Rezension zu »Stunde der Flut« von Garry Disher

Stunde der Flut

von


Zwei Verbrechen in einer australischen Kleinstadt bleiben lange ungelöst, bis der Ursprung allen Übels ausgerechnet in einer Polizeieinheit ans Licht tritt.
Kriminalroman · Unionsverlag · · 334 S. · ISBN 9783293005846
Sprache: de · Herkunft: au

Ordnungshüter mit Sonderrechten

Rezension vom 12.10.2022 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Das Konzept von Garry Dishers aktuellem Kriminal­roman erscheint einfach und nicht sehr originell. Die Handlung trägt sich auf zwei Zeit­ebenen zu. Da sind zunächst – um die Jahr­tausend­wende – zwei Ver­brechen, die aufge­klärt werden müssen. Die Aufgabe obliegt einem noch jungen Ermittler, der jedoch scheitert. Zumal seine Familie invol­viert ist, lässt ihn der eine der beiden Fälle nicht ruhen. Nach zwanzig wechsel­haften Jahren wird er erneut damit konfron­tiert und muss sich gleich­zeitig bemühen, sein Leben und das seiner ver­korks­ten Familie aufzu­arbeiten. Die verwi­ckelten krimi­nalisti­schen und familiä­ren Zu­sammen­hänge erfordern die Aufmerk­samkeit der Leser bis zu den letzten Seiten – wer dagegen Action- und Gewalt­szenen erwartet, wird ent­täuscht sein.

Originalausgabe:
»The Way it is now«
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Übersetzung: Peter Torberg

Unser Protagonist heißt Charlie Deravin und ist in der ersten Zeitebene ein ange­hender Constable in Melrose Beach (Austra­lien), wo er mit dem älteren Bruder Liam und den Eltern aufge­wachsen ist. Sein Vater, Rhys Deravin, ist Detective Sergeant und der Platz­hirsch der kleinen Polizei­einheit am Ort, denn er hat sich einen Namen als Ver­brechens­jäger gemacht. In seinem Revier geht es robust zu. Die Ordnungs­hüter, alles gute Kumpels, feiern gerne Feste, schlagen heftig über die Stränge und nehmen sich allerlei Frei­heiten heraus, die im Gesetz nicht vorge­sehen sind. So spricht man von »Macho­kultur« und Korrup­tion, und bald verlassen die ersten Frauen ihre raubei­nigen Männer.

Auch Charlies Eltern leben in Scheidung. Vater Rhys bewohnt mit seiner neuen Lebens­gefähr­tin weiter­hin das beschei­dene Heim der Familie, das wie all die benach­barten Häuser auf der Peninsula aus den Dreißiger­jahren stammt. Mutter Rose (eine Lehrerin) ist ausge­zogen und zur Miete in einem schäbigen Haus im Außen­bezirk unterge­kommen. Ihre finan­zielle Situation ist so ange­spannt, dass sie einen Unter­mieter bei sich auf­genom­men hat. Würde das Eltern­haus im Zuge der Scheidung verkauft, hätte sie etwas mehr Geld zur Verfügung und könnte sich eine hübschere Unter­kunft leisten.

Als die beiden Brüder von ihrer Mutter erfahren, was für ein Kerl sich da bei ihr einge­nistet hat, sind sie entsetzt. Shane Lambert ist nicht nur mit der Miete im Rückstand, sondern macht sich bei Rose auch unver­schämt breit. Wenn er nach seiner Arbeit im Holz­handel nach Hause kommt, belästigt er sie und zwingt sie mit absto­ßenden Mitteln, mit ihm zweifel­hafte Filme anzu­schauen. Umgehend sorgen Charlie und Liam dafür, dass der Mann gleich die folgende Nacht in einem Motel verbringt.

Ein paar Tage später wird Charlie mit weiteren Kollegen zu einem Jugend­lager einbe­stellt, wo ein Neun­jähriger seit dem morgend­lichen Spielen am Strand nicht mehr gesehen worden war. Als einzige Spur entdeckte ein Suchtrupp seinen Rucksack mit Porte­monnaie und der Kleidung, die er am Körper getragen hatte. Der Fundort war am Strand, unweit des Hauses von Charlies Mutter.

Und zwei weitere Neuigkeiten beun­ruhigen Charlie. Shane Lambert hat »Anzeige erstattet«, und Mutter Rose ist mit ihrem Auto drüben bei Tooradin gegen einen Zaun gefahren. Der Wagen steht dort mit offener Fahrertür, im Zünd­schloss steckt der Schlüssel, blutver­schmiert, auf der Straße liegt der Inhalt der Hand­tasche, aber von Rose fehlt jede Spur. War sie betrunken oder zu schnell unterwegs, oder ist sie einem Ver­brechen zum Opfer gefallen?

Durch die nun folgenden inten­siven Recher­chen der Polizei geraten Lambert, Vater Rhys und andere unter Verdacht, doch keine Spur führt zu einem konkreten Ergebnis. Was soll man anderes tun, als den Fall zu den Akten zu legen?

 

Zwanzig lange Jahre gehen ins Land, und vieles hat sich in Melrose Beach verändert. Das Städtchen scheint aus einem Dorn­röschen­schlaf erwacht. Zwar sind die Straßen immer noch nicht geteert, doch kündet der lebhafte Verkehr darauf von reger Bau­tätigkeit.

Charlie ist zum Senior Constable aufge­stiegen und eigent­lich »der fried­liebendste Mensch«. Doch nachdem er seinen Chef einmal so schubste, »dass er über seinen eigenen Schreib­tisch fiel«, wird er suspen­diert, muss sich einer Therapie unter­ziehen und interne Dis­ziplinar­verfah­ren erwarten. Die Thera­peutin rät ihm, »die Chance« zu ergreifen und Möglich­keiten zu erkunden, wie er mit neu ent­wickel­ten Strate­gien seine Zukunft besser gestalten kann, doch für Charlie sind das nur hohle Worte.

Dabei ist auch sein Privatleben eine Berg-und-Tal-Fahrt. Sein erstes Eheglück ist zerbro­chen. Nun hat er eine neue Beziehung und wohnt wieder im elter­lichen Haus. Mit dem großen Bruder Liam hat er nur noch spora­disch Kontakt, seit dieser neun Jahre zuvor wegzog, um mit einem Partner zusammen­zuleben. Dieser Schritt hat zum Bruch mit Vater Rhys geführt, zumal Liam seinem Vater stets eine gewisse Schuld im Zusammen­hang mit dem Verschwin­den von Mutter Rose zugetraut hat. Charlie hat diesen Verdacht gegen den Vater nie geteilt, doch die Hoffnung, Roses Schicksal aufzu­klären, hat er nie aufge­geben.

Schließlich lässt ein Zufall den »Cold Case« wieder aktuell werden, und Charlie nimmt »die Jagd« wieder auf.

 

Garry Disher ist ein hierzulande noch nicht sehr bekannter austra­lischer Autor. Seine Kriminal­romane zeichnen sich durch die detail­genau heraus­gearbei­tete Atmophäre der Schau­plätze auf seinem Kontinent aus, die auch seine nuanciert charak­terisier­ten Figuren prägt. Be­merkens­wert ist außerdem seine typische Erzähl­weise: Sie wirkt einer­seits durch­gehend unauf­geregt, ja gemäch­lich – selbst bei der eigent­lichen Auf­klärung ganz am Ende des Romans –, wird anderer­seits von einem litera­risch durchaus komplexen Sprach­stil getragen. Sorg­fältig motiviert und gut nach­voll­zieh­bar geschil­dert sind darüber hinaus die wech­seln­den Stim­mungen des Protago­nisten, in den glück­lichen Zeiten seiner familiä­ren Bezie­hungen und seines beruf­lichen Aufstiegs ebenso wie in den Phasen der Frustra­tion, als sich der Ermittler ins Abseits geschoben findet. Was ihn immer wieder voran­treibt und stützt, ist der so unbe­friedi­gend zurück­gelas­sene Fall seiner eigenen Mutter. Das schwarze Loch des unge­lösten Rätsels zieht Charlie immer wieder zu sich, so wie ihn auch die schmut­zige Ver­gangen­heit der väter­lichen Polizei­einheit schließ­lich unaus­weich­lich einholt.


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