Rezension zu »Berlin liegt am Mittelmeer: Eine imaginäre Reise durch Europa« von Roberto Giardina

Berlin liegt am Mittelmeer: Eine imaginäre Reise durch Europa

von


Sachbuch · Avinus · · 276 S. · ISBN 9783869380513
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Italien

Wimmelbuch für Kulturreisende

Rezension vom 14.04.2014 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Unglaublich, was Roberto Giardina an historischen, biografischen, geo­gra­fi­schen und sonstigen Daten ge- und hier versammelt hat! Sein Zettelkasten (ob aus Holz & Papier, Chips oder Gehirnzellen) muss nicht nur gewaltige Spei­cher­ka­pa­zi­tä­ten besitzen, sondern auch perfekt sortiert sein, um dem Autor die Erstel­lung eines solch umfassenden, detailreichen und bunten Kompendiums zu ermöglichen.

Einige Zufallstreffer beim Zurückblättern nach beendeter Lektüre:

• »Palermo muss man schmecken, riechen. Der Markt [die Vucciria] ist ein Kunstwerk, das selbst Blinde sehen können.« Diese beiden Sätze stehen in der Mitte einer fünfseitigen Abhandlung (eines der längsten Kapitel des ganzen Buches) über minne, cassata, pasta reale, zummo, meusa, arancini, quaglie, sponsa di gelsomino, melanzane alla parmigiana, falsomagro, granita, neonata und weiterer Köstlichkeiten aus der Geburtsstadt des Autors. Woraus bestehen sie? Wie werden sie zubereitet? Woher stammen sie? Warum heißen sie so?

• Auf der Piazza dello Statuto in Turin steht ein Denkmal für den Breitengrad, auf dem die Stadt liegt. Warum nur?

• Von den dreizehn Millionen Touristen, die pro Jahr Venedig überfluten, kommen etwa fünfzig, um hier Selbstmord zu begehen – aber es gelingt kaum einem, aus mehreren Gründen.

• Als 1911 in der Lagunenstadt die Cholera ausbrach (Thomas Mann weilte am Lido, einen polnischen Kna­ben betrachtend, der übrigens 1986 starb), setzte man in ganz Deutschland drastische Maßnahmen durch, um ihre Ausbreitung zu verhindern; Venedigs Präfekt und Bürgermeister hingegen drückten alle Besorgnis in ihrer Stadt (in der täglich sechs Menschen an der Krankheit sterben) mit der Behauptung weg, das seien alles nur »Gerüchte ohne jede Grundlage«.

• Am 11. September 1599 sitzt die sechsjährige Artemisia Gentileschi auf Papas Schultern und verfolgt das Schauspiel vor der Engelsburg. Papas Kollege Caravaggio ist auch da und ebenso fasziniert, wie die zwei­und­zwan­zig­jäh­ri­ge Beatrice Cenci öffentlich enthauptet wird. Guido Reni malt das Ereignis, und sein Bild wird Shelley und Stendhal inspirieren. Auch Artemisia wird Malerin, und zu ihren besten Wer­ken zählt »Judith enthauptet Holofernes« (heute in den Uffizien).

• Den Palazzo Pitti besucht jeder Florenz-Tourist. Womit aber hat Luca Pitti sein Vermögen gemacht, um den Protzbau errichten lassen zu können? Er war Cosimo de' Medicis Steuerfahnder.

• Was suchten, was fanden, was trieben Hans Magnus Enzensberger, die Brüder Mann, Sigmund Freud, Goethe, Stendhal, Shelley nebst Gemahlin, Lord Byron (der unglückselige Segler), Nietzsche, Wagner, D.H. Lawrence und Dutzende weiterer VIPs in Italien? Was dachten die italienischen Männer der Fünf­ziger, Sech­ziger Jahre, wenn sie deutschen Frauen den Hof machten? Was versprachen sich die deut­schen Frauen, wenn sie damals in den Süden reisten? Und was antwortete der »Stern« auf die Frage »Warum ich so gerne nach Italien fahre« in einer Reportage aus dem Jahr 1959?

• Wer hat das Oktoberfest initiiert, und warum findet es immer im September statt?

• Welche Folgen hatte die Aktion »Kornblume«?

So reihen sich unzählige Anekdoten, Episoden, Verweise auf Filmszenen und Bücher, ein veritables (ver­ba­les) Gemälde der Schlacht von Jena, Zitate aus Gedichten, Schlagern und Tagebüchern, schlaue und denk­wür­dige Aussagen von oder über herausragende oder alltägliche Menschen aus den vergangenen zweitausend Jahren, gemixt mit Jahreszahlen, belanglosen und bedeutsamen Fakten über Durchmesser, Baukosten, Gewichte, Eintrittsgelder ...

Nicht alles ist relevant. Auch Klatsch darf nicht fehlen: Wer stieg wann in welchem Hotel ab? Welches Zim­mer erhielt sie oder er? Gibt es dieses Hotel heute noch, oder was steht an seiner Stelle? (Lady Diana schlief im gleichen Zimmer des Grand Hotels in Rimini wie Federico Fellini – Nr. 315 im 2. Stock).

Das geballte Wissen aus Geschichte, Politik, Architektur, Malerei, Bildhauerei, Theater, Film, Musik und vor allem Biografien trägt er in kleinen thematischen Portiönchen von maximal einer Seite vor, ehe er zu einem verwandten Gegenstand wechselt. Alles kommt in stilistisch kompaktem, also kurzweiligem Plau­derton da­her und ist rhapsodisch strukturiert, also quasi gar nicht, vielmehr vom Hölzchen aufs Stöckchen hüp­fend. Locker gelingt es dem Autor, auf zwei Seiten einen Bogen von den Fuggern über die Geologie des Rheins und den Sandoz-Unfall bis zu Tomi Ungerer und den Grünen zu schlagen. Oft, aber nicht im­mer ver­knüpft der Autor das Faktische mit anregenden, kritischen, ironischen Überlegungen.

Roberto Giardina ist nicht irgendwer. In Palermo geboren, lebt er seit vielen Jahren als Journalist und Kor­respondent in Berlin, wo er für italienische Zeitungen und Zeitschriften die Entwicklung seit Willy Brandt verfolgt und auch vielseitige eigene Essays und Romane veröffentlicht, etwa über das Haus Coburg, Lola Montez, Fra Diavolo und eine »Anleitung, die Deutschen zu lieben«. Die vorliegende deutsche Edition (Übersetzung von Helene Harth) vereint Auszüge aus einer zwischen 2004 und 2007 bei Bompiani veröf­fentlichten Reisetrilogie »L'Altra Europa ...«, »L'Europa e le vie del Mediterraneo« und »Itinerari erotici«. Sie zeichnet die Stationen einer virtuellen Reise vom Süden in den Norden Europas nach, von Lampedusa (wo Giardina als Kind seine Ferien verbrachte), Palermo, Neapel, Rom, die Toskana, Turin, Bergamo, den Gardasee, Venedig, die Schweiz, die großen Flüsse und Gebirge, Maastricht, Xanten, Paderborn und Han­nover, dann alternativ durchs Inntal, München, Franken, Thüringen und Sachsen bis zum Endpunkt Berlin. Abstecher führen bis Kreta, Istanbul und zur Bagdad-Bahn.

Ein gemeiner ›Reiseführer‹ ist dieses Buch nicht, denn es ›führt‹ uns nicht durch die Orte, wohl aber ein in deren Aura, Geschichte und Bedeutung. Man könnte es wie Goethes »Italienische Reise« als Begleiter auf eine Grand Tour mitnehmen oder auszugsweise zur Vor- bzw. Nachbereitung einer Reise heranziehen; ebenso gut kann man es – unabhängig von jeder Reise – von vorn bis hinten durchlesen. Was man dann er­fahren wird, ist nichts weniger als der Geist Europas: Wir werden besser verstehen, was uns (›Land und Leute‹) ausmacht und verbindet.

Naturgemäß wird dem nicht-italienischen Leser in den Teilen über sein eigenes Land mehr bekannt sein als in den Aufsätzen über Italien, doch die Lektüre ist durchweg höchst unterhaltsam und lehrreich. »Wusstest du schon, dass ...?«, ist man ständig versucht, seinem lesenden Wegbegleiter von einer neuen Erkenntnis zu berichten.


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