Rezension zu »Schwarzes Gold« von Dominique Manotti

Schwarzes Gold

von


Wirtschaftskrimi · Ariadne · · Gebunden · 384 S. · ISBN 9783867542135
Sprache: de · Herkunft: fr

Mammutunternehmen

Rezension vom 29.07.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Kleine Brötchen mag Dominique Manotti nicht backen. Die gelernte Wirt­schafts­histori­kerin hat immer das große Ganze im Blick. In »Schwarzes Gold« rollt sie auf, wie in den Sieb­ziger­jahren das globale Erdöl­geschäft umge­krempelt wird. Bis dahin kontrol­lierten sieben Handels­konzerne – das »Kartell der Sieben Schwestern« – den Weltmarkt durch Preisab­sprachen und Monopole. In den Sechzigern hatten sich jedoch etliche Erdöl produ­zierende Staaten zur OPEC zusam­men­ge­schlossen, um über die Verein­barung von För­der­mengen und die Besteue­rung der Konzerne mehr Geld für ihre Länder abzu­zweigen. Im Frühjahr 1973 liegt der Preis pro Barrel bei etwa drei Dollar, aber jeder kann sich aus­rechnen, dass es dabei nicht bleiben wird. Schon 1980 würde er sich verzehn­facht haben.

Wo Milliarden abzuschöpfen sind, nehmen Gier und Egoismen zu, und die Bereit­schaft, sich an Spiel­regeln zu halten, nimmt ab. So schert der Iran aus der OPEC-Strategie aus, um sein Öl auf eigene Rech­nung anzu­bieten. Verhand­lungen und Liefe­rungen müssen freilich geheim bleiben. Für so ein Unter­nehmen braucht man Spezia­listen, und damit kommen noch ganz andere Kreise ins Spiel.

Etwa die bestens vernetzten Leute, die zwei Jahrzehnte lang unter tatkräf­tiger Beteili­gung der Mafia Heroin aus dem Nahen Osten über Sizilien und Marseille in die USA vertrieben hatten. Diese »French Connec­tion« wurde soeben zer­schlagen, so dass die routi­nierten, derzeit unterbe­schäftig­ten Drogen­händler für neue Aufgaben ange­sprochen werden könnten.

Oder der ehrgeizige New Yorker Rohstoffhändler Michael Frickx, der sich gerade selbst­ständig gemacht hat, um ebenfalls das Monopol der »Seven Sisters« anzu­greifen. Beste Bezie­hungen rund um den Globus (darunter der Schah) sollen ihm bei der Umset­zung seiner Visionen helfen. Skrupel oder Hinder­nisse kennt er nicht. Im Notfall kann er sich auf diskrete Profikiller verlassen.

Ein Brennpunkt dieser Entwicklungen ist Marseille, ein Moloch im Umbruch, wo Schiffs­bau und Schwer­industrie im Abwind sind, Arbeits­losigkeit und Armut um sich greifen, Immi­granten aus den Ex-Kolonien zuströmen, jungen Männern nur Klein­krimi­nalität und Dealen als Verdienst­quellen bleiben, während das große Geschäft durch blutige Banden­kriege aufge­teilt wird. Die Ordnungs­mächte stehen dem radikalen Wandel und den sozialen Problemen hilflos gegen­über – wer korrupt genug ist, mischt selbst mit.

Hier beginnt Dominique Manottis Wirtschaftskrimi im März 1973, mittendrin in der hoch­kompli­zierten Gemenge­lage mit zahl­reichen Spielern, die als Einzel­kämpfer oder im Interesse höherer Mächte agieren. Unsere Schlüssel­figur ist Commissaire Théodore Daquin, 27, der nach glän­zendem Abschluss der Polizei­hoch­schule in Paris jetzt seine erste Stelle antritt. Principal Courbet, der Chef des chronisch unter­besetzten Kommis­sariats, nimmt ihn herzlich auf und für den ersten Fall unter seine Fittiche. Im Problem­viertel Belle de Mai hat es eine Schießerei mit zwei Toten gegeben. Schon am Tatort kon­statiert Courbet, dass man die Sache getrost abhaken könne: »Abrech­nung innerhalb des Milieus«, »italie­nische Auftrags­mörder, die längst wieder zu Hause sind«. Später erläutert Inspec­tor Grimbert, lang­jährig vertraut mit den Verhält­nis­sen und ziemlich desillu­sioniert, dem neuen Kollegen die Hinter­gründe. Wo die Polizei Banditen fest­nimmt (oft nach Verrat durch Rivalen), hinter­lässt sie ein Vakuum, um das sich die korsi­schen Mafia-Clans prügeln. So war dies bereits die fünfte »Abrech­nung« in einem halben Jahr. Acht Tote, keine Spuren, keine Zeugen, keine Auf­klärung. Doch wen schert es schon, »wenn die Ban­diten sich gegen­seitig um­bringen«?

Commissaire Daquin schert es, spätestens als Tags darauf ein Motor­rad­fahrer vor dem Spiel­casino in Nizza den promi­nenten Seefracht­unter­nehmer und ehe­maligen Résistance­kämpfer Maxime Pieri aus Mar­seille exekutiert. Zehn Kugeln haben ihn durch­siebt, ohne dass seiner jungen Beglei­terin Emily, Gemah­lin seines Geschäfts­partners Michael Frickx, auch nur ein Haar gekrümmt worden wäre. Die Vorzeige­aktion verweist auf die fünf Jahre zurück­liegende Hin­rich­tung von Antoine Guérini, ange­sehener Pate eines korsi­schen Clans, in dem Pieri vor seiner Reeder­tätig­keit kräftig mitge­mischt hatte. Bestrafung, Revanche oder Warnung an den Guérini-Clan im Kampf um die Kontrolle der Casinos an der Côte d'Azur?

Daquin übernimmt nun zusätzlich die Ermittlung in Nizza, will sich aber durch­aus nicht auf die auch dort favori­sierte Theorie »Abrech­nung im Milieu« eingren­zen lassen. Wider­willig räumt man dem Grün­schna­bel fünf­zehn Tage für seine Ermitt­lungen ein, ehe man die Akte schließen wird. Schnell stellt er fest, dass Pieris Schiffe keines­wegs nur harmlose Massen­güter übers Mittel­meer schippern und dass ihr Boss drauf und dran war, mit gebläh­ten Segeln in ganz neue, brenz­lige Geschäfts­bereiche vorzu­dringen. Was haben Emily und Michael Frickx damit zu tun? Glück scheint der Reederei jedoch nicht beschie­den, denn bald stirbt Pieris Partner, dann einer ihrer Kapitäne eines gewalt­samen Todes.

Sollte Ihnen der Kopf schwirren, geht es Ihnen nicht anders als dem gründ­lichen Ermittler Daquin. Wie könnte er sich auch als ›kleiner Polizei­beamter‹ Durch­blick ver­schaffen in dem gewal­tigen drei­dimen­sio­nalen Netz, das die Autorin geflochten hat – übrigens nicht aus reiner Fantasie, sondern eng an histo­rische Reali­täten ange­lehnt? Immer wieder neue Mit­spieler, neue Namen, neue Gewebe aus Amts­trägern, Behör­den, Geschäf­ten, Organi­sationen und Unter­welt­banden, fliegende Orts­wechsel bis nach Istanbul, die Histo­rie der korsi­schen Mafia bis zurück zum Zweiten Welt­krieg, dazu Politik und Geheim­dienst­aktivi­täten im Nahen Osten, in Süd­afrika und in Nixons USA, die »sieben Schwestern« und die OPEC, Börsen, Trader, Drogen- und Waffen­handel, Korruption und Schwarz­geld, um schmut­zige Kriege und Terro­risten zu finan­zieren, und der zeitge­nössi­sche Kunst­markt als Geld­wasch­maschine. Nach zwei Dritteln seiner Frist (und 264 der 384 Seiten) muss der arme Daquin fest­stellen: »Alle diese Elemente türmen sich nach wie vor un­ge­ordnet auf meinem Schreib­tisch, ohne dass ich dahinter­komme, wie sie zu­sammen­passen.«

»Or Noir« Dominique Manotti: »Or Noir« bei Amazon (2015 erschienen und von Iris Konopik übersetzt) ist ein unge­heuer viel­schich­tiger Roman, dessen Autorin nicht weniger versucht, als die globalen Allianzen aus Politik, Wirt­schaft und Ver­brechen, die wir heute allzu oft zu beklagen haben (soweit sie denn über­haupt sicht­bar werden), auf Ursprünge in den Siebziger­jahren zurück­zuführen. Sie verpackt ihre Erkennt­nisse in einem Mordfall, um sie dem Leser auf unter­haltsame Weise präsen­tieren zu können. Nach meinem Empfinden ist es aller­dings quasi un­möglich, die beiden Absichten zwischen zwei Buch­deckeln zu­sammen­zuführen.

Das liegt erstens an der Komplexität des Überbau-Stoffes. Je tiefer Manotti die Hinter­gründe der Morde ausbreitet, desto un­über­sicht­licher wird nun einmal die Gesamt­struktur, desto abstrakter werden die Zu­sammen­hänge.

Zweitens kultiviert die Autorin einen betont reduzierten Schreibstil, der für Emotionen und Mit­fiebern kaum Mittel bereit­stellt. Sie formu­liert sachlich-kühl und präzise, knapp und schmucklos, verzichtet weit­gehend auf Adjektive und Beschrei­bungen. Durch­gehendes Präsens, schlichte Haupt­sätze und knappe Neben­sätze können Tempo und lebhafte Eindrücke wie eine Vor-Ort-Reportage erzeugen. Das alles passt sehr gut zur Auf­klärungs­absicht, aber für die Unter­haltung über so viele Seiten wünscht man sich mehr Dynamik und Varianz.

Drittens ist die Identifikationsfigur des Théo Daquin kein nach­haltiger Charakter, der zu Herzen ginge. Neben der robusten Kon­sequenz, mit der er seine schier endlosen Recherchen durch­zieht, ohne sich jemals ent­mutigen zu lassen, bleibt seine Homo­sexualität als hervor­stechendes Merkmal. In einer Macho-Metro­pole wie Marseille hat er's damit schwer – allein das Gerücht, er sei »eine Schwuchtel«, ruiniert den Ruf »eines Bullen« hier gründ­licher als der Vorwurf, er sei korrupt oder unfähig. Also lebt Daquin seine Nei­gung im Geheimen, aber keines­wegs ungeniert aus. Ansonsten ist er eine plausible, aber farblose Figur – nicht profi­lierter eben, als es für ihre Vermitt­lungs­funktion erforder­lich ist.

Was Dominique Manotti über wirtschaftshistorische Zu­sammen­hänge recherchiert, präsen­tiert und fiktio­nal erweitert hat, ist also etwas anstrengend, aber dennoch lesenswert. Sie formuliert Aussagen, die sich in unseren Tagen be­stätigen: »In der Unter­nehmens­welt gibt es nur ein einziges unum­stöß­liches Gesetz: Geld zu verdienen. Die durch die Gesetz­gebung gezogenen Grenzen sind sehr viel vager. Sie variieren je nach Land, je nachdem, welche Mehrheit an der Macht ist. Das Risiko, das man bei ihrer Über­tretung eingeht, wird kalkuliert wie jedes andere Geschäfts­risiko, nicht mehr und nicht weniger. Und die Ent­scheidung, sie zu über­treten oder nicht, hängt von dieser Kalku­lation ab, nicht von mora­lischen Prin­zipien. Dabei kann man sich vertun, aber das ist dann ein Rechen­fehler, keine moralische Verfeh­lung.« VW, die Deutsche Bank und ein paar andere lassen grüßen.


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