuer" ins nächste geschoben werden. Ich habe dieses Sammelsurium nur deshalb zu Ende gelesen, weil ich wissen wollte, wie der Autor aus dieser Nummer herauskommt.
Das dritte Buch von Jonas Jonasson ist ganz gewiss kein Abklatsch der ersten Bücher, es ist (leider) vollkommen missraten. Dass er es viel besser kann, das zeigen die beiden Vorgänger.
Bevor Sie dieses Buch verschenken, sollten Sie es selbst erst lesen. Freude hatte ich dabei nicht.

Petra Korliakov schrieb am 17.02.2021:

Den „Hundertjährigen“ und nochmehr die „Analphabetin“ habe ich sehr genossen, „Mörder Anders“…Lesen Sie die Rezension von Gert Samuel: das trifft es genau. Ich fasse es kurz: kindischer Schmarrn

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