Rezension zu »Das Weinen der Vögel« von Chigozie Obioma

Das Weinen der Vögel

von


Der nigerianische Geflügelbauer Chinonso hat noch keine dreißig Jahre gelebt, da haben sie ihm schon größere Lasten aufgeladen, als er tragen kann. Das Übermaß an Leid und Schuld ist selbst Chi, dem Geistwesen, das über ihn wacht, zu viel. Er bittet den Schöpfer des Universums um Gnade.
Belletristik · Piper · · 512 S. · ISBN 9783492059381
Sprache: de · Herkunft: us

Zum Herzerweichen

Rezension vom 23.12.2019 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Was tun mit einem armen jungen Menschlein, dessen Leben aus eigener Unfähig­keit und Schuld, aber auch durch tragische Umstände restlos verfahren ist? Wenn sich der Mann, der ein Menschen­leben vernichtet hat, dereinst beim Jüngsten Gericht verant­worten muss, ist es zu spät. Dann kann er nicht mehr mit Gnade rechnen. Jetzt braucht er Hilfe, im Diesseits.

Vor dieser Frage steht Chi, der Ich-Erzähler, denn schließlich ist es seine Aufgabe, den jungen Geflügel­bauern Chinonso Solomon Olisa, genannt Nonso, zu beschützen. Chi ist ein Wesen aus einer anderen Welt. Im Verlauf von sieben­hundert Jahren und mehreren Re­inkarna­tionen hat er viele Schicksale miterlebt, ehe er in Nonsos Körper einzog. Aber die Lenkungs­möglich­keiten eines solchen Schutz­geistes sind begrenzt. Er kann das Verhalten des ihm Anver­trauten nur dadurch zu beein­flussen versuchen, dass er ihm »Gedanken« eingibt, doch ob der ihnen folgt, liegt nicht in seiner Macht. Chi kann den Körper seines Schütz­lings verlassen, etwa um mit Kollegen zu berat­schlagen, wie der Karren noch irgendwie aus dem Dreck zu ziehen ist, aber letztlich ist er machtlos. Der junge Bauer muss seine Suppe selber auslöffeln.

So lesen wir eine zum Weinen traurige Geschichte. Nonso – naiv, gutgläubig und weltfremd – rutscht mit jedem Schritt in seinem Leben in neue Schlamm­pfützen, immer mehr Lehm klebt an seinen Schuhen fest. Auf der anderen Seite wird ihm alles genommen: sein mate­rieller Besitz, sein eigenes Selbst samt sozialer Werte. Sogar tief empfundene Liebe wandelt sich in kaum zu zügelnden Hass. Die Spirale aus Schicksals­schlägen, Fehlern, Demüti­gungen, Betrug, Misshand­lung und Verzweif­lung kann gar nicht anders enden als in einem Verbrechen. Ala, die Hüterin der Erde, wird Vergeltung für die Tat fordern. Doch Chi tritt, um seinen Schützling noch zu dessen Lebzeiten vor Alas Strafe zu bewahren, vor den Schöpfer des Universums, der von den »alten Vätern« unzählige Namen und Titel zuge­schrieben bekam, und erzählt ihm (und uns), dass Nonso sein »Verbrechen aus Versehen begangen« hat.

Die fatale Handlung beginnt sieben Jahre zuvor. Nonso führt, nachdem die Eltern gestorben sind und die Schwester zu einem älteren Mann gezogen ist, ein trostloses Leben allein. Haus und Hof, Geflügel und Gemüse­garten lässt er verkümmern. Vergebens bieten Onkel Bonny und ein Freund ihre Hilfe an. Bonny und seine Frau raten ihm zu einer Gefährtin und wollen ihm bei der Suche helfen. Als Nonso tatsäch­lich der Liebe seines Lebens begegnet, ahnt er noch nicht, dass sie es ist. Da ist er in seinem Liefer­wagen auf dem Rückweg vom Markt, wo er ein paar Hühner erwerben konnte. Zufrieden mit seinem Handel steckt er den Polizisten am Kontroll­punkt ihren Wegzoll heute sogar gerne zu. Doch kurz darauf erblickt er an einer Brücke eine junge Frau, die sich über das Geländer in die Tiefe stürzen will. Nonso hält an und redet heftig, aber erfolglos auf sie ein, von ihrem Vorhaben abzulassen. Sie gibt nicht einmal auf, als er spontan zwei seiner kostbaren Hühner in den Fluss wirft, um ihr das Sterben drastisch vor Augen zu führen. Damit hatte er »getan, was er konnte«, und lässt sie zurück.

Ein Dreivierteljahr später treffen die beiden an einer Tankstelle zufällig wieder aufein­ander. Selbst­bewusst stellt sich die schöne Frau auf Englisch vor. Sie heißt Ndali Obialor, studiert Pharmazie, lebt mit Eltern und Bruder in einer hochge­sicherten noblen Villa mit Pförtner. Trotz der Standes­unter­schiede verliebt sich das ungleiche Paar und beschließt zu heiraten. Doch Ndalis Familie erweist sich als unüber­wind­liche Hürde. Sie demütigen den »Hirten der Vögel« ohne jegliche Ausbildung und intri­gieren gegen die Beziehung. Obgleich Ndali für ihre Liebe sogar mit ihrer Familie zu brechen bereit ist, will Nonso sein Lebens­glück nicht auf solch zerbrech­licher Grundlage aufbauen und wägt ab, Ndali wieder freizu­geben.

Neue Hoffnung keimt auf, als ein früherer Klassenkamerad von paradie­sischen Zuständen für Studenten auf Zypern schwärmt und Nonso rät, dort einen Studienab­schluss zu erwerben – und damit Status und Anerken­nung, um Ndali heiraten zu können. Wenn er den elter­lichen Hof verkauft, werde er mit dem Erlös Nonsos Weg in die Zukunft vorab organi­sieren. Darauf lässt sich unser gutgläu­biger Prota­gonist ein und verab­schiedet sich schweren Herzens und unter gegen­seitigen Versiche­rungen ewigwäh­render Liebe von Ndali. Im Gegensatz zu ihm ahnen wir, dass der Freund bei all dem nichts als seinen eigenen Vorteil im Auge hat, dass der mehr­jährige Aufenthalt auf der Mittel­meer­insel ein einziges Desaster ist und die Rückkehr nach Nigeria neues, noch schlim­meres Unheil für Nonso bereit hält.

So erschütternd die Ereignisse auch sind, so fließt Chis Plädoyer vor dem Schöpfer doch leicht dahin. Die Außen­perspek­tive dieses ungewöhn­lichen, groß­artigen und in seinem Elan kaum zu bremsenden Ich-Erzählers schafft besondere Reize. Wie erfahren er auch ist im Jahr­hun­derte langen Umgang mit den Menschen, so kann er ihr Treiben doch nicht immer nach­voll­ziehen. Wenn er sie dann ermahnt, auf die Erfah­rungen der Väter zu vertrauen, kommt es zu manch komischer Situation.

Zauber entsteht aus den stilistischen Eigenheiten, die Nikolai von Schweder-Schreiner in seiner aus­gezeich­neten Über­setzung vermittelt. Da ist die kraftvolle, originelle Bildlich­keit voller Poesie (»… zu wissen, dass die Einsamkeit ein bissiger Hund ist, der die lange Nacht des Kummers hindurch bellt.« – »… während die Bäume in Beigwe ihre zauber­haften Klänge trugen wie glänzende Kleider. Noch jetzt strömt von überallher Musik in die erleuch­teten Hallen wie Schweiß­perlen aus den Poren der Haut.«), da sind die Lebens­weis­heiten der Alten »in ihrer kalei­doskopi­schen Weisheit« (»Was ein alter Mann aus der Hocke sieht, sieht ein Kind nicht mal von einem Baum aus.« – »… dass, wie groß auch immer der Schmerz ist, die Augen doch niemals blutige Tränen vergießen. Wie lange ein Mensch auch weint, am Ende sind es nur Tränen«).

Dieser Roman ist tief verwurzelt in der Kultur der Igbo und Yoruba in Nigeria. Die beiden Ethnien haben eine differen­zierte Kosmologie entwickelt, in der die Sphäre der Schutz­geister nur eine unter mehreren ist, die das mensch­liche Leben beein­flussen. (Zwei Schemata am Ende des Buches geben Einblick, und Chi nutzt Pausen im Hand­lungs­fortgang, um uns seine Welt und die des Reichs der Ahnen näherzu­bringen.) Obwohl die Handlung von Nonso und Ndali in diesen transzen­dentalen Rahmen einge­bettet ist, wird sie keineswegs ideali­siert oder verklärt. Sie ist im Gegenteil sehr heutig und in ihrer sozialen Proble­matik hoch­aktuell. Dazu gehört, dass viele Igbo und Yoruba, von denen die meisten missio­nierte Christen sind, den alther­gebrach­ten, bewährten Wissens­schatz ihrer Vorväter uneinge­schränkt respek­tieren, den Ahnenkult pflegen und an gute und böse Geister glauben. Ihre Zeitauf­fassung richtet sich nach Natur und Jahres­ablauf, so dass es ihnen schwer­fällt, sich dem Diktat einer welt­umfas­senden Uhrzeit zu unter­werfen und das zukunfts­orien­tierte Denken und Forschen der Moderne zu akzep­tieren.

Der siebenhundert Jahre alte Schutzgeist fungiert auch als eine Art Chronist des afrikani­schen Kontinents. Seine Bewohner wurden ihrer Tradi­tionen, ihrer Kultur, ihrer Spiritu­alität und ihrer Schätze beraubt, im eigenen Land unter­drückt, hundert­tausend­fach ver­schleppt und versklavt. In ihrer Heimat durften sie über lange Jahre nicht einmal ihre mutter­sprach­lichen Dialekte verwenden, sondern mussten die Sprache der britischen Kolonial­herren sprechen. All dies anzu­prangern ist Teil der Intention des Autors. Der Titel (im Original »An Orchestra of Minorities« Chigozie Obioma: »An Orchestra of Minorities« bei Amazon ) bezieht sich auf eine alltäg­liche Szene in der uner­bittli­chen Natur, der Nonso hilflos zuschaut: Ein Habicht kreist lange am Himmel über der Hühner­schar, bis er sich urplötz­lich mit einem Schrei hinab­stürzt und ein wehrloses Küken mit seinen Klauen packt und fortträgt. Die verblie­benen Vögel stimmen eine Art Trauerlied an, das wie Weinen klingt und von Nonsos Vater als »Orchester der Unter­drückten« interpre­tiert wurde – eine Metapher für sein ausge­beutetes Heimatland Nigeria.

Chigozie Obioma wurde 1986 in Akure (Nigeria) geboren und reüssierte als Schrift­steller bereits mit seinem Debütroman »The Fishermen« (2015), der mehrfach ausge­zeichnet und in viele Sprachen übersetzt wurde (»Der dunkle Fluss« Chigozie Obioma: »Der dunkle Fluss« bei Amazon ). Sein zweiter Roman, »An Orchestra of Minorities« (2019), steht wie der Erstling auf der Shortlist des Booker Prize.


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