Rezension zu »F« von Daniel Kehlmann

F

von


Belletristik · Rowohlt · · Gebunden · 380 S. · ISBN 9783498035440
Sprache: de · Herkunft: de

Kehlmanns Farbenlehre

Rezension vom 07.12.2013 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

»Es war das Jahr 1984.« Arthur Friedland lebt in zweiter Ehe mit einer Au­gen­ärz­tin und den eineiigen Zwil­lin­gen Iwan und Eric. Während die Medizinerin den Lebensunterhalt verdient, versucht er sich im Schreiben (»brin­ge das Leben damit zu, über das Leben nach­zu­den­ken«). Ab und zu über­rascht er die Jungs mit Aus­flü­gen; sie verbringen dann schöne Nach­mit­tage im Zoo, auf der Kirmes oder im Schwimm­bad. Als erstes holen sie dazu Martin, Arthurs Sohn aus erster Ehe, bei dessen Mutter ab.

Einmal wäre der Junge fast überfahren worden, als er aus der Tür heraus zum wartenden Wagen des Vaters stürmte. Der Vorfall gab ihm zu denken: War es Zufall, dass er lebendig bei den anderen saß und nicht tot auf dem Asphalt lag? Oder Schicksal? Oder Gottes Wille? Im Auto entbrennt eine offene Dis­kus­sion, bis Arthur sie kategorisch beendet: »Gott gibt es nicht.«

Martin hatte seinen Vater erst in seinem siebten Lebensjahr kennengelernt. Vermisst hatte er ihn nicht – er ge­noss vielmehr die väterliche Abwesenheit: »Kein Vorbild ... keine Last«.

Eines Nachmittags hat Arthur etwas ganz Besonderes geplant. Im Theater tritt ein »Meister der Hypnose« auf. »Der große Lindemann lehrt Sie, Ihre Träume zu fürchten.« Zunächst werden drei Erwachsene auf die Bühne gebeten, dann fordert der Meister die drei Geschwister Friedmann zu sich herauf. Iwan, ohnehin mehr an der Deckenbemalung interessiert, die ein Gewölbe vortäuscht, hält die Vorstellung für einen alber­nen Trick und spielt das Hampelmannspiel (»heb den rechten Fuß«) nur mit, um den Künstler nicht zu bla­mie­ren. Als Arthur dran ist, wehrt er erst ab (»Bei mir funktioniert es nicht.«), gibt sich dann aber dem tosenden Ap­plaus des Publi­kums und dem Drängen der Kinder geschlagen.

Nach einem öffentlichen psychoanalytischen Dialog mit dem Meister bekennt Arthur frank und frei, mit sei­nem Leben nicht glücklich zu sein. Seine Kinder liebe er nur, »weil man das muss.« Am Ende ordnet »der große Lindemann« Besserung an, und Arthur wiederholt brav die Beschwörungsformeln: »von heute an ... mit ganzer Kraft ... egal, was es kostet ...«

Gleich danach steuert Arthur den Wagen fröhlich vor sich hin pfeifend zu Martins Mutter, lädt bei ihr alle Jungs ab, »lachte, trat auf Gaspedal« und ward Jahre nicht mehr gesehen. Irgendwann erschien Arthur Fried­lands Name ganz oben auf den Bestsellerlisten, und ein Roman folgte dem anderen.

Im August 2008 haben es Arthurs Söhne (»Die Ritter der Tafelrunde«) weit gebracht. Sie sind Meister der Täu­schung geworden: Eric als Finanzberater, Iwan als Betreiber einer angesehenen Kunstgalerie. Eric hat sich von der Geldgier reicher Anleger in höchste Höhen tragen lassen, ehe ihn die Finanzkrise in den Bank­rott stürz­te. Jetzt deckt er das eine Konto mit dem Geld eines anderen und spielt seinen Kunden gegen­über den Jo­via­len. Nicht einmal seine Frau Laura, seine Tochter Marie oder seine Geliebte Sibylle ahnen, dass er sich nur noch mit Beruhigungstabletten über Wasser hält. Schon als Jugendlicher hatte er unter Stimmen, Er­schei­nun­gen und Klaustrophobie gelitten; nun wird ihm sein ganzes Haus zum Albtraum. Im Keller hört er metal­li­sche, schabende Geräusche – seine persönliche »Hölle«, »die ewige Bestrafung«.

Iwans Segen ist das vielversprechende und bestens zu vermarktende Künstlertalent Heinrich Eulenböck. Als der nach einem produktiven Leben verstirbt, hat Iwan, mit seiner eigenen Stilfindung unzufrieden, die Tech­nik des Kopierens perfektioniert. Skrupel kennt Iwan nicht, denn »alle Museen hängen voll von Fäl­schun­gen«, und über die Frage, ob nun der echte oder der falsche der bessere Maler ist, mögen sich die Experten er­eifern. Das Betrügen fällt immer leichter, je höher die Preise steigen.

Nach einem herrlichen Possenspiel im Kunsthandel wird Iwan von jetzt auf gleich vom Erdboden ver­schluckt, und niemand kennt die Umstände – außer dem Leser. Für ihn fügt sich nun eins zum anderen, und Kehlmanns Roman »F« legt richtig zu, entwickelt sich zu einer packenden Burleske. Ein Krimi wird nicht daraus, denn wir suchen keinen Täter und brauchen keinen Ermittler ...

Inzwischen lebt Martin, der älteste, noch bei Muttern – dick, behäbig und faul. Seine Welt sind Schokorie­gel, Currywurst und ein Rubikwürfel, ein Geschenk Arthurs, in dessen Beherrschung er Meisterschaft an­strebt. Ob­gleich er Gott nach langer Suche noch immer nicht gefunden hat, ist er Pfarrer geworden. Seine Theo­lo­gie steht auf ebenso tönernen Füßen wie die Karrieren seiner Halbbrüder. Die magische Formel, die ihn trägt, wenn sich ein Gemeindemitglied sinnsuchend an ihn wendet, ist das »Mysterium«: »Was täte ich ohne dieses Wort?« Eric hatte Martins wahre Motive freilich schon vor Jahren durchschaut: »Du willst ein­fach nicht ar­bei­ten.«

Arthurs Erstlingswerk trägt den Titel »Mein Name sei Niemand«. In dem dreiteiligen Roman geht es um vieles – Tod, Existenz, Apokalypse, Irrealität, Energie, Zeit, Raum, Mathematik, das Modell des Geistes, die Zer­glie­de­rung eines Menschen, das Ich ... Sein Protagonist, kurz »F« genannt (einer von vielen Asso­ziations­ankern für Daniel Kehlmanns Buchtitel), ist eine unstete Persönlichkeit, deren Handeln schwer ver­ständlich ist. Von der Öffentlichkeit wurde der Roman sehr unterschiedlich aufgenommen. Zeitweise stieg die Selbstmordrate; es gab Menschen, die das Buch mit in den Tod nahmen. Arthurs Söhne erhielten je ein Exemplar per Post, aber Eric verweigerte sich der Lektüre, und Martin hatte den Verdacht, das Buch habe mit ihm zu tun, mit jenem Nachmittag, an dem sein Leben fast ein vorzeitiges Ende gefunden hätte ...

Gegen Ende des Romans stehen Vater Arthur und Erics Tochter Marie vor einem ›Eulenböck‹. Ob echt oder falsch, aus der Ferne betrachtet, schien es, als wolle das Bild etwas sagen, als gäbe es eine ambi­valen­te Ant­wort auf die damals im Auto heiß diskutierte Frage nach Gott oder dem Schicksal. Gott be­stimmt, aber »das große F« – »Fatum«, das Schicksal, der Zufall – kann ein Schicksal bescheren, »das nie für einen bestimmt war«.

Meine Eindrücke von Daniel Kehlmanns neuem Roman »F« sind zwiespältig. Ja, es ist ein intelligentes Kon­strukt und bietet eine Fülle origineller Leseerlebnisse. Pfiffige, kurzweilige Ausgestaltungen finden wir etwa in Arthurs Erzählband oder im Kapitel »Familie« mit seinem stilisierten Stammbaum (»Der Vater meines Vaters«, »Der Großvater meines Vaters«, »Der Urgroßvater meines Vaters« usw. über ca. zwanzig Genera­tio­nen zurück bis zur Wurzel, dem Urvater, den wir uns, wiewohl fast am Wundbrand eines verlo­renen Bei­nes gestorben, als glücklichen Menschen vorstellen müssen. In dem kategorisierenden Gedan­kengebäude dieser Genealogie gäbe es andere Söhne, die »ihr Dasein für unausweichlich halten« und die es nun gleich­wohl »nicht gibt«.

Andererseits erscheinen manche Stränge einfach überkandidelt, wie die Handlung von »Mein Name sei Nie­mand«, dem Roman im Roman. Dass sich Menschen jenes Buch so naiv emotionalisiert zu Herzen neh­men, dass sie aus dem Leben scheiden wie einst die followers des jungen Werthers, ist doch arg hane­büchen.

Die interessanteste Figur ist für mich Martin, der lebensunsichere Diener Gottes, der, wenn das Geschenk des Glaubens denn irgendwie vom Himmel fiele, gern an seinen Herrn glauben würde und andernfalls halt seinen Job erledigt, so gewissenhaft, wie es ihm möglich ist. Martin verteilt Hostien, erteilt den Segen, spricht reuige Beichter von ihren Sünden los und ihnen Mut zu, ihre Taten auch den weltlichen Ge­rech­tig­keits­in­stan­zen an­zu­zeigen, aber ein' feste Burg ist in seinem Beichtstuhl nicht Gott, sondern sein Ru­bik­würfel.

In den drei Söhnen geht die Saat auf, die Vater Arthur, der König der Tafelrunde, gesät hat. Der Nihilist lehnt jegliche gesellschaftlichen Werte ab und lebt selbst entsprechend zwanglos. Bei einem Treffen erklärt er Mar­tin, wie er seine Jahre verbracht hat: Er habe geschrieben und ansonsten »nichts gemacht. Darum ging es ja.« Um sein Ego-Glück zu befriedigen, hat er sich schäbig aus dem Staub gemacht, weg von der Familie, weg von jeder Verantwortung. Auch seine Söhne leben keine Philosophie; Instanzen wie Wahr­heit, Moral oder Re­li­gion ignorieren sie oder nutzen sie zum eigenen Vorteil.

Daniel Kehlmanns »F« hat einen sehr speziellen Reiz. Das Buch ist voller Anspielungen und Botschaften, man­che versteckt, manche rätselhaft, und viele Fragen bleiben offen. Auch wenn solche Tüfteleien, etwa ent­lang der Gralssymbolik, nicht jedermanns Sache sind, so sind sie doch anspruchsvoll unterhaltsam. Und was macht es dann schon, wenn der Rubikwürfel am Ende noch ziemlich gescheckt ist?


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