Rezension zu »Was auf das Ende folgt« von Chris Whitaker

Was auf das Ende folgt

von


Ein kleiner Junge verschwindet aus der Obhut seiner haltlosen, sehr jungen Mutter, und viele, viele andere Ereignisse verknüpfen sich in Tall Oaks.
Belletristik · Piper · · 400 S. · ISBN 9783492071529
Sprache: de · Herkunft: gb

Ausladendes Panoptikum einer ungemütlichen US-Kleinstadt

Rezension vom 23.09.2022 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Was auf das Ende folgt, nimmt seinen Anfang in Tall Oaks, einer (fiktiven) kalifor­nischen Klein­stadt, wo sich fast alle kennen und im Blick haben. Infolge­dessen ist alles fein und sauber – nach außen hin. Die Fassaden glänzen, doch der Schein trügt. Risse durch­ziehen das Idyll. Dies schildert uns der Autor in kurzen Erzähl­abschnit­ten, die uns Einblick in die Lebens­verhält­nisse einzelner Figuren vermit­teln und sich wie die bunten Splitter­chen eines langsam, aber stetig rotie­renden Kaleido­skops zusammen­fügen. Aller­dings rücken vor allem die düster gefärbten Steinchen als Orien­tierungs­punkte in den Vorder­grund.

»Tall Oaks«, von Wolfgang Müller übersetzt, ist somit ein zigfach gestü­ckelter Roman. Er setzt ein mit dem Orts­polizis­ten Jim, der der Aufzeich­nung eines anrüh­renden Verhörs lauscht. Die junge Jessica Monroe ist völlig verzwei­felt, seit ihr Mann Michael einfach abgehauen ist und sie alleine mit ihrem drei­jährigen Harry zurück­gelas­sen hat. Ihre Verfas­sung ist desolat, ihre Nächte sind schlaflos, ihre Seele von Angst zerfres­sen. Was sie aufrecht hält, ist die Hoffnung, dass Michael zu ihr zurück­kommt, der starre Blick auf den Monitor der Über­wachungs­kamera des Kinder­zimmers und ein griffbe­reites Messer.

Nichts von alledem kann verhindern, dass der kleine Harry eines Tages weg ist, und die Geschichte des verschwun­denen Kindes ist, sofern man denn einen dominie­renden ausmachen kann, der rote Faden im Roman. Natürlich verläuft die Suche nach dem Jungen anfäng­lich intensiv, doch da sie zu keinerlei Ergeb­nissen führt, bricht das FBI seine Arbeit ab. Damit aber kann Jessica sich niemals abfinden. Nun stürzt sie in noch tiefere Abgründe, steht meist unter Alkohol­einfluss, läuft kopflos durch den Ort, hängt Such­plakate auf, lässt sich auf oberfläch­liche Sex­beziehun­gen ein, die die fehlende Zuwendung ihres Ex-Mannes ersetzen sollen.

Jim, den Polizisten, rührt das nicht zu über­sehende Elend, es weckt seine Schutz­instinkte, und er verliebt sich in »Jess«. Vor den Typen, die ihr in den dunklen Spelunken Gewalt antun, will er sie bewahren, doch dabei muss er seine Wut arg im Zaun halten, denn in seinen Anfangs­jahren als Cop in Boston hatte er seine ktaft­vollen Fäuste oft miss­braucht. Hier zu Hause in Tall Oaks hat er sich vorge­nommen, sich um die Nöte und Probleme der kleinen Leute zu kümmern.

Zwei kunterbunte Steinchen im dahin­plätschern­den Mosaik des Städt­chens sind dagegen zwei High­school-Jungs im letzten Jahrgang, die davon träumen, als Mafiosi das ganz dicke Geld einzu­kassieren. Manny ist der selbst­ernannte Boss, und als solcher besteht er auf adäquater Kleidung (im Fünfziger­jahre-Stil) selbst bei Affen­hitze: schwarz glänzende Buda­pester Schuhe, ein Nadel­streifen-Drei­teiler (im Sommer preis­redu­ziert) und obenauf ein (viel zu kleiner) Fedorahut. Dazu passend will er fortan »M« gerufen werden, in Anlehnung an sein Vorbild »T« (Tony Soprano). Sich das zu merken über­fordert aller­dings schon seinen Kumpel Abel Golden­blatt, der überdies einfach nicht kapieren will, wie man beim Metzger oder der Reinigung um die Ecke »Kohle ein­treiben« kann. Denn wo immer das Gangster­duo auch auftaucht und Schutz­gelder fordert, ernten sie nichts als Gelächter.

Eine wahrhaft erbarmungswürdige Figur ist wiederum Jerry Lee, 35, groß und korpulent, mit hoher Fistel­stimme und Allergien aller Art geschla­gen. Zu Hause muss er sich um seine schwer kranke Mutter kümmern, wofür die verbit­terte, gehässige Frau ihm das Leben zur Hölle macht.

PhotoMax, der Laden, in dem er ange­stellt ist, ist sein Refugium – hier ist er abge­schirmt vom Gespött der Leute und findet Zeit für sein Hobby, das anspruchs­volle Foto­grafieren. Dazu hat er sich im Haus der längst verstor­benen Urgroß­eltern eine Dunkel­kammer einge­richtet und hält seit dreizehn Jahren ein Abonne­ment des National Amateur Photo­graphy Magazine. Sein Traum ist, einmal am alljähr­lichen Wett­bewerb der Zeit­schrift teilzu­nehmen – allein ihm fehlt die Traute. Mit der jungen, hübschen Lisa ermutigt ihn eine wichtige Person, denn insgeheim schwärmt er für sie, aber sie ist auch die unan­tastbare Verlobte von Max, seinem Arbeit­geber.

Die Liste der originellen Charak­tere in Chris Whitakers kleinem Universum ist lang, und irgendwie verstri­cken sich ihre Wege, kurz bevor man sie schon wieder aus den Augen zu verlieren droht. Ein schwuler Konditor, Perfek­tionist mit Neurosen, bekommt den Auftrag, die Hoch­zeits­torte für eine Milliardärs­familie zu kreieren, mit handge­formtem Brautpaar auf Torten­ständer in Blattgold gefasst. Seine einzige Mitar­beiterin ist Mannys allein­erzie­hende Mutter, die beharr­lich, aber bislang vergeb­lich nach dem Mann fürs Leben sucht. Ein neu zuge­zogener Auto­händler erregt ihr Interesse, aber Manny ist miss­trauisch. Irgend­wann rückt ein Paar nach vorn, dessen Ehe nach dem Tod ihres Babys starke Risse bekommt.

Jede dieser teils exzentrischen Figuren zieht einen Erzähl­schweif hinter sich her, und nicht wenige davon bringen genug an Proble­matik und Tiefe mit, um zum Plot eines eigen­ständigen Romans ausge­arbeitet zu werden. In der stoff­lichen Über­frach­tung wirkt Chris Whitakers Debüt­roman wie ein Versuchs­feld seiner Kreati­vität. Anderer­seits geht in der Fülle der über­wiegend gebro­chenen Figuren und ihrer schicksal­haften Verflech­tungen auch manche Tragik unter. Weniger wäre wohl mehr gewesen.

Übrigens ist »Tall Oaks« bereits 2016 erschie­nen. Bei uns ist der Nach­folger, Chris Whitakers zweiter Roman »We begin at the end« (2020), schon vor dem Debüt an den Start gegangen: Als »Von hier bis zum Anfang« kam er 2021 in die Buch­hand­lungen [› Rezension].


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