Rezension zu »Erlösung« von Claus Cornelius Fischer

Erlösung

von


Thriller · Blessing · · Gebunden · 528 S. · ISBN 9783896674456
Sprache: de · Herkunft: de

Dr. Ella Bach: Leichen pflastern ihren Weg

Rezension vom 25.05.2011 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Superspannend beginnt der Krimi "Erlösung" von C.C. Fischer. Dr. Ella Bach erhält einen anonymen Anruf und eilt sofort mit Max, ihrem Assistenten, zum Rettungseinsatz. Sie betritt eine dunkle Wohnung: Glassplitter am Boden reflektieren das Licht ihrer Taschenlampe, in einer großen Wasserpfütze verenden Fische in ihren letzten Zuckungen. Ella folgt einem Wimmern und findet ein Bündel Mensch in einer Blutlache – es ist eine Frau mit entstelltem, blutüberströmtem Gesicht, fehlenden Fingernägeln und Wunden von in Streifen geschnittener Haut. Sie stirbt fast unter Ellas Händen, doch eine Adrenalinspritze ins Herz holt sie ins Leben zurück. Nun muss sie auf schnellstem Wege in die Berliner Charité. Wegen eines Brands in einer Disco herrscht dort allerdings heilloses Chaos, und weil mehr Patienten als Betten und Arztkapazitäten vorhanden sind, schafft es Ella nur mit Schwierigkeiten, die Erstversorgung für ihren vordringlichen Notfall zu erhalten und die Aufnahme durchzusetzen.

Mit gutem Gefühl fährt Ella nach Hause, doch schon nach ein paar Stunden der Erholung nimmt mit ihrer telefonischen Nachfrage ein Albtraum seinen Lauf. Man habe keine Unterlagen; eine Patientin mit den beschriebenen Symptomen sei nie aufgenommen worden; bei den Abgängen, den Toten, sei auch niemand Passendes gemeldet, lautet die Auskunft des Krankenhauses.

Als kurz darauf ihr Assistent Max ebenfalls bestialisch ermordet wird und sie einen seltsamen Anruf eines Polizisten erhält, traut die Ärztin sich nicht mehr in ihre Wohnung, denn sie muss jetzt um ihr Leben fürchten. Wohin sie sich bewegt, mit wem sie Kontakt aufnimmt, sie weiß nicht mehr, wem sie trauen kann. Selbst bei der Polizei ist nicht jeder auf der Seite des Gesetzes, und auch ein Journalist, der sich zunächst als Bruder der Toten ausgegeben hat, wird ihr nach einem kleinen Liebesabenteuer immer suspekter.

Die verschwundene Patientin hatte etwas mit einem Familienverbrechen zur Zeit der Weltwirtschaftskrise 1929 zu tun. Ella recherchiert, reist durch Europa, lernt Männer kennen, hinter denen wiederum Machtlenker stehen, die sich stark genug fühlen, um sogar die Demokratien Europas aushebeln zu können. Aber sie müssen fürchten, diesen Einfluss zu verlieren, wenn gewisse Unterlagen aus längst vergangenen Zeiten ans Licht kommen.

Überzeugen konnte mich dieser Plot nicht wirklich. Europas Staatssysteme sind konstitutionell, institutionell und organisatorisch derartig tiefgreifend stabilisiert, dazu so eng und effizient miteinander vernetzt, dass ich die beschriebene Gefahr für nicht mehr als ein sehr weit hergeholtes Gedankenspiel halte. Und dann lässt der Autor eine Figur wie Frau Doktor Ella Bach ermitteln: Dabei könnte doch nicht einmal eine "Göttin in Weiß" etwas ausrichten gegen Leute, die das Kaliber haben, unseren Kontinent umzukrempeln – eine krasse Fehlbesetzung mit wenig Überzeugungskraft. So wirkt der Krimi insgesamt arg konstruiert.

C.C. Fischer hat sich in seinem Roman zuviel zugemutet. Was war eigentlich sein Ziel? Spannung erzeugen, mit Brutalität schocken? Die Anfangsspannung verflüchtigt sich immer mehr, je länger Ellas Verfolgungsjagd dauert. – Vor antidemokratischen Tendenzen warnen? Dazu ist das Konzept zu hanebüchen. – Mit historischen Zusammenhängen und Entwicklungen spielen? Warum hat Fischer dann den Plot rund um das Familienverbrechen nicht weiter ausgebaut? Da hätte ich mir eine spannende Geschichte in Kriegswirren vorstellen können. Stattdessen hätte er die europäische Finanzkrise seit 2009 gut weglassen können, birgt sie doch unerschöpfliches Material für einen eigenständigen wirtschaftspolitischen Krimi. Diese Entwicklung war erschütternd genug und bedarf gewiss nicht der Unterfütterung durch eine fiktionale Vorgeschichte über etliche Jahrzehnte hinweg.

Schade – ich hatte mir von dem Autor und Journalisten, der für "Die Welt" und "Die Zeit" schreibt, mehr versprochen als ein unrealistisches Konstrukt blühender Fantasie.


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