Rezension zu »Am Rand« von Hans Platzgumer

Am Rand

von


Belletristik · Zsolnay · · Gebunden · 208 S. · ISBN 9783552057692
Sprache: de · Herkunft: at · Region: Südtirol

Was macht ein Nicht-Held auf dem Gipfel?

Rezension vom 08.09.2016 · 10 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Der Tod ist Gerold Ebners treuester Begleiter. Sein kurzer Lebensweg – nur zwei­und­vierzig Jahre lang – ist arm an Segnungen und Freunden, aber an Leichen fehlt es nicht. Am Anfang steht (richtiger: sitzt) ein verein­samter alter Nachbar, der erst nach einem Jahr unbe­merkten Mumi­fizierens bei laufen­dem Fernseher endlich aufge­funden wird. Der kleine Gerold, dem der wunder­liche Anblick nicht erspart werden kann, nimmt's gefasst: Ein aufge­brauch­tes Leben, alles scheint entwichen. Schön und zufrieden sieht der Tote aus.

Als Teenager lernt er schon eher das Fürchten. Nach der Devise, ein Südtiroler kenne keine Höhen­angst, kokettieren seine Kumpel bei ihren Spielen mit haar­sträuben­den Gefahren. Gerold muss wohl oder übel mitmachen, wenn sie auf nächt­lichen Baustellen zur Spitze des Kranaus­legers rennen oder sich mit schweiß­nassen Händen klammernd herab­baumeln lassen. Dass Sascha Jovanic von der Merano-Bande vom Pfeiler der Auto­bahn­brücke abstürzt: »selber schuld«, er war Jugoslawe. Jahre später verschmilzt Jugend­freund Peter augen­blick­lich und unlösbar mit einem Hoch­spannungs­kabel, das er ver­sehent­lich berührt hat.

Gerold verharrt aber nicht im Status eines staunenden Beob­achters. Zwei Mal bringt er selbst den Tod, wo er ihn als Erlösung erkennt. Seine Mutter befreit er von den Heim­suchungen ihres Vaters, eines wider­lichen Tyrannen, und Guido Senoner, einen anderen früheren Gefährten, auf dessen Wunsch aus seiner aus­sichts­losen Pflege­bedürftig­keit, nachdem er ver­sehent­lich seine Speise­röhre verätzte.

Viele absonderliche und deprimierende Episoden wie die angedeuteten erzählt uns Gerold Ebner, und er beschreibt sie in allen, oft tief berüh­renden, auch schaurigen Details, garniert mit grausigen Spekula­tionen und makabren Über­legungen. Aber sein Ton ist durchweg unpathe­tisch, klaglos, nahezu emotionslos, wie der eines unbe­teilig­ten Zeugen trister Schicksale, von denen eines, als erkenne er es nicht, sein eigenes ist.

Der Stil fließt ungekünstelt. Er ist bewusst gewählt und überzeugend gestaltet. Schließlich ist Gerold Ebner Schrift­steller, wenn auch ein erfolg­loser. Keines seiner Roman­konzepte hat er je vollendet. Er haderte mit Unver­einbarem, dem Konflikt zwischen Realität und Fiktion, zwischen Auto­biografi­schem und der Distan­zierung davon. Jetzt aber schreibt er einfach nur »mit Kugel­schreiber auf Papier« sein Leben nieder, und dabei geht es ihm allein um Genauig­keit. Denn »präzise will ich jetzt sein, alles andere wäre Zeitver­schwen­dung.«

Die Zeit wird nämlich knapp. Den Tag der Niederschrift (11. Oktober 2012) hat er zu seinem letzten bestimmt. Penibel vorbereitet, ist er am sehr frühen Morgen aufgebrochen und nach langem Aufstieg »ange­kommen«. Den Gipfel des Bocks­bergs (»ein wenig beach­teter Fels­brocken«) erhöht er zum Ziel seines Lebens­weges. Hier findet er die Ruhe, um zu schreiben, bis am Abend das Tages­licht schwindet, die Batterie seiner Taschen­lampe entleert den Schlusspunkt setzt. Dann wird er die voll­geschrie­benen Blätter in eine Plastiktüte stecken, sie unter einen Felsen schieben und seinen letzten Schritt tun, vom Gipfel in den Abgrund springen.

Das Manuskript ist eine Art »Vermächtnis«, es soll von »einer oder einem Unbe­kannten« gefunden und gelesen werden, also von uns. Wiederholt wendet sich der Verfasser direkt und im Singular­sinn an uns, nicht zuletzt, um uns nebenbei kleine praktische Gefällig­keiten aufzu­tragen (»Ich bitte Sie, schalten Sie das Licht­chen für mich ab.« »Geben Sie ihr meine Zeilen zu lesen.«). Vor allem kündigt er rückhalt­lose Offen­heit an: »Feigheit und Schwäche, alles werde ich mir heute zuge­stehen. Ich darf alles ... Der Fels ist jetzt mein Beicht­stuhl und ich öffne mich Ihnen.« Erwartet er, dass wir ihm für seine Tötun­gen eine Art welt­liche Absolu­tion erteilen? Könnten wir das?

Einen Abschiedsbrief schreibt Gerold Ebner nicht. Es gibt keinen Adressaten mehr. Zu seiner lebens­langen Existenz »am Rand« passt, dass er alle, die ihm lieb waren, verloren hat. Seine Geschichte – »wie ich hier­her­gekom­men bin« – beginnt auch rand­ständig in West­öster­reich, nicht in einer sonnigen Tou­risten­idylle, sondern auf der glanzlosen, schattigen Nordseite der Alpen.

Schon Gerolds Mutter Maria war eine Ausgegrenzte. Als junges Mädchen setzte sie sich aus ihrem engen Vinsch­gauer Heimat­dorf Glurns (»kleinste Stadt Südtirols«) ab und zog zu Verwandten in den Norden. Die wohnten als »Optanten« (deutsch­sprachige Süd­tiroler, die man im Faschismus vor die Wahl gestellt hatte, nach Hitler-Deutsch­land auszu­siedeln oder im Musso­lini-Tirol italia­nisiert zu werden) in der Siedlung, die die Nazis hier für sie angelegt hatten. Maria verkaufte sich als preis­günstige »Schilling­frau« an Freier, die aus der Schweiz über die Grenze kamen, bis sie schwanger wurde. Danach wandelte sie sich zu einer treu katho­lischen Büßerin und arbeitete auf­opferungs­voll als Alten­pflegerin ihre Schuld ab.

Die »Südtirolersiedlung«, wo Gerold weitgehend sich selbst überlassen aufwächst, ist ein von den Einhei­mischen gemiedener Ort. Jugend­banden von Zuge­wander­ten (»Gesocks«) aus Anato­lien und vom Balkan machen dem Nachwuchs der Optanten die Straßen streitig. Heimatlos, verachtet und perspek­tivlos sind sie alle gleicher­maßen. Hier muss Gerold sich durch­schlagen. Seine katholische Erziehung hilft ihm nicht, er findet nicht den »Glauben an Gott«. In der Schule wird er gehänselt, fertig­gemacht. Zusammen mit seinem einzigen Freund Guido besucht er eine Shotokan-Karate­schule. Der eiserne japanische Lehrer, der sich unnahbar von jeglichem Leben um ihn herum abschottet, prägt die Jungen tief. Er bläut ihnen ihre »indivi­duelle Nichtig­keit« ein und dass seine Kunst darin bestehe, »das Kämpfen zu vermeiden«. Der Hass auf die feind­lichen Banden aber spornt die beiden Buben an, das Kämpfen zu lernen, die absur­desten Mut­proben zu über­stehen. Damit ist Gerold auf die Härten des Lebens vorbe­reitet, kann aus­führen, was es von ihm zu verlan­gen scheint. Ein wirklich Handelnder wird er jedoch nicht einmal, als er den Schritt vom passiven Zuschauer zum Mörder tut.

In beiden Fällen gehen ihm die Taten wie fremdbestimmt von der Hand. Zweifel, Skrupel kommen ihm nicht in die Quere. Die Umstände scheinen ihm keine Wahl zu lassen. Er hat keinerlei Vorteile, seine Täter­schaft bleibt perfekt verborgen. »Friedlich im Schlaf gestorben«, so würde die Mutter bei ihrer Rückkehr den Großvater in seinem Totenbett auffinden. Und Guido bedrängt Gernot selbst, ihn von seinen uner­träglichen Qualen zu erlösen. Im Wissen, »dass niemand sonst es tun kann«, kann er seinem Freund den Wunsch nicht ver­wehren. An uns, den Lesern seiner Lebens­beichte, liegt es, über seine Schuld zu urteilen.

Gernot Ebner nimmt sein Schicksal niemals in die Hand. Um seinen Lebens­unterhalt zu bestreiten, übt er die unter­schied­lichs­ten Tätig­keiten aus, aber die meisten sind banal, benötigen seine sprachliche Begabung nicht, fordern keine Kreativität. Mit Elena lernt er eines Tages eine Frau kennen, die ihm zumindest in gewisser Weise verwandt ist – sie schreibt Auftrags­texte, lektoriert und der­gleichen –, auch sie kommt nicht aus der Mitte der Gesell­schaft, auch sie handelt recht eigen­willigen Vor­stellun­gen folgend. Mit ihr und einem kleinen Mädchen kann Gernot eine kurze Spanne ledig­lich geliehenen Glücks genießen, ehe der Tod wieder ein grau­sames Spiel mit ihm treibt. Ein dummer Unfall, den er womöglich hätte verhindern können, wenn er beherzter hätte handeln können, nimmt ihm alles und treibt ihn letzt­endlich an den Rand des finalen Abgrunds auf dem Bocksberg.

Dies ist ein ganz auf eigene Weise fesselnder Roman, voll ungewöhn­licher, teils bizarrer Lebens­situa­tionen und Gedanken und doch fest im Boden der kom­plexen Realität verankert. Sein Autor Hans Platz­gumer, ein äußerst umtrie­biger öster­reichi­scher Musiker, Schrift­steller und Pro­duzent, spielt wie sein gleich­altriger Prota­gonist mit Fiktion und Per­spektive. Er stellt ihm einen gleich­namigen Nachbarn zur Seite, spendiert ihm eine Etymo­logie seines Namens (Das Leben in Platz­gumm im Vinsch­gau war so mühselig und hart, dass »die dort zu leben Ver­damm­ten Kummer mit dem Platz hatten«.), skizziert ihn als alter­nativen Helden. Denn Hansi Platz­gummer – aus einer Familie, die schon seit Genera­tionen in Öster­reich ansässig, aber nie heimisch geworden war – setzt sich nach Amerika ab, um sich von dem elenden Erbe, »dem Schatten, den die Berge seiner Vorfahren auf ihn warfen«, und der »Unzu­frieden­heit mit dem Platz, an dem er zu leben hatte«, endlich zu befreien. So viel freier Wille, so viel Tatkraft ist Gernot Ebner nicht gegeben. Er bleibt gefangen; sein »persön­liches Platzgumm war Glurns ..., das Schatten­loch.«


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