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Rezension zu »Tyll« von Daniel Kehlmann

Tyll

von


Im Dreißigjährigen Krieg zieht ein schwer durchschaubarer Schelm durch die Lande, amüsiert und provoziert die geschundenen Leute und selbst den Kaiser mit galligem Humor. Ein Panoptikum illustrer Persönlichkeiten und Phänomene der Zeit und ein Spiel mit unseren Gewissheiten.
Belletristik · Rowohlt · · 480 S. · ISBN 9783498035679
Sprache: de · Herkunft: de

Ein literarischer Tanz auf dem Seil

Rezension vom 18.01.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Glauben Sie ihm nichts, diesem Erzähler. Sein Autor treibt sein Spiel mit der Historie, der Realität, der Wahrheit und mit uns. Und seine Geschöpfe, die Figuren dieses Romans, sind aus dem gleichen Holz geschnitzt.

Aber so unterhaltsam, klug und reizvoll ist das Spiel, dass Sie sich gern an der Nase herum­führen lassen werden.

Der Dreißigjährige Krieg, die Auseinandersetzung zwischen Katholizis­mus und dem jungen Protestan­tismus, verwüstete Zentral­europa. Vor allem die Land­bevölke­rung wurde, wenn nicht ihres Lebens, dann ihrer Lebens­grund­lagen beraubt. Den histori­schen Rahmen lässt unser Autor unange­tastet. Er beschreibt einige Schlüssel­ereig­nisse, einige VIPs der Zeit treten in persona auf, einige Gräuel­taten lassen uns schaudern, aber sie stehen nicht im Zentrum.

Im Zentrum stehen die einfachen Leute, ihr Wesen, ihr Alltag in einer Epoche, deren bittere Last sie tragen, ohne ihre Bedeutung durch­schauen, geschweige denn be­einflus­sen zu können. Im Zentrum steht Tyll, die Titelfigur, und mit ihr fängt Kehl­manns Flunkerei an. Natürlich spielt sie an Till Eulen­spiegel an, den Schalk aus dem Volks­buch-Welt­best­seller von 1510 oder 1515, der die Schwächen seiner Mitmen­schen bloß­stellte, indem er ihre Rede­wendun­gen für bare Münze nahm. Wenn er je gelebt hat, so mag er um 1300 in Kneit­lingen geboren und 1350 in Mölln gestorben sein.

Tyll hat mit dem dreihundert Jahre älteren Schelm nicht viel zu tun. Er ist eine erheblich komplexere Persön­lich­keit, hat eine richtige Biografie und reißt gar nicht so viele Possen. Eher erweist er sich als zynischer Provo­kateur und Kom­men­tator. Nach Einschät­zung seines Schöpfers ist er eine »dämoni­sche« Gestalt.

Tylls Nährboden ist eine Welt, die aus den Fugen gerät, der Aufbruch vom beharr­lichen Mittel­alter in die unge­wisse Neuzeit. Sein Vater Claus steht exemp­larisch für die erwachende Neugier, die von den alten Kräften erstickt wird, für die Vernunft, die noch machtlos ist, wenn sie mit Glauben und Aber­glauben bekämpft wird. Claus interes­siert sich – mehr als für seine Arbeit als Müller – für Natur­phäno­mene: die Eigen­schaf­ten der Kräuter, der Lauf des Mondes, die Zeit. Mit seinen Erkennt­nissen und mit Zauber­formeln kann er leichte Krank­heiten heilen. Die Leute sind ihm zunächst dankbar, doch dann wird er ihnen unheim­lich, und sie machen ihn als Schuldi­gen für allerlei Schicksals­schläge aus. Wie sollten sie wissen, dass Miss­ernten und Hungers­not klimatisch bedingt waren?

Den Garaus machen Claus zwei durchreisende Gelehrte, von denen er sich Hilfe beim Verstehen eines lateini­schen Buches erhofft. Aber da ist er an die Rich­tigen geraten: Das Buch ist verboten, die beiden sind Jesuiten, und so ist es um das Leben des Mannes geschehen. Das Verhör ist ein Glanz­stück Schwindel erregen­der argumen­tatio, die zwischen zurechtge­bogener Theolo­gie und hane­büche­nen Bezügen zu Magie, Zauberei und den Heilkräf­ten von Drachen­blut irrlich­tert, um perfide Vorwürfe zu unter­mauern.

Jetzt muss Tyll aus seiner Heimat fliehen, aber den aufgeklärten Geist seines hinge­richte­ten Vaters führt er im Gepäck. Mit der jungen Bäckers­tochter Nele schließt er sich er sich einer Gaukler­truppe an – fahren­des Volk, vogel­freie, recht­lose Hunger­leider, aber frei. In den Dörfern, wo marodie­rende Banden täglich den Tod bringen können, lassen die Enter­tainer einen Nach­mittag lang das Elend und die viel­fälti­gen Bedro­hungen vergessen. Die Attrak­tion der derben Streiche, die Tyll auf Kosten der Zuschauer macht, mischt sich mit der seiner Person: Tyll ist aus einer ande­ren Welt, ist einer, der »tut, was er will, ... nichts glaubt und keinem gehorcht«. Beneidens­wert! »Wir begrif­fen, dass wir nie solche Menschen sein würden«, sagt der uns unbe­kannt bleibende Erzähler.

Dabei amüsieren seine Schelmenstücke am meisten Tyll selbst. Vom Knecht bis zu den Handwer­kern, die »sich immer für was Besseres hielten«, stehen alle Dörfler unter seinem Bann, gehorchen wie hypno­tisiert seiner Auffor­derung: »Zieht eure Schuhe aus ... Jeder den rechten ... werft ihn hoch ... das wird ein Heiden­spaß!« Ist das Chaos perfekt, heizt Tyll die Stimmung an, beleidigt die »Deppen«, die sich, jeder auf der Suche nach seinem Eigen­tum, in einen prügelnden Haufen Zwie­tracht verwan­deln. Endlich entlädt sich der Hass, den sie schon so lange in sich trugen, »dass sie die Gründe nicht mehr wussten«. Ehe seine Zuschauer (Opfer? Patienten?) wieder zu Sinnen kommen, macht sich Tyll davon, denn »wenn du schneller läufst als die anderen, kann dir nichts passieren«.

Bei Kehlmann darf Tyll Karriere machen. Wie ein Spring­teufel taucht er mal hier, mal dort auf, und auch höchsten Kreisen hält er den Spiegel vor. Der pfälzi­sche Kurfürst und Protes­tant Fried­rich V. ist zwar frisch zum König von Böhmen gewählt, doch davon hat er nichts, denn sein Gegner, der katholi­sche Habsbur­ger-Kaiser, ist über­mächtig. Schon nach einem Jahr ist Fried­rich nicht nur die Krone, sondern auch seine Kurlande los und wird fortan als »Winter­könig« verspottet. Seine Politik treibt Europa in den Krieg. Tyll begleitet auch Fried­richs Gemahlin Elizabeth, Mary Stuarts stolze Enkelin, bei ihren demüti­genden Unter­nehmun­gen, ihren Gatten wieder in seine verlore­nen Würden zu setzen.

Viele Jahre später streckt sogar der Kaiser seine Hand nach dem »be­rühmtes­ten Spaß­macher« aus. Auch wenn man nicht wisse, ob er Protestant oder Katholik sei, sei so einer etwas »Unschätz­bares«, das bei all der Zerstö­rung nicht verderben solle. Graf Wolken­stein (ein Nach­fahre Oswalds, des Minne­sängers und Diplo­maten), schreibt als alter Mann seinen Bericht, wie er damals Tyll Ulen­spiegel im Kloster Andechs aufspüren und nach Wien schaffen sollte. Da erweist sich histori­sche Realität als rela­tiver Begriff. Kühn behauptet der von allerlei Gebresten geplagte Graf, dass alles »genauso war«, wie er es schildere, und beklagt gleichzeitig Lücken in seiner Erinnerung. Um die Leer­stellen zuzu­kleistern, mischt er souverän Verbürgtes, dreist Erfun­denes und mit der Zuver­lässig­keit der Flüster­post Weiterge­reichtes. Gezielte Stilisie­rung der literari­schen Sprache – »blumige Abschwei­fung«, »kunstvoll verschach­telte Sätze« – soll seine Unsicher­heit kaschieren. Gerade die effekt­vollsten Passagen sind »erlogen«.

In der Schlacht bei Zusmarshausen etwa, der letzten und verlust­reichsten des Dreißig­jähri­gen Krieges, hat Tyll dem Wolken­stein das Leben gerettet. Die Bilder haften noch in des Grafen Erinne­rung, ohne sich in Sprache gießen zu lassen. Warum nicht einfach abschrei­ben aus dem Best­seller »Der Aben­theuer­liche Simp­licissi­mus Teutsch«? Wen stört's, dass Grim­melshau­sen über die Schlacht von Witt­stock, obwohl Augen­zeuge, auch nichts zu Papier bringen konnte und seine Beschrei­bung deshalb von Martin Opitz abkup­ferte, der freilich »nie im Leben bei einer Schlacht dabei gewesen war« und seinen Bericht aus einem englischen Roman entlieh, den er selbst über­setzt hatte?

Wie Wolkenstein und Tyll jongliert auch Kehlmann kunstvoll mit Fiktion und Realität (Das hat er schon in seiner »Vermes­sung der Welt« mit Humboldt und Gauß getan.). Barock­dichter Paul Fleming schaut vorbei, auch Dr. Athana­sius Kircher, histo­risch ein viel­seitig aktiver Universal­gelehrter, hier aber zum Schar­latan degradiert. Sein briti­scher Begleiter Oswald Tesimond, ebenfalls Jesuit und irgend­wie in den Gun­powder Plot invol­viert, forscht nach dem letzten wahren Drachen, den er in Holstein vermutet. Ratio und Aber­glauben koexis­tieren gleich­berech­tigt, beide vereint in den »Hexen-Commis­sarii«, die ihrer heiligen Pflicht nachgehen, »das kapitale Suppli­cium der Malifi­kanten an Ort und Stelle vorzu­nehmen«, sprich »Arme­sünder« auf den rechten Weg, de facto auf den Scheiter­haufen zu geleiten. .

Wie die Wunderkammer eines Renaissance-Fürsten versammelt Kehlmanns lebens­praller Roman kuriose Raritä­ten, Prezio­sen und Ab­sonder­lich­keiten, der Natur oder dem mensch­lichen Geist entsprungen. Dazu gehören intellek­tuelle Heraus­forde­rungen wie Palin­drome (oder gleich deren Extrem­form, das »magische Quadrat«) und die Frage, welches Körn­chen in einem Haufen das­jenige ist, das die Ansamm­lung zum »Haufen« macht.

Auf die naheliegende Versuchung, die Grau­sam­keiten des Krieges auszu­malen, fällt Kehlmann nicht herein. Er lässt aber erkennen, wie sie sich ins Alltags­leben einschlei­chen – wie etwa ein Dragoner so ganz neben­bei den Kopf einer Gans mit einem Schuss in Nichts auflöst. »Obgleich der dicke Graf bald darauf noch viel mitan­sehen würde, sollte er sein Lebtag nicht verges­sen, welch ein Schrecken ihn bis ins Innerste durch­fuhr, als der Kopf des Vogels platzte.« Auch mancher Dialog lässt Verrohung und Mit­leid­losig­keit erkennen (»Ich reiß ihm die Ohren ab. Ich schneid seine Finger weg. Ich verbrenn ihn«).

Mit seinem Medium Tyll, aus einer anderen Zeit hierher verpflanzt, ist Kehlmann ein literari­sches Meister­stück gelungen. Er eröffnet den Blick tief in die Seele einer verwor­renen, fehl­geleite­ten Zeit voller Grauen, aber es ensteht ein Vexier­bild, ein Spiel mit Realität und Fiktion, mit Historie und Fantasie, mit Fakti­schem und Geheimnis­vollem.

Das Fundament von Kehlmanns Stil ist die unkompliziert fließende Syntax, das unpräten­tiöse, viel­schich­tige Vokabular, die messer­scharf treffende Wortwahl, die gekonnt effekt­orien­tierte Struk­turie­rung. Für Leichtig­keit und ästheti­schen Reiz sorgt sein Sinn fürs Spiele­rische, fürs fein Amüsante, für leichte Ironie, für das Unge­wöhn­liche im Gewohn­ten, für Humor, wenn es am erns­testen wird. Sepp, der Knecht, rächt sich für einen üblen Streich, indem er Tyll in den Mühl­bach wirft, und dem Kind schießt im Fallen durch den Kopf, »wovor er sein Leben lang gewarnt worden ist: Steig nicht vor dem Rad in den Bach, geh niemals vor dem, geh vor dem Mühlrad nicht, auf keinen Fall geh nie, nie, geh nie vor dem Mühlrad in den Bach!«

Dieses Buch – ein großes Lesevergnügen für literarische Gourmets – habe ich in die Liste meiner 20 Lieblings­bücher im Frühjahr 2018 aufgenommen.


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