Rezension zu »Der Arm des Kraken« von Christoph Peters

Der Arm des Kraken

von


Kriminalroman · Luchterhand · · Gebunden · 352 S. · ISBN 9783630873206
Sprache: de · Herkunft: de

Der Pate aus Fernost

Rezension vom 09.12.2015 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Gehen Sie gern beim Japaner essen? Kaufen Sie manch­mal im Asia-Shop ein? Dann wappnen Sie sich, wenn Sie diesen Krimi lesen. Wo­mög­lich werden Sie das freund­li­che Lächeln der asiati­schen Dienst­leister danach mit durch­wach­se­nen Ge­fühlen genie­ßen. Auch gegen­über Blumen­lä­den, Nagel­studios, klei­nen Lädchen mit Nippes und gefakter Marken­klei­dung, Sport­studios und Ände­rungs­schnei­dereien lehrt das Buch Miss­trauen. Wer weiß, wer weiß – vielleicht steckt Yakuza da­hinter.

»Yakuza«, das ist die japanische Version kri­mi­neller Or­gani­sationen, die wir schon in ihren ita­lie­nischen, viet­name­si­schen, russi­schen und chine­sischen Spiel­arten kennen­lernen durften. Das Prinzip ist überall das gleiche: ir­gend­wie in den längst besetz­ten, hart um­kämpf­ten Markt rein­boxen, die Kon­kurrenz ver­trei­ben oder um­brin­gen, kein Geschäfts­feld aus­las­sen, mit dem man schnell fette Kasse machen kann, alle Unter­neh­mungen gut tarnen, ille­gal ein­ge­nom­menes Geld in un­ver­fäng­lichen öffent­lichen Ge­schäf­ten (siehe Bei­spiele oben) waschen – und vor al­lem alle Mit­arbeiter am engen Zügel führen, damit keiner auf dumme Ge­danken kommt und etwa neben­bei auf ei­gene Rech­nung loslegt.

Zimperlich ist keine der nationalen Varianten, doch die Yakuza-Kumi, so will uns der Autor Chris­toph Peters glauben ma­chen, sind un­vor­stell­bar grausam und noch viel ge­fähr­licher als alles bisher Da­ge­wese­ne. Ein weiteres Unter­schei­dungs­merk­mal ist na­türlich die Ver­anke­rung in Japans ur­alter Kultur, zu der Yakuza schon seit eini­gen Jahr­hun­der­ten gehört. Der Einzelne ist nichts, die Weis­heiten der großen alten Meister sind alles, Respekt ist geboten, ehe man zur Sache kommt, und man be­herrscht al­lerlei aparte Tötungs­tech­ni­ken. Chris­toph Peters kennt sich mit alldem aus, denn dies ist nicht das erste Buch, in dem er japa­nische und deutsche Eigen­heiten auf­einan­der­pral­len lässt. Aller­dings war noch keines so blutig.

Was da so alles an Chaos abgeht in unserer multi­kultu­rellen Haupt­stadt ent­wi­ckelt der Autor in säuber­lich geord­ne­tem Wechsel zwischen den beiden Haupt­per­spek­tiven. Die fern­östli­che re­prä­sen­tiert der ja­pa­nische Prota­gonist Fumio Onishi, ein Yakuza-Mann, der sich als Im­port-Ex­port-Mana­ger tarnt. (Das ist hübsch iro­nisch, weil er ja Yakuza nach Berlin ex­por­tie­ren will.) Die ein­hei­mi­sche Sicht- und Denk­weise ver­tritt An­ne­gret Bartsch, die 46-jäh­ri­ge Kom­mis­sa­rin, und zwar in un­ge­fil­ter­ter Ich-Rede. Doch dazu später. Da Fumio Onishis Re­cher­chen denen der Kom­mis­sarin immer einen Schritt vor­aus sind, er­fährt der Le­ser aus sei­nen Kapi­teln mehr über Hinter­gründe und Zu­sam­men­hänge der Er­eig­nis­se, als Anne­gret schon weiß. Wir dür­fen also herab­lassend den Kopf schüt­teln oder uns amü­sieren, wie die Poli­zei noch in der ganz kalten Rich­tung unter­wegs ist und bei der xeno­phoben Neo­nazi-Szene er­mit­telt, während Yakuza und all die ande­ren Mafia-Gruppen sich unter­ein­an­der fetzen. Das ergibt alles zu­sam­men einen rasanten Krimi.

Die Hand­lung beginnt boden­stän­dig. Wie jeden Mor­gen treffen sich ein paar Leute aus den um­lie­gen­den Platten­bau­ten im Zentrum der Erich-Müh­sam-Sied­lung. Was sie eint, ist die Be­geiste­rung für ihre Hunde. Wäh­rend die Vier­beiner auf den Wie­sen ihre Ge­schäfte ver­rich­ten, plaudern die Zwei­beiner über dies und das, am kom­pe­ten­tes­ten über ihre Tiere. Jedes Frau­chen, jedes Herr­chen hat einen Spe­zial­beutel für die kör­per­war­men Ab­son­de­run­gen ihrer Liebs­ten dabei. Doch trotz dieses vor­bild­lichen Verhaltens und der sich darin mani­festie­ren­den Rück­sicht­nahme auf Mit­men­schen, die keine Hunde­fans sind, hat ein Fies­ling in der Nähe des Ob­ser­va­tori­ums ver­gif­tete Bou­letten aus­gelegt – eine heim­tücki­sche Attacke auf Leib und Leben der allzeit nur spie­len­den Lieb­linge.

Dabei ist der Tod noch näher, als die Hunde­halter ver­muten. An einem Teich mit künst­lichem Wasser­fall ent­decken sie bald einen Toten. Je­mand hat ihm mit einer Feuer­waffe das Hirn weg­ge­pustet. Im oliv­farbe­nen Achsel­shirt steckt ein durch­trai­nier­ter Kör­per. Die Mus­kel­pa­kete an Armen und Schulter schmückt groß­flächig ein virtuos ge­sto­che­nes Tattoo: »ein pur­pur­ner Kraken­arm«. Dass so ein Kunst­werk üblicher­weise Mit­glie­der der Yakuza ziert, wissen frei­lich nur Ex­perten.

Der mit nur sieben­und­zwan­zig Jah­ren Ver­bli­chene heißt Yuki Ozawa. Daheim in Japan hatte er ein Stu­dium ab­ge­bro­chen, aber weder Drogen ge­nom­men noch Straf­taten began­gen. Er war also sauber, als er zur Yakuza-Fa­milie stieß. Die ihm zu­erst über­tra­ge­nen klei­nen Aufga­ben führte er ge­wis­sen­haft aus. Was ihn aber beson­ders aus­zeich­nete, waren seine Deutsch- und Eng­lisch­kennt­nisse. Sie prä­desti­nier­ten ihn für einen Einsatz im fernen Ber­lin, wo die viet­name­si­sche Mafia gerade sehr erfolg­reich agierte. Yuki sollte sie peu à peu unter­wan­dern.

Fumio Onishi war Yukis direk­ter Kontakt­mann und sein Aniki, wie man im Land der auf­gehen­den Sonne einen älte­ren Bru­der oder Vor­ge­setz­ten respekt­voll benennt. Damit war Fumio Onishi per­sön­lich ver­ant­wort­lich für Yuki. Dass er sei­nen Schütz­ling nicht besser im Griff hatte, wird ihn in Tokio »wo­mög­lich ein Finger­glied kosten«. Als er ihn drei Monate zu­vor zuletzt in Berlin be­sucht hatte, waren ihm Ver­ände­run­gen in Yukis Lebens­wan­del auf­ge­fallen. Er hatte eine deutsche Freundin und pflegte einen luxu­riö­sen Stil.

Jetzt ist Fumio Onishi über Amster­dam nach Berlin ein­ge­flo­gen. Sein Oyabun, der über ihm stehende Patriarch, hat ihn mit einem einfa­chen Auftrag nach Europa entsandt. Er muss den Mord an Yuki Ozawa rächen.

Wer hat es gewagt, einen Yakuza-Mann zu töten? Fumio Onishi wird das auf seine Weise re­cher­chie­ren. Brutal und gefühl­los lässt die asia­tische Kampf­ma­schine, im Um­gang mit dem Schwert aus­ge­bil­det, keinen Betei­ligten der viet­name­si­schen Mafia am Leben. In roten Strö­men fließt das Blut den Prenz­lauer Berg hinab.

Das ruft das 1996 ge­gründete Berliner »Viet­nam­dezer­nat« auf den Plan und bringt Anne­gret Bartschs Leben ge­hö­rig durch­ein­ander. Seit Jahren waren Anne­gret und die Ab­tei­lung mehr oder weniger lang­wei­lig vor sich hin­ge­düm­pelt, ohne be­mer­kens­werte Fälle, ohne Er­folgs­erleb­nisse. Jetzt aber geht's derart zur Sache, dass es sogar Anne­grets Ehe­mann be­un­ruhigt. Volker, in Anne­grets Augen eine »Nulpe«, ist beim Grün­flächen­amt an­ge­stellt. Der Jam­mer­brat­zen be­klagt sich, er könne sich nicht auf seine Rho­do­den­dren kon­zen­trie­ren, wenn er be­fürch­ten muss, dass seine Gattin von irgend­einem Viet­name­sen ab­ge­knallt wird.

Und dann ist da noch Lizzy, die acht­jähri­ge Tochter und der dia­me­t­rale Ge­gen­ent­wurf zu ihrer rup­pi­gen Mutter. Lizzys »Prin­zes­sin­nen­fim­mel« und ihr stän­diges Getue um Glitzer und die Lieb­lings­farbe Rosa gehen Anne­gret total auf die Nerven.

So ist Kom­missarin Bartsch hin- und her­ge­ris­sen zwischen ihren Pflich­ten im Beruf, ihren haus­frau­lichen Tätig­keiten (ein »natür­li­ches Frei­zeit­ver­gnü­gen«) und ihren elter­lichen Funk­tio­nen, die sie oft nicht besser aus­füh­ren kann als in der Rolle einer »extrem übel­lau­ni­gen Mutter«.

Annegrets atemloses Hetzen und Jagen, immer an den Limits von Ener­gie und Ge­duld, schlägt sich gran­dios in der Art und Weise nieder, wie sie erzählt. Ihre Kapi­tel sind jeweils ein einzi­ger ufer­loser Satz, in dessen Sturz­bach alles aus ihr heraus­spru­delt, was sie gerade erlebt, gesagt, gehört hat, was sie bewegt, ärgert, plant, erhofft. Zum Struk­tu­rie­ren hat sie weder Lust noch Kraft übrig; das müssen folg­lich wir beim Lesen er­ledi­gen, und das wird zum Ende hin, wenn sich die Novi­tät abge­kühlt hat, etwas müh­selig. Schade nur, dass Fumio Onishi in stilis­tischer Hin­sicht nicht direkt mit der Kom­mis­sa­rin kon­tras­tie­ren darf. Sein kalt-räso­nieren­des Vor­gehen wird ein wenig distan­ziert in der 3. Person er­zählt.

Wie nahe mag Christoph Peters' Fiktion unserer Realität kommen? Der Autor lässt neben­bei aller­hand In­for­ma­tio­nen ein­fließen, wie die asia­tische Mafia mit un­ent­wirr­baren Fir­men­ge­flech­ten Geld­wäsche, Men­schen­han­del, Drogen­geschäfte und was das Ga­noven­herz sonst noch er­freuen mag, erfolg­reich zu ver­schleiern trachtet. Nicht nur mitten in Berlin blüht eine Schat­ten­wirt­schaft, die volks­wirt­schaft­liche Schä­den in Mil­liar­den­höhe ver­ur­sacht. Das lässt uns Leser, nach­dem wir über drei­hun­dert­fünf­zig Seiten apart, span­nend und stilis­tisch un­ge­wohnt unter­halten wurden, nicht un­be­rührt zurück.


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