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Rezension zu »Schwarze Seelen« von Gioacchino Criaco

Schwarze Seelen

von


Belletristik · Folio · · 230 S. · ISBN 9783852566849
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Süditalien

Um die Zukunft betrogen

Rezension vom 20.07.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Dunkel sind die wilden Bergregionen des kalabrischen Aspromonte. Im äußersten Süden des italie­nischen Stiefels, zwischen den Städten Catan­zaro und Reggio Calabria, dem Tyrrhe­nischen und dem Ionischen Meer erhebt sich dieser Gebirgs­zug bis auf fast zwei­tausend Meter Höhe. Die Natur ist in einem ausge­dehnten National­park unter Schutz gestellt, und auch der in einigen Dörfern noch gespro­chene griechi­sche Dialekt (»Grekaniko«) soll vor dem Aus­sterben bewahrt werden. Im Übrigen sind die Menschen, die hier abge­schieden wohnen, auf sich allein gestellt und, so hat es den Anschein, zeit­losen Ge­pflogen­heiten aus­ge­liefert.

Die drei jungen Männer, deren Lebenswege der Roman »Anime Nere« Gioacchino Criaco: »Anime Nere« bei Amazonvon Gioacchino Criaco erzählt (Karin Fleisch­anderl hat ihn über­setzt), stehen stell­vertre­tend für viele andere min­destens in den letzten Jahr­zehnten, und ihr gemein­samer Nenner ist die Ausweg­losig­keit ihrer Exis­tenz, unab­hängig davon, ob der eine oder andere mate­rielle Erfolge sammeln oder ein paar Stufen auf der Karriere­leiter einer Befehls­hierar­chie erklimmen darf. Am Ende bleiben sie doch gefangen im dunklen, undurch­sich­tigen Dickicht ihres »rauen Berges« (so die Über­setzung des schmuck­losen Namens »Aspro­monte«), von dessen Jahr­hun­derte zurück­reichenden Wur­zeln sich niemand lösen zu können scheint, ohne sich selbst zu verlieren.

Der namenlose Ich-Erzähler und seine Freunde Luciano und Luigi sind Kinder armer Ziegen­hirten. Wie ihre Vor­fahren seit fast drei Jahr­tausen­den wachsen sie in den Sech­ziger­jahren als »Söhne der Wälder« im Aspro­monte auf, der den Familien trotz erbärm­lichster Lebens­umstände nicht genug zum Über­leben bietet. Die einzige Mög­lich­keit, sich etwas dazu­zuver­dienen, bietet der Clanchef der Ndrangheta. Für jeden Job, und sei er noch so nieder­trächtig – damals waren es Entfüh­rungen und Löse­geld­erpres­sung –, findet er Hand­langer, die sich für ihn die Finger schmutzig machen und den Arm des Gesetzes fürchten müssen, während »der Don« wie die Made im Speck auf seinen Land­gütern lebt. Die meisten hassen ihn, nicht nur, weil er ihre ein­träg­lichen Leis­tungen mit ein paar Lire abspeist, den größten Batzen aber für sich einbe­hält, sondern für die Willkür seiner Herr­schaft, mit der er etwa die Aufträge vergibt. Konse­quent und berechen­bar ist er jedoch gegen­über all jenen, die sich seinem Einfluss ent­ziehen wollen. Einige Dorf­bewohner haben den Versuch mit dem Leben bezahlt. Luciano zum Beispiel hat seinen Vater nie kennen­gelernt. Man fand ihn vor der Geburt seines Kindes auf, »von Blei durchsiebt«.

Trotzdem zieht Luciano des Nachts mit den beiden anderen Jungen durch das unweg­same, von Wild­schweinen zerfurchte Gelände enger Pinien­haine, nied­riger Eichen-, Buchen- und Lärchen­wälder und dor­niger Ginster­büsche, bis sie auf den Vater des Erzäh­lers treffen. Der Mann der Berge weiß: Wer hier geboren wurde, wird auch hier sterben, »aus Armut oder im Kugel­hagel«. Gemeinsam warten sie auf die lebende Ware, die ihnen per Last­wagen zuge­stellt wird. Dieses Mal ist es ein Mann, der keine Anzei­chen von Angst er­kennen lässt. Wie immer wurde ihm eine Kapuze über den Kopf gestülpt. Im Morgen­grauen würden sie mit der Geisel (die alle nur »das Schwein« nennen) auf­brechen, ihn für Monate in einem Stall ver­stecken und schließ­lich an einem anderen Ort wieder frei­lassen – sofern das Löse­geld bezahlt wurde.

Mit neunzehn Jahren haben die Jungen bereits eine Menge auf dem Kerbholz: Diebstahl, Überfälle, Ent­führun­gen, ja sogar Mord. Geprägt von ihrer kümmer­lichen Kindheit sind sie beson­ders hungrig nach einem besseren Leben, und »wir nahmen uns, was wir wollten«. So soll denn auch der nächt­liche Marsch durchs Gebirge, der den Roman ein­leitet, auf ihr eigenes Konto gehen, nicht auf das des Don. Es ist der erste Schritt auf ihrer »Fahrt in die Hölle«. Sie führt sie hin­unter in die Niede­rungen der Schwerst­krimi­na­lität, und weit weg vom Aspro­monte errichten sie in Mailand einen inter­national agie­renden Drogen­ring und Waffen­handel.

Erst viel zu spät (mit knapp fünfzig Jahren) erkennen die drei skrupel­losen Krimi­nellen, dass sie, obwohl sie unvor­stellbar reich gewor­den sind und »viel mehr bekom­men haben, als wir eigentlich wollten«, den­noch »mitt­ler­weile nur mehr die Kom­parsen, nicht die Prota­gonis­ten einer Auf­füh­rung, bei der andere Regie führen«, sind. Sie »gehören einer vergan­genen Epoche an«, ihr Be­täti­gungs­feld ist globa­lisiert. So leben sie ein Leben, das ihnen nicht gehört, zusam­men mit Leuten, die sie nicht mögen, und irgend­wann werden sie ein Messer im Leib haben oder im »Gefängnis vermodern«. So oder so sind sie Tod­ge­weihte – »schwarze Seelen«.

»Anime nere« ist nicht als Kriminalroman konzipiert, nicht einmal auf Spannung ausge­richtet. Es ist der Versuch einer sach­lich-doku­mentari­schen Bestands­auf­nahme, wie sich das Böse in Menschen hinein­frisst und voll­ständig Besitz von ihnen ergreift, die doch ur­sprüng­lich im Charakter un­schuldig geboren wurden. Aus bitterer Not aufge­brochen, um ein besse­res Leben zu führen, bleiben sie in den Fängen der ver­häng­nis­vollen Ver­gangen­heit ihrer Heimat.

Wie wenig Möglichkeiten den Bewohnern des Gebirgszuges zwischen Sizilien und Süd­italien durch die Jahr­hun­derte blieben, bringt der Autor immer wieder zum Aus­druck. Der mytho­logi­sche Traum des vor­christ­lichen Osker-Volkes ging niemals in Erfüllung. Der Osker-Held Kyria, mit dem sich der Erzähler gern identi­fiziert, war des Kämpfens, der Hungers­nöte und Krank­heiten müde. Er rief die Götter an, dem Gemetzel ein Ende zu setzen, und träumte von Frieden und einer wald­reichen Land­schaft in­mitten von Bergen, wo sich seine Leute auf einem Hügel nieder­lassen, »in Frieden Tiere hüten und Wild­schweine jagen« konn­ten. Die Götter zeigten ihm den Weg. Doch lange währte ihr idylli­sches Paradies nicht, da fielen die Griechen über sie her. Es folgten Römer, Bour­bonen, Savoyer, Fa­schisten, schließ­lich die Re­publik, und alle brach­ten neue Rege­lungen, An­sprüche, Forde­rungen und Lockun­gen. Zurück blieben bis heute nach­wir­kende konkrete und abstrakte Zerstö­rungen – und die Seuche der Mafia. »Nur in unseren Bergen waren wir normale Menschen, außer­halb wurden wir zu Tieren in Ge­fangen­schaft … Uns ging es gut mit unserem schwarzen Brot, unserem Hunger, unseren Krank­heiten, unserer Rück­ständig­keit, wir brauchten keine Hilfe … Warum durfte ein tau­send­jähri­ges Volk seine Zukunft nicht selbst wählen und auf dem eigenen Land nach eigenen Vor­stel­lungen leben? Wir haben ihre Inte­gration, ihren Fort­schritt, ihre Sprache, ihr Geld nicht gewollt. Sie haben dem Teufel die Tür geöffnet.«

Der Autor Gioacchino Criaco (dessen Vater Domenico 1993 in einer Fehde ermordet wurde und dessen Bruder Pietro bis zu seiner Fest­nahme 2008 zu den meist­gesuch­ten Krimi­nellen Italiens gehörte) zeichnet ein hoff­nungs­loses Bild seiner Heimat, deren krimi­nelles Netzwerk von den höchsten Kreisen der Politik und Justiz bis zum kleinsten Hirten reicht und un­entwirr­bar er­scheint. Sein lapidarer, emotions- und wer­tungs­freier Schreib­stil passt zur Inter­pretation der Ent­wicklung des Land­strichs und seiner Mafiosi als un­schuldig ge­borene Opfer der Umstände, denen nie eine Wahl blieb.

Anschließen kann ich mich dieser Betrachtungsweise dennoch nicht. Schließ­lich gehen nicht alle »Söhne der Wälder« einen derart üblen Weg wie die drei hier vorge­stellten, und selbst die waren keines­wegs ge­zwun­gen, das zu werden, was sie wurden: brutale, abge­stumpfte Killer. Einmal so tief gesunken, macht sie auch der leicht melan­choli­sche Ton, in dem Criaco sie in ihrer Sehn­sucht nach dem verlore­nen Paradies vorzeit­licher Unschuld porträtiert, nicht sympa­thischer. Als sie endlich Gelegen­heit gefunden haben, Rache zu nehmen, und den »Herrn des Todes« auf bestia­lische Weise ermordet haben, ist die Rede mit­nichten von Läute­rung. »Nie zuvor war ein Tod so befreiend gewesen«. Wir waren »zufrieden, zur Gänze und ohne Gewissens­bisse«.

Dass sie Schuld auf sich geladen haben, gestehen sie uneinge­schränkt ein (»es war nur gerecht, dass wir büßten«) und suchen bei diver­sen Göttern (inklusive den heid­nischen) um Vergebung nach. Dennoch pokern und taktieren sie mit den diversen Abtei­lungen der Justiz und mit den befreun­deten und verfein­de­ten Clans, als gehe es um eine Simul­tan­schach­partie, nicht um Menschen­leben. Mit ihren bewährten Mitteln gelingt es ihnen, sich aus jeder Affäre zu ziehen. Schaffte es der verhasste Richter Barresi zunächst, die Gangster »ein paar­mal zu Lebens­länglich und zu Haft­strafen von zwanzig bis dreißig Jahren« zu verur­teilen, heißt es später: »Die Über­ein­kunft sah für mich keine Haft­strafe vor.« Selbst Fest­nahme­spektakel – Gelände­wagen­konvoi stürmt abge­legenen Ziegen­stall – ähneln eher Klassen­treffen: Die Prota­gonisten aller Seiten kennen, befehden, unter­stützen oder täuschen ein­ander seit Jahren, und jetzt umarmen sie sich und trinken erst einmal einen Kaffee zusammen, ehe man getrennte Wege geht.

Trotz der angemerkten Fragezeichen ist Criacos Roman­erstling von 2008 gerade wegen seiner Insider-Per­spek­tive ein lesens­wertes, wenn auch sprödes Buch. Francesco Munzi hat es 2014 ziemlich frei verfilmt, wobei er als Drehort Criacos Heimat­dorf Africo wählte und dessen Dialekt bei­behielt (weshalb der Film selbst in Italien nur mit Unter­titeln verstanden wird).


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