Rezension zu »Der Große Mann: Leben und Sterben auf Palm Island« von Chloe Hooper

Der Große Mann: Leben und Sterben auf Palm Island

von


Belletristik · Liebeskind · · Gebunden · 368 S. · ISBN 9783954380572
Sprache: de · Herkunft: au

Entfesselter Hass: Opfer und Täter

Rezension vom 11.09.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Die Inselgruppe der Palm Islands liegt vor der Ostküste Australiens im Great Barrier Reef. Das welt­größte Korallen­riff, Welt­natur­erbe und eines der ›sieben Welt­wunder der Natur‹, ist ein Paradies für Taucher, Touristen und die Tiere, die es bewohnen, aber sein ökolo­gisches Gleich­gewicht ist fragil und stets be­droht.

Palm Island, die Hauptinsel der Gruppe, ist ein Vorort der Hölle. Dort scheint das Un­gleich­gewicht wie in Beton gegossen, die Un­gerech­tigkeit verewigt. Die weitaus meisten der etwa zwei­tausend Insel­bewohner sind Ab­origi­nes, eine winzige Minder­heit (Ordnungs­kräfte, Seelsorger, Mediziner ...) ist weißhäutig. Im frühen zwan­zigsten Jahr­hundert richtete die (weiße) Regierung des Bundes­staates Queens­land hier ein Re­servat ein, das bis in die Sechziger­jahre als eine Art Straf­lager diente. Begleitet von christ­licher Zwangs­missio­nierung, gewalt­samer Ent­wurze­lung und grotes­ken Euphe­mismen (»Chief Protector of Aborigines« – »oberster Beschützer« – hieß der Chef der Vollzugs­behörde) fristeten hier missliebige Gruppen der austra­lischen Ur­bevölke­rung ein bejam­merns­wertes, hoff­nungs­loses Dasein. Wer in seiner Heimat auf dem Festland als renitent aufge­fallen, von einem weißen Mann schwanger geworden oder mit »gemisch­tem Blut« geboren war, wurde mitleid­los auf die öde »Palmen­insel« verschleppt. Bei der Ankunft wurden Kinder ihren Eltern wegge­nommen und nach Geschlecht getrennt unter­gebracht. Den Ab­origi­nes wurde unter­sagt, in ihrer Sprache zu sprechen. Der Alltag im Lager war streng regle­mentiert und überwacht, Regel­verstöße wurden mit aller Härte geahndet. Mit Gewalt sollten aus den dunkel­häutigen Urein­wohnern ›richtige‹ Menschen nach dem Vorbild tüchtiger britischer Puri­taner gezüch­tet werden.

Ende der Sechzigerjahre wurde das Lager aufgelöst und die Insel nach und nach in die Eigen­verant­wortung ihrer Bewohner übergeben. Doch jahr­zehnte­lange Entmün­digung, unzu­reichende Unter­stützung, Miss­brauch und Inkom­petenz verhin­derten jede Verbes­serung der tief­greifen­den Miss­stände und ihrer erschüt­ternden Konse­quenzen, die die Insel­gemeinde bis heute belasten. Im Jahr 1999 gelangte sie zu trauriger Be­rühmheit. Ein Eintrag im »Guinness-Buch der Rekorde« bezeichnete Palm Island als den »gewalt­tätigs­ten Ort der Welt« (aus­genom­men Kriegs­schau­plätze). Noch immer erreichen Mord- und Selbst­mord­rate Schwindel erregende Höhen, gehören Verge­walti­gungen (ins­beson­dere an Kindern und Jugend­lichen), häusliche Gewalt und Prügeleien, Alko­holis­mus und Drogen­miss­brauch (schon Kinder schnüffeln Benzin) zum Alltag. Sozial­wissen­schaftler nennen als Ursachen die ganze Palette möglicher Mängel: Es fehlt an Arbeit, Orien­tierung, Perspek­tiven, Vorbil­dern, Selbst­wert, Geld. Zuviel gibt es dagegen an Sorgen, Lange­weile, Krank­heiten – und an Unter­drückung durch die (von Weißen dominierten) Behörden.

Einen Zwischenfall, der sich im November 2004 tatsächlich auf Palm Island ereignete und der in ganz Austra­lien Aufsehen erregte, hat die austra­lische Autorin Chloe Hooper (1973 in Mel­bourne geboren) als Grundlage für ihren Roman »The Tall Man« Chloe Hooper: »The Tall Man« bei Amazon verwendet. Der erschien 2010 und wurde nun von Michael Kleeberg für den Liebeskind-Verlag übersetzt. Auf Initiative eines Anwalts, der sich für die Rechte der Ab­origi­nes einsetzt, hat Chloe Hooper die Vorgänge intensiv recher­chiert, war bei zentralen Ereig­nissen per­sön­lich anwesend und hat aus ihren Erkennt­nissen die mit­reißende, bestür­zende Chronik eines kaum zu fassenden Sozial­dramas und komplexen, um­stritte­nen Justiz­falls erstellt. Sie wählte dafür eine halb doku­menta­rische, halb szenische, reportage­ähnliche, mit Original­quellen angerei­cherte und viele Perspektiven berück­sichti­gende Form, die es ihr erlaubte, die Tat­sachen mit emotio­nalen Kom­mentie­rungen und pole­mi­schen Zu­spitzun­gen zu begleiten.

Aus welchen Gründen mag sich ein junger australischer Polizist ausge­rechnet auf den Chef­posten der be­rüchtigten Polizei­station von Palm Island bewerben? Selbst wenn es wohl­meinende, ganz uneigen­nützige sind, muss man nicht fürchten, dass auch der beste Charakter in jenem »Herz der Dunkel­heit« kor­rum­piert, jedes Engage­ment erstickt wird? Christopher James Hurley, 34, plagen solche Über­legun­gen kaum. Er sieht in dem Ort des Grauens und der Outcasts schlicht ein Sprung­brett in seiner Karriere. Er wird Vorge­setzter von sechs weißen Polizisten und einem schwarzen Kontakt­mann.

Zwei Jahre später hat sich Senior Sergeant Hurley auf seinem neuen Posten keinen schlechten Namen ge­macht. Er nimmt seine Aufgaben ernst, ist hart im Amt (was die, gegen die er vorgeht, natürlich verflu­chen), engagiert sich in mehr­facher Weise ehren­amtlich, um die sozialen Zustände zu bessern. Seinen Vertrag hat er gerade um ein weiteres Jahr verlängert.

Am 19. November 2004, einem Freitag, verhaftet Hurley um 10.20 Uhr den gleich­altrigen, berausch­ten Ab­origine Cameron Doom­adgee, nachdem der ihn beleidigt hat. Nur vierzig Minuten, nachdem er in eine Zelle gebracht wurde, liegt Doom­adgee mit schweren Verlet­zungen tot auf dem Fuß­boden. In den nach­fol­genden Verneh­mungen geben die Polizisten an, er sei auf einer Stufe ausge­glitten. Der einbe­stellte Patho­loge kann – trotz Leberriss, gebro­chenen Rippen, Kopf­verlet­zungen – keine Gewalttat fest­stellen; Cameron Doom­adgee sei innerlich verblutet. Als diese Ergeb­nisse eine Woche später veröffent­licht werden, bricht in der Gemeinde ein Aufruhr los. Die empörten Ab­origi­nes glauben an ein erneutes Komplott der weißen Unter­drücker, stecken die Polizei­wache in Brand und fackeln Hurleys Wohn­haus ab. Der bringt sich in Sicher­heit aufs Festland.

Zum ersten Mal in der Geschichte Australiens wird darauf­hin ein weißer Polizist angeklagt und muss sich in einem Ermitt­lungs­prozess dem Vorwurf der Gewalt­anwen­dung an einem Ab­origine mit tödlichen Folgen stellen. Das Urteil fällt fast drei Jahre später, im Juni 2007, und löst mit seinen Folgen erneut größtes Auf­sehen und heftige Unruhen aus. »Nicht schuldig.« Christopher Hurley verlässt den Gerichts­saal als freier Mann, wird vom Polizei­präsi­denten beglück­wünscht, von der Gewerk­schaft der Polizei­beamten als Volks­held gefeiert. Er erhält einen neuen Arbeits­platz an der Gold Coast und Ent­schädigungs­zahlungen.

Für viele ist der Fall ein Paradebeispiel dafür, wie die Weißen in Australien seit jeher ihre Über­macht dazu miss­brauchen, um die Ab­origi­nes brutal und mitleidlos zu unter­jochen: abge­schoben in trostlose Reser­vate, abge­schottet von der weißen Gesell­schaft, allein­gelassen in menschen­unwür­digen Verhält­nissen, die die europä­ischen Einwan­derer ihnen einge­brockt haben, verachtet und misshandelt, während die Verant­wort­lichen einander grund­sätzlich prote­gieren und selbst nach grobem Fehl­verhalten unge­schoren davon­kom­men. Der gegen­seitige Hass, seit Jahr­zehnten des Miss­trauens verfes­tigt, entlädt sich tag­täglich in Provo­kationen und Kon­frontationen wie den hier beschriebenen.

Chloe Hoopers beeindruckend detailreicher Roman »Der Große Mann« – der Titel spielt sowohl auf eine Figur der Ab­origi­nes-Mytho­logie als auch auf Hurley an – gibt tiefe Einblicke in die Lebens­bedin­gungen, die Menta­lität, die Geschichte und die tristen Perspek­tiven der austra­lischen Urein­wohner. Keine vier­und­zwanzig Stunden nach Hurleys Freispruch verkündete Premier­minister John Howard einen Maß­nahmen­katalog für das Ab­origine-Territo­rium. Er sah vor, die Sozial­hilfe einzu­frieren, die Schul­pflicht strenger zu über­wachen, Alkohol- und Porno­grafie­verbote durch­zusetzen, vor allem aber mehr Polizisten zu statio­nie­ren und sie durch Militär­einheiten zu verstärken. Ein Programm wie für einen Bürger­kriegs­einsatz.


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