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Rezension zu »Nora Webster« von Colm Tóibín

Nora Webster

von


Frauenroman · Hanser · · Gebunden · 384 S. · ISBN 9783446250635
Sprache: de · Herkunft: gb

Wie soll es weitergehen?

Rezension vom 11.01.2017 · 2 x als hilfreich bewertet mit 1 Kommentaren

In seinem neuesten Roman schildert Colm Tóibín den schwierigen Weg seiner Heldin Nora Webster zu ihrer Selbst­findung. Nach dem unerwar­teten Tod ihres geliebten Mannes Maurice steht die 46-Jährige nach einund­zwanzig glück­lichen Ehe­jahren vor der Notwen­digkeit einer Neuorien­tierung. Allein auf ihre eigene Persön­lichkeit zu bauen ist ihr nicht ohne weiteres möglich, denn es sind die späten Sechzi­gerjahre, und sie lebt in Ennis­corthy, einer Kleinstadt im Süd­osten Irlands, wo man unver­sehens aus der Kurve getragen wird und zum Außen­seiter gerät, wenn man den gängigen Konven­tionen nicht die erwartete Folg­samkeit ange­deihen lässt.

In die rückständige Enge dieses Ortes wird man hineingeboren, und nur wenige schaffen es, sich daraus zu befreien. (Einer von ihnen ist Colm Tóibín selbst; er wurde 1955 hier geboren.) Die Bande der sozialen Kontrolle sind straff gezurrt. Jeder kennt jeden, man beäugt einander argwöh­nisch, braucht sich unter seines­gleichen nicht mit Kommen­taren im Guten wie im Bösen zurück­zuhalten. Beim Tee der Hausfrauen und im Golfclub der Männer werden Klatsch und Tratsch spitz­züngig weiter­gereicht. Je nach sozialem Status im klein­bürger­lichen Gefüge darf man sich An­maßun­gen und Überheb­lichkeit erlauben oder hält sich besser bedeckt und gibt sich devot. Oberste Instanz in allem ist die katho­lische Kirche, aber ein Hort der Nächsten­liebe ist sie nicht.

Maurice Webster war ein angesehener Bürger, ein beliebter Lehrer. Noch Monate nach seinem Tod kommen Nachbarn, Freunde, Bekannte ins Haus, um ihr Beileid auszu­drücken. Ihre mitfüh­lenden Gesten, Worte und Blicke schmerzen Nora. Aber die Hoffnung, dass es endlich aufhöre, wird gleich zerfressen von der Angst, die Leute könnten sie zu meiden beginnen. Plötzlich allein mit der Verant­wortung für vier Kinder, plötzlich allein­stehende Frau in einer Klein­stadt, plötzlich allein mit ihrer Trauer als Witwe – welche Signale muss, darf sie an ihre Umgebung senden? Ihre besten Freun­dinnen könnten ihr beistehen, wären sie nicht längst nach Dublin verzogen.

Obwohl sich immer alles um die Kinder gedreht hatte, vermag Nora nicht einmal sie zu trösten oder ihnen gegen­über ihre Emotionen zu offen­baren. Vor den halb­wüchsigen Söhnen Donal und Conor verbirgt sie ihre Trauer ebenso wie die täglich wachsenden Alltags­sorgen und finan­ziellen Nöte. Die beiden fast erwach­senen Töchter Fiona und Aisne kommen nur am Wochen­ende aus ihren Colleges nach Hause. So geht jedes Familien­mitglied anders mit seinen Verlust­gefühlen um. Die Distanzen sind unüber­brückbar. Man versinkt in Gedanken, schweigt, die Töchter wirken abweisend, Donal stottert zunehmend, schreit im Schlaf. Als es mit Maurice zu Ende ging, fühlte sich Nora völlig über­fordert und quartierte die Söhne für zwei Monate bei Tante Josie ein. Jetzt schlagen ihr heftige Vorwürfe entgegen, sie habe die Jungen abge­schoben und vernach­lässigt.

Wie soll es weitergehen? Die kleine Rente, die ihr zusteht, erlaubt keine großen Sprünge. Um die ersten finanziellen Hürden zu nehmen, muss sie das Wochenend­häuschen am Meer verkaufen, ausgerechnet diesen Ort schöner gemein­samer Erinne­rungen, der die Familie vereinte. Dann wird sie sich um eine Arbeits­stelle kümmern müssen, am liebsten in Teilzeit. Aber die Auswahl ist nicht groß, zumal sie als junges Mädchen keine Schulaus­bildung abschlie­ßen konnte, wie sie sie gern gewollt und sicher­lich geschafft hätte. Wie schon als Fünfzehn­jährige wird sie sich wohl oder übel wieder mit einem Bürojob voller Demüti­gungen und Konfron­tationen bei den Gibneys begnügen müssen, der Familie, die in der Gegend den Ton angibt und das letzte Wort hat.

Nora muss sich eingestehen, dass Freiheit und Sicherheit, die die Ehe mit Maurice ihr geschenkt hatte, unwieder­bringlich dahin sind. Zwar ist sie stark, impulsiv und starr­köpfig genug, um neue Wege zu beschreiten, im Innersten aber unsicher und immer darauf bedacht, den vermu­teten Erwar­tungen der anderen zu ent­sprechen. Mit ihrer komplexen, wider­sprüch­lichen Persön­lichkeit fühlt sie sich unwohl in ihren unge­wohnten neuen Rollen, hadert mit jeder Entschei­dung, trifft dann tatsäch­lich leicht daneben, rutscht auf dem Parkett der Konven­tionen aus, verliert selbst die Zustim­mung ihrer Kinder, von der der kritischen Mitbürger ganz zu schweigen. Ohne jedes Maß schlägt sie zurück, wenn sie sich persönlich angegriffen glaubt oder meint, ihren Kindern geschehe eine Unge­rechtig­keit.

In diesem Mikrokosmos, wo allüberall subtile Fallen lauern und Nora nicht selten mit dem Vorschlag­hammer wütet, entwickelt Colm Tóibín ihre Geschichte nicht einfach fort­schreitend, sondern wie in konzen­trischen Kreisen über drei Jahre. So lange wird sie brauchen, bis sie Maurice loslassen, seine Kleidung entsorgen, die intimen Briefe ins Feuer werfen und das Haus renovieren kann.

Colm Tóibíns atmosphärischer Roman »Nora Webster« Colm Tóibín: »Nora Webster« bei Amazon , den Ditte und Giovanni Bandini übersetzt haben, lebt nicht zuletzt von seinem fremd anmutenden irischen Zeit- und Lokal­kolorit, aber in erster Linie von seiner Prota­gonistin. Inmitten der nach allen Seiten herum­mäkelnden Mit­menschen ein stabiles, selbst­sicheres Ich aufzu­bauen erscheint schier unmög­lich. Am Ende ist sie erschöpft. Als sie in einem Fieber­traum Maurice wieder­sieht, sehnt sie sich danach, seine Meinung zu ihrer und ihrer Kinder Zukunft zu hören: »Wird es uns gut gehen?«


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Kommentare

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Zu »Nora Webster« von Colm Tóibín wurden 1 Kommentare verfasst:

Dorit schrieb am 06.05.2017:

Mit allem einverstanden, hinzuzufgen wre der Stabilittsfaktor Musik, der zunehmend Raum gewinnt und Krfte und Selbstvertrauen entstehen lt! Fasziniert bin ich von der Sprache Toibins, diese Schnrkellosigkeit, die alle Emotionalitt hinter das Wort stellt und trotzdem so klar ist.

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