Rezension zu »Der Revolver« von Fuminori Nakamura

Der Revolver

von


Ein Student findet einen Revolver und erliegt der Faszination seiner diabolischen Funktion und Form. Unter dem Bann der Waffe verroht er zum brutalen Gewalttäter.
Kriminalroman · Diogenes · · 192 S. · ISBN 9783257070613
Sprache: de · Herkunft: jp

Die dämonische Macht des Artefakts

Rezension vom 17.12.2019 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

In der Diskussion um die freie Verfügbarkeit von Waffen in den USA argumen­tieren die Gegner einer Verschär­fung der Gesetze, dass die Feuerwaffe an sich harmlos und unschuldig sei wie jedes andere Werkzeug. Erst vom Menschen, der sie miss­brauche, gehe Bedrohung und Gefahr aus. Der japanische Autor Fuminori Nakamura (Jahrgang 1977) relati­viert diese Annahme in seinem 2003 veröf­fentlich­ten Romandebüt, das jetzt in der Überset­zung von Thomas Eggen­berg bei Diogenes erschienen ist. Er schreibt dem Revolver eine intrinsi­sche Kraft zu, die seinen Betrachter unwider­stehlich fasziniert und zur Realisie­rung seines tod­bringen­den Potenzials treibt – eine Art ›function follows form‹. Damit macht der Autor die Waffe sozusagen zum Täter und den Schützen zu ihrem will­fähri­gen Helfer.

»Revolver« ist also kein konventioneller Krimi, in dem ein Tathergang rekon­struiert, ein Täter und sein Motiv ermittelt werden, sondern ein intellek­tuelles Modell. Sein Schöpfer stellt das Tatwerk­zeug an den Anfang des Geschehens und analysiert den psy­chologi­schen Prozess, wie aus ihm ein Mord erwächst, den ein Mensch, dem irratio­nalen Einfluss des Artefakts erliegend, am Ende ausführt. Zuvor ist es die Aufgabe des Schützen (und seine alleinige Ver­antwor­tung), ein Opfer auszu­wählen. Als Kriterium hierfür bedarf es keiner persön­lichen Beziehung, der Zufall genügt. Der Weg bis zum Abfeuern des Schusses und erst recht der Vollzug der Tat wird durch Glücks­gefühle (auch sexueller Natur) belohnt.

Nishikawa, der spätere Mörder, ist Student in Tokio. Der Roman setzt unver­mittelt mit dem Wende­punkt in der Existenz des Ich-Erzählers ein. »Gestern […] habe ich einen Revolver gefunden. […] Noch nie habe ich etwas so Schönes gesehen, er liegt in meiner Hand, als wäre er für mich gemacht.« Das glänzende Objekt gibt dem Leben des un­auffäl­ligen jungen Mannes seine wahre Bestimmung, es löst eine Leiden­schaft in ihm aus, die zur Beses­senheit wird, ihn fremd­bestimmt, zum »Sklaven« macht.

Ein verhängnisvoller Strudel erfasst Nishi­kawa, ein Konflikt, der ihn an den Rand des Wahnsinns und die Polizei auf der Suche nach einem Mörder in seine Nähe bringt. Indem seine Gedanken fortan obsessiv um die Waffe kreisen, vermag er sich ihrer dämoni­schen An­ziehungs­kraft nicht zu wider­setzen. Der innere Drang, das »menschen­gemachte Ding« gemäß seiner Bestimmung auszu­probie­ren, wenigstens einen Schuss im Wald abzugeben oder gar eine Kugel auf ein Lebewesen abzu­feuern, gewinnt die Oberhand und treibt ihn Schritt um Schritt weiter. Der »Logik« folgend, erfüllt der Revolver schließ­lich seine tragische Funktion. Aber: »Nicht ich benutze den Revolver […], der Revolver benutzt mich

Hat Nakamura eine Parabel über das Gewalt­poten­zial in jedem von uns verfasst oder einen Extremfall kon­struiert? Ein Jeder­mann ist sein Prota­gonist jeden­falls nicht. Der Autor versieht ihn eher mit Attributen eines Außen­seiters, die in ihrer Summe eine gewisse Prä­disposi­tion begründen mögen. Nishi­kawa hat an einer unbe­wältig­ten Kindheit zu tragen, von seiner leiblichen Mutter im Stich gelassen, mit sechs Jahren von seinem alkohol­süchti­gen leiblichen Vater an Pflege­eltern übergeben. Er hat kein Profil und keine Interessen entwickelt, auch nicht für sein Studien­fach. Innere Leere und Bindungs­unfähig­keit bestimmen seinen schwachen Charakter, Lange­weile, Gleich­gültig­keit, ober­fläch­liches Amüse­ment und eine leichte Melan­cholie sein von der Realität abge­wandtes, substanz­loses Dasein. »Mein Verhalten ist mir selber oft ein Rätsel.«

Der Fund des Revolvers am Abend eines regneri­schen Tages (»Spiegel meiner Verfassung«) bewirkt einen Adre­nalin­schub. Im Gras eines Parks hinge­streckt entdeckt Nishi­kawa eine männliche Leiche. Während der Anblick des Toten in seiner Blutlache ihn zur eigenen Über­raschung weder erschreckt noch anekelt, versetzt ihn der klar umrissene schwarze Gegenstand neben ihm in Hoch­stimmung. Eine schicksal­hafte Begeg­nung, im Nach­hinein »ein Geschenk des Himmels«: »Dieser Revolver gehört von jetzt an dir.«

Es ist eine Form von Liebe, die Nishi­kawa auf den ersten Blick an die ästhetisch und technisch perfekte Miniatur­maschine bindet. Je länger seine Finger dem glatten Metall nach­spüren, er die »auf das Wesent­liche reduzierte Form« betrachtet und den Körper bewundert, der seinen Zweck in »höchster Voll­endung, grausam und effizient« erfüllt, indem er Leben zerstört, desto enger und unlös­barer wird das Band. Und er räson­niert über die Vorteile der Schuss­waffe, die es im Gegen­satz zu archai­schen Messern oder Schwertern gestatten, aus der Distanz zu töten, so dass es sich gar nicht wie Töten anfühlt. Diese Erkenntnis erläutert auch Max Frisch in seinem »Tage­buch 1946-1949«: Er wäre »durchaus imstande«, auf ein modell­ähnliches Städtchen weit unterhalb seiner Flughöhe »Bomben abzuwerfen«. (Das voll­ständige Zitat finden Sie .) Doch während es Frisch bei dieser Einsicht schaudert, ist Nishi­kawas Selbst­bewusst­sein in seinen Macht­fanta­sien gestärkt. Immer­hin findet auch er »ein wenig unheim­lich«, »dass Leichtig­keit und Tod zu einem Paar werden konnten«.

Über einem Städtchen, das wie unsere architektonischen Modelle anzusehen ist, entdecke ich unwillkürlich, daß ich durchaus imstande wäre, Bomben abzuwerfen … es juckt einen … Ich meine nur den Unterschied, der darin besteht, ob ich Bomben streue auf ein solches Modell, das da unter den jagenden Wolken liegt, halb rührend, halb langweilig und kleinlich, oder ob ich ebenfalls dort unten stehe, mein Sackmesser öffne und auf einen Menschen zugehe, einen einzigen, dessen Gesicht ich sehen werde, beispielsweise auf einen Mann, der gerade Mist verzettelt, oder auf eine Frau, die strickt, oder auf ein Kind, das barfuß in einem Tümpel steht und heult, weil sein papiernes Schifflein nicht mehr schwimmt.

In lakonisch-nüchternem Berichts­ton erzählt Nishi­kawa seinen Werde­gang im unwider­stehli­chen Sog seiner Faszi­nation. Im Alltag muss er sich beherr­schen, denn sein Verhalten und Zeugen­aussa­gen machen ihn der Polizei, die den Mord im Park aufklären muss, verdächtig. Er muss sich bemühen, seine Geheim­nisse zu verbergen – den Besitz der Waffe, seine Ab­hängig­keit von diesem Gegen­stand, seine Experi­mente, seine Euphorie dabei, seine immer drängen­deren Wünsche. Hell­sichtig analy­siert er, was mit ihm unter dem Einfluss des Revolvers, den er gern an seinem Körper spürt, geschieht, wie seine Begierden, zu schießen, zu verletzen, zu töten, überhand nehmen, wie das Leid, das er verursacht, ihn nicht anrührt. Immer wieder spielt ihm das Leben Bälle zu, die seine Fantasien beflügeln und ihm Anlässe bieten, sich ihrer Realisie­rung anzu­nähern. Zu verfolgen, wie er sich dann ent­scheidet und warum, das ist spannend wie ein Krimi.


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