Rezension zu »28 Tage lang« von David Safier

28 Tage lang

von


Jugendbuch · Kindler · · Gebunden · 416 S. · ISBN 9783463406404
Sprache: de · Herkunft: de

Was für ein Mensch ...?

Rezension vom 16.04.2014 · 4 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Miras Vater hat die Demütigungen und Repressalien nicht mehr ertragen kön­nen. Bis vor kurzem ein ange­sehener Arzt, durfte er nun seinen Beruf nicht mehr ausüben, seit er mit seiner Familie ins Ghetto von Warschau verfrachtet wurde. Schließlich hat er seinem Leiden und seinem Leben ein Ende gesetzt.

Sein Freitod hat eine seelisch zerbrochene Witwe und drei vaterlose Kinder in einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung hinterlassen. Die depressive Mutter ist fast verstummt; sie verlässt ihr Bett nicht mehr. Um die Bedürfnisse aller kümmert sich die sechzehnjährige Mira. Ihre zarte kleine Schwester Hannah (12) findet in ihrer Fantasiewelt Zuflucht und Trost vor dem grauen, grausamen Alltag. Auf ihren großen Bruder Simon können sie leider nicht mehr zählen. Er ist seiner eigenen Wege gegangen und hat sich als Juden­polizist einsetzen lassen. Dadurch kann er für sich allerhand Vorteile in Anspruch nehmen. Zu seinen Auf­gaben im Dienste der deutschen Besatzer gehört, seine Landsleute zu bespitzeln und sie den Nazis zu ver­raten; was er im Einzelnen sonst noch alles tun muss, will Mira gar nicht wissen. Sie verachtet ihn für sei­nen ego­is­ti­schen Opportunismus.

Noch kommt die verbliebene Familie dank Miras Einsatz einigermaßen zurecht. Unter Lebensgefahr wech­selt das Mädchen nachts die Seiten und schmuggelt Lebensmittel aus dem polnischen Teil der Stadt über die Mauer ins Ghetto. Ob das gelingt, hängt davon ab, dass ihr geheimer Durchlass am Friedhof nicht auf­fliegt. Doch eines Tages wird sie auf polnischer Seite von drei Männern der übelsten Sorte aufgehalten: »Schmalzowniks« nennen die Ghettobewohner solche polnische Schlägertypen, die gegen Kopfgeld Juden an die Gestapo ausliefern. Schon sieht sich Mira im Gefängnis, wo sie Folterungen ausgesetzt und dann bald zum Tode verurteilt würde. Die herzlosen Burschen lassen sich durch nichts von ihrem Treiben abhal­ten, weder durch Miras Unschuldsbeteuerungen noch durch ihre für Juden ungewöhnlichen grünen Augen noch durch ein irres Lachen, mit dem sie die drei verspottet; nicht einmal ihre Drohung, mit ihnen zur Po­lizei zu gehen, beeindruckt die Denunzianten.

Bis urplötzlich ein junger Mann aus dem Nichts erscheint und Mira eine Rose entgegenstreckt: »Eine Rose für meine Rose,« sagt er und küsst sie leidenschaftlich. Wie Mira erst später erfährt, ist der vorgebliche Student, den ihr ein Engel geschickt haben muss, um ihr Leben zu retten, selbst Jude – und ein Wider­standskämpfer.

»Jeder ist frei zu entscheiden, was für ein Mensch er sein möchte«, erfährt die »kleine Mira« von Rubin­stein, dem Ghetto-Hofnarr (eine der vielen historischen Personen in diesem Roman). Bereits mit den bisher vorgestellten Charakteren ist die Bandbreite aufgespannt, wie jeder für sich in der extremen Situation exis­tentieller Bedrohung die Frage beantwortet: »Was für ein Mensch möchtest du sein?« Der eine resigniert, der andere arrangiert sich, wieder andere setzen sich für Mitmenschen ein, die noch schlimmer dran sind, und einige bäumen sich auf, um gegen die Unterdrückung anzukämpfen.

Von Tag zu Tag verschärft sich die Lage im Ghetto. Nicht nur muss Mira andere Möglichkeiten ausfindig machen, um ihre Familie über Wasser zu halten; es sind auch immer wieder neue Grund­satz­ent­schei­dun­gen zu treffen, wie auf die immer perfideren Repressalien reagiert werden sollte. Lassen sie überhaupt noch wirkliche Entscheidungsfreiheit, oder führt jeder Weg ohnehin bloß in ein und dieselbe Sackgasse? So verkünden die Nazis das »Angebot«, sich freiwillig für die »Umsiedlung« in den Osten zu melden. Wenig später treiben sie die Menschen gewaltsam aus ihren Häusern, Straße um Straße, und versammeln sie auf dem »Umschlagplatz« für den Weitertransport ...

Auch zweihundert Kinder aus einem Waisenhaus werden dorthin gebracht. Mira beobachtet, wie sie diszi­pliniert und würdevoll ihrem Anstaltsleiter folgen, ein Lied auf den Lippen und stolz eine Fahne hochhal­tend. Der Arzt und Pädagoge Janusz Korczak hat die ihm anvertrauten Kinder den Weg in den Tod nicht allein gehen lassen.

Miras Familie kommt noch eine Weile ungeschoren davon. Simon hat ihnen ein Versteck gebaut und ver­sorgt sie mit dem Nötigsten. Von Dauer kann eine solch zerbrechliche Lösung in einem brandgefährlichen Umfeld freilich nicht sein – bald werden sie entdeckt und an Ort und Stelle erschossen. Nur Mira entgeht den Häschern; sie war zufällig unterwegs, als sie kamen. Fortan ist sie ganz auf sich gestellt; jeder, der sie erblickt, hat ihr Leben in der Hand. Was für ein Mensch kann sie nun noch sein?

Mira wählt den Weg des aktiven Kampfes: Sie schließt sich dem Widerstand an.

Indem sich die Lage immer dramatischer zuspitzt, nehmen die Mira abverlangten Entscheidung an Trag­weite zu; sie wird selbst zur Herrin über Leben und Tod. Im Menschenkessel der zusammengetriebenen Juden drückt ihr eine Frau ein kleines Baby in die Arme. Soll Mira mit ihm in den Vernichtungszug steigen oder es am Boden ablegen, wo es zertreten oder von Soldaten erschossen wird? Später sehen sie, wie ein kleiner Junge sich vor dem gut getarnten Eingang zu ihrem Quartier herumtreibt; sucht er ein Versteck für sich, oder wurde er von der SS geschickt, um die Gegend auszukundschaften? In jedem Fall bringt er die gesamte Widerstandsgruppe in Gefahr. Muss man ihn nicht erschießen?

Fast einen Monat lang – vom 19. April bis zum 16. Mai 1943 – standen verzweifelte Bewohner des War­schauer Ghettos gegen ihre nationalsozialistischen Unterdrücker auf. Die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel waren angesichts der Übermacht ihrer Gegner lächerlich unzureichend, ihre Entschlossenheit dafür umso unerschütterlicher. Die etwa 750 Personen, vorwiegend Jugendliche, hatten in den vorangegangenen grauenvollen Jahren ihre Angehörigen, Freunde und alles, was ihnen wichtig war, verloren. Sie werden gewusst haben, dass sie keine reelle Chance haben, ihre Schlacht zu gewinnen. Aber das Elend, der Hun­ger, das Bewusstsein, ein Zeichen zu setzen, und die winzige Hoffnung, den Todeszügen in die Konzentra­tionslager entgehen zu können, verleiht jedem einzelnen Kraft und Mut. Frühere Haltungen – Duckmäuser­tum, sich still dem Schicksal ergeben, ausharren in der Hoffnung, es werde schon nicht so schlimm kom­men – sind hinfällig geworden und geballtem Hass gewichen. Widerstandslos will sich niemand mehr er­geben.

»28 Tage lang« ist ein hervorragender Roman, der Geschichte packend und unvergesslich erzählt. Mit der Protagonistin Mira durchleben wir hautnah den sich verschlimmernden Alltag im Warschauer Ghetto mit all den Auswüchsen, die die Machtmaschine der Nazis den Juden bis zum bitteren Ende beschert. Trost bietet der wenigstens für Mira positive Ausgang der Handlung, und die eingewobene Fantasiegeschichte, in der Mira ihrer toten Schwester noch mehrmals begegnet, bringt ihr und dem Leser Momente des Durchatmens. Am wichtigsten ist, dass wir unter wechselnden Umständen und Perspektiven immer wieder mit der Frage konfrontiert werden, welche Entscheidungsmöglichkeiten der Mensch hat, wie er sie nutzt und welche Kon­sequenzen sie zeitigen können.

David Safier (dessen Großeltern in Buchenwald bzw. Lodz ums Leben kamen) hat hier ein Jugendbuch (für mindestens Dreizehnjährige) vorgelegt, das auch Erwachsene mit Gewinn lesen werden. Es ist sowohl im Kindler-Verlag (s.o.) als auch in der Rotfuchs-Reihe von RowohltDavid Safier: »28 Tage lang« (Rotfuchs-Ausgabe) bei Amazon erschienen.

Ein weiteres, ebenfalls für Jugendliche geeignetes Buch mit einer spannenden und ergreifenden Handlung aus dem Warschauer Ghetto ist »Jakobs Mantel« von Eva Weaver; lesen Sie hier meine Rezension.


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