Rezension zu »Ein letzter Sommer in Méjean« von Cay Rademacher

Ein letzter Sommer in Méjean

von


Fünf Freunde werden anonym nach Südfrankreich zitiert, wo drei Jahrzehnte zuvor der Sechste im Bunde auf nie geklärte Weise ums Leben gekommen war. Auch die Polizei ist interessiert, ob es neue Spuren gibt.
Kriminalroman · Dumont · · 464 S. · ISBN 9783832183714
Sprache: de · Herkunft: de

Ein slow-food-Krimi

Rezension vom 11.09.2019 · noch unbewertet · noch unkommentiert

An einem Tag im Sommer 2014 erhalten fünf Personen eine brief­liche Auf­forde­rung, umgehend nach Süd­frank­reich zu reisen. Die ohne Nennung des Absenders versandten, aber indivi­duell an­sprechen­den Bot­schaften sind mit einer derart unwider­steh­lichen Sogkraft formuliert, dass alle Empfänger, obgleich jede/r von ihnen mitten im Leben steht, alles liegen und stehen lassen und sich auf den Weg machen.

Das gemeinsame Ziel der fünf Frauen und Männer ist Méjean, ein malerisches Dörfchen an der zer­klüf­teten Felsenküste wenige Kilometer westlich von Marseille. Sie kennen den Ort gut, denn genau dreißig Jahre zuvor waren sie schon einmal zusammen hier. Ihr Mitschüler Michael Schiller hatte sie alle großzügig in das elterliche Ferienhaus eingeladen und dazu auch den BMW seiner Familie zur Verfügung gestellt, damit sie, ehe der Ernst des Lebens sie in Beschlag nehmen würde, zwei Wochen lang ihr bestan­denes Abitur gehörig nach­feiern konnten. Doch die Tage im Paradies endeten in einem Albtraum, als Michael in der nahen Bucht tot aufge­funden wurde. Die Polizei stellte Kopf­verlet­zungen fest, verhörte die jungen Deutschen, suchte Zeugen. Im Ergebnis der Ermitt­lungen konnte Fremd­verschul­den nicht ganz ausge­schlos­sen werden, aber ein Täter wurde nicht identi­fiziert. In den vielen folgenden Jahren musste jeder der fünf Menschen seinen eigenen Modus finden, um mit seinem Trauma fertig­zuwer­den. Man ging sich aus dem Weg und sprach niemals über das Geschehen, das jeder irgendwie anders erlebt hatte.

Wie ist es da möglich, dass nach drei Jahrzehnten jemand andeutet, es gebe eine neue Spur zum möglichen Mörder? Gleich­zeitig mit den anonymen Einladungen an die fünf Schul­freunde ist ein Schreiben mit dieser Anspielung aus Deutschland im zuständigen Kommis­sariat von Marseille einge­gangen. Luc, der Chef der Police judiciaire, weiß, wem er diesen uralten Cold Case zuschieben sollte: Commissaire Marc-Antoine Renard, ein »Bluthund« und Einzel­kämpfer, der überdies einiger­maßen deutsch spricht, kehrt gerade nach krank­heitsbe­dingter vier­monati­ger Auszeit in den Dienst zurück und soll sich lieber noch etwas erholen. Eine verstaubte Akte und ein geruh­sames Küsten­dorf sind für ihn allemal besser als der brutale Alltag im Hafen­moloch Marseille.

So reist Renard mit seinem alten, verbeulten Clio nach Méjean und bezieht ganz unauf­fällig eins der wenigen Zimmer, die Serge, der sechzig­jährige Patron des Restau­rants, das er schon damals führte, anbietet. Renard, von der Krankheit klapper­dürr und immer etwas deprimiert drein­schauend, gibt sich nicht als Commissaire zu erkennen, aber dem cleveren Serge, Typ braunge­brannter, kumpel­hafter Surfer, genügt ein Seiten­blick, um in der Brieftasche den Dienst­ausweis zu erspähen, und schon macht er sich seinen Reim auf die Ankunft eines Flic, just nachdem ein paar Stunden zuvor schon die gealterte deutsche Clique von 1984 im Ferien­haus der Familie Schiller einge­zogen war. Schnell spricht sich im Dorf herum, wer da alles einge­trudelt ist, und um Ärger zu vermeiden, stellt man sich darauf ein, manche Beobachtung und vage Schluss­folge­rung von damals lieber für sich zu behalten.

Zu Beginn seines Frankreich-Krimis stellt Cay Rademacher jede Person, die später für Renards Nach­forschun­gen bedeutsam wird, unab­hängig von den anderen in ihrer heutigen Situation vor. Der weitere Verlauf des Romans folgt einer nahe­liegen­den Struktur. Kapitel, die Renards Ermitt­lungen in der Jetztzeit erzählen, wechseln mit denen, die (durch Kursiv­druck abgesetzt) aus ver­schiede­nen Perspek­tiven schildern, was sich dreißig Jahre zuvor, im »Orwell-Jahr« 1984, ereignet hat. Das erste von diesen beginnt damit, wie Michael für seine Freunde die Tür des Ferien­hauses in Méjean auf­schließt, »ironisch lächelnd und gleich­zeitig ein wenig stolz«.

»Ein letzter Sommer in Méjean« folgt glaubwürdig und nach­vollzieh­bar einem Kriminal­plot, der bisweilen einem Irrgarten gleicht und mit einer gänzlich unerwar­teten Lösung abschließt. Vor allem aber ist dies eine genüss­liche, sprachlich wohl­tuend niveau­volle Sommer­lektüre, die intensive Süd­frank­reich-Atmosphäre verbreitet und sogar als regio­naler Reisebe­gleiter fungie­ren kann. Renard, der behut­same Protago­nist, erobert das Terrain (im über­trage­nen wie im konkreten Sinne) auf leisen Sohlen. En détail beschreibt der Erzähler die Steil­küste der Côte Bleue mit ihren Calanques (tief ein­geschnit­tene Schluchten zum Meer hin). Auf steini­gen Pfaden, die sich oberhalb versteckt liegender kleiner Buchten hinschlän­geln, läuft dem Ermittler bei flirrender Hitze ganz zufällig die oder der eine oder andere Deutsche über den Weg, die ihm aus den Akten bekannt sind. Man kommt ins Plaudern, und indem sich zaghaft die Zungen lösen, kristalli­siert sich heraus, dass es im Gebälk der scheinbar harmoni­schen Clique damals gehörig knisterte. Die markanten Unter­schiede zwischen den jungen Leuten – fami­liärer Hinter­grund, Aussehen, Talent, Abi-Schnitt, Genia­lität, Ausstrah­lung –, dazu erhoffte, reali­sierte oder ent­täuschte Liebes­bezie­hungen boten genug Gründe für Miss­gunst und Eifer­sucht und für Geheim­nisse, die jede/r viele Jahre lang still bei sich verborgen hielt. Nun treibt jemand ein Spiel mit ihrem Gewissen, und alle sind gekommen und warten besorgt ab, was passiert.

Ein spannungsknisternder Knüllerkrimi ist dies nicht. Neben dem attraktiven setting und der gepflegten Sprache sind es die sorg­fältig diffe­renzier­ten Charakter­studien, die das Buch lesens­wert machen. Die Recher­chen laufen geruhsam nach klassi­scher Art ab: In Einzel­gesprä­chen erfährt Renard dies und das, wägt das Gehörte sorg­fältig ab, ob sich daraus ein Motiv für einen Totschlag zusammen­setzen lässt, und muss doch immer wieder bei Null anfangen. Wenn er mit Serge, den Fischern und den Nachbarn plaudert, versucht er kleine Puzzle­stein­chen herauszu­hören, die die vielen Lücken in seinem Profil­bild schließen könnten. Aber seine vielen Gesprächs­partner sind aus den unter­schied­lichs­ten Gründen auf Ver­schwiegen­heit bedacht.


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