Rezension zu »Die himmlische Tafel« von Donald Ray Pollock

Die himmlische Tafel

von


Kriminalroman · Liebeskind · · Gebunden · 432 S. · ISBN 9783954380657
Sprache: de · Herkunft: us

Verfluchte Verheißungen

Rezension vom 09.11.2016 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Ziehen Sie nur keine voreiligen Schlüsse aus dem elysischen Titel. Er präsidiert keines­wegs über einen hehren Inhalt, wie bei­spiels­weise den Pilger­zug der Suchenden nach ewiger Wahr­heit ins Paradies. Zwar brechen Cane, Cob und Chimney Jewett tat­sächlich zu einer Reise auf, aber sie ver­folgen sehr dies­seitige, wenn nicht höllische Ziele.

Machen wir uns nichts vor: Donald Ray Pollocks schaurig-schonungs­loser Kriminal­roman berichtet gerade­wegs aus den ab­stoßend­sten Niede­rungen der Süd­staaten, dem heutigen Amerika gnädiger­weise um ein Jahr­hundert entrückt, aber immer noch verwandt. Was da aufge­tischt wird, schmeckt nicht jedem. Die einen mögen die litera­rische Kost mit starken Pulp- und Satire-Aromen so sehr, dass sie ihr Sterne verleihen, wohin­gegen sich Leser mit empfind­lichem Magen angewidert abwenden mögen – oder sich veran­lasst sehen, ihre Grenzen des guten Geschmacks neu zu setzen.

Der August 1917 ist heiß wie das Höllenfeuer, und die bedauerns­werten Menschen an der Grenze zwischen Georgia und Alabama leben auf Tuch­fühlung mit allem, was irdisch, armselig und dreckig ist. Mittellos, unge­bildet und roh wie sie sind, haben sie keine Wahl und kennen keine Auswege aus dem miefigen Morast, in dem sie vege­tieren, ständig umweht von mensch­lichen Aus­düns­tungen, schwül-süß­lichen Pflanzen­aromen, dumpfen Fäulnis­gasen, umgeben von Schmutz und Schleim, Krank­heiten, Fäkalien, Feucht­gebieten aller Art ...

Den einzigen Lichtblick kann die Hoffnung auf bessere Zustände im Jenseits bieten. Die Prediger wissen erstaun­lich Konkretes darüber zu erzählen. Im Himmel sei der Tisch stets reich gedeckt mit nie enden wollenden köst­lichen Speisen. Platz nehmen dürfen da aber nur die Seligen, die hie­nieden alles Leid, das ihnen wider­fährt, »will­kommen heißen«. Die anderen, denen es auf Erden gut geht, werden hin­gegen im Fege­feuer »am hei­ßesten brennen«. Klug und recht handelt demnach der fromme alte Eremit, der sich in zerschlis­senes Sack­leinen hüllt und nichts verzehrt außer »ein paar Kaul­quappen und die Geschöpfe, die ich in meinem Bart gefunden habe«.

Vor der Begegnung mit dem Einsiedler kannte Pearl Jewett für seine mickrige Existenz nicht einmal den Trost dieser Ver­heißung (und vielfach bewährten Ruhig­stellung). An dem Tischlein-deck-dich will er auch einmal landen – und preist fortan die karge Kost aus fauligem Schweine­fleisch und trockenen Teig­batzen, die allein er sich und seinen drei Söhnen zu Hause bieten kann.

Cane, Cob und Chimney, mit wenig Füllstoff im Schädel, aber kräftiger Bio­masse gesegnet, können dem wirren Gefasel vom gött­lichen Bankett (»Koteletts so dick wie Bullen­pimmel, Steaks so groß wie Wagen­räder, gebut­terte Brötchen so heiß und weich wie die Titten von ...«) nichts abge­winnen, solange ihnen der Magen knurrt. Und über­haupt: Tagein, tagaus für den reichen Major Tard­weller Sumpf­land roden wollen sie auch nicht mehr. Sie wollen abhauen und reich werden wie Bloody Bill Bucket, von dessen Ruhmes­taten als Bank­räuber im Wilden Westen ihnen Cane, der älteste und einzige des Lesens mächtige unter ihnen, an manchen Abenden aus einem alten Groschen­heftchen vorliest.

Ihre Stunde schlägt, als eine Durchfallattacke Pearls Lebens­faden kappt. Unter Führung Canes zieht das Trio in die Welt hinaus. Während Vorleser Cane, 23, der einiger­maßen klügste und schönste der Brüder ist, hat der auf­sässige Chimney, 17, nichts als Sex und Weiber im Sinn, und Cob, der mittlere, stärkste und be­schränk­teste, nur Futtern. Sie nehmen Major Tard­weller drei Pferde und sein Leben ab, rauben in der nächsten Stadt die erste Bank aus und machen auf ihrem Weg nach Norden rasch Karriere. Sie stehlen und morden, metzeln mit Macheten und ballern mit Revol­vern alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Mit jeder Schand­tat steigt das auf sie ausge­setzte Kopfgeld.

Derweil tobt im zivilisierten alten Europa seit Jahren ein brutaler Krieg. In den entlege­nen Gefilden der Neuen Welt weiß man davon so gut wie nichts. Für Farmer Ellsworth Fiddler, soeben um all seine Erspar­nisse betrogen, ist es eine böse Über­raschung, als er auf der Suche nach seinem abhanden gekom­menen nichts­nutzigen Filius Eddie erfährt, dass die ameri­kanische Regierung schon seit ein paar Monaten in der Welt­politik militant mitzu­mischen beab­sichtigt. Gut möglich, dass sein Siebzehn­jähriger zur Armee durchge­brannt ist. Egal wie und woher, er muss ihn nach Hause holen.

Tatsächlich läuft die US-Kriegsmaschinerie auf Hoch­touren. Die öffent­liche Meinung (soweit interessiert) ist nationa­listisch und anti-deutsch aufgeheizt. Im Armee­lager Camp Pritchard werden freiwillig herbei­strömende Bauern­tölpel zu Kanonen­futter ausge­bildet. Ein herber Schlag für die hohen Erwar­tungen des huma­nistisch gebil­deten Schön­lings Lieu­tenant Vincent Bovard. Kein einziger der »un­gebil­deten Roh­linge« kennt Cicero, kein einziger bietet einen Körper von grie­chisch-klas­sischer Schönheit. Was bleibt ihm da, als sich opium­befeuer­ten Fantasien mit Lust­knaben im goldenen Sonnen­licht einer Ägäis-Insel hinzu­geben und einen Helden­tod mitten im Kampf­getüm­mel der Schlacht­felder Europas herbei­zuseh­nen?

Die überbordende Phantasie des Autors und seine vor Details über­quellende Beschrei­bungs­kunst über­wältigen den Leser schier auf der Haupt­lein­wand der drei maro­dieren­den ungleichen Brüder und in den zahl­reichen Paral­lel­strängen, die ab­wech­selnd beleuchtet werden und ebenso wie die Schick­sale vieler Neben­figuren leicht Stoffe eigen­ständi­ger Romane werden könnten. Vielfach kann Pollock die stürmi­schen Pferde seiner Fantasie kaum zügeln, und wir landen mitten im Morast siffiger Ställe, wo Huren Soldaten befrie­digen, und ähnlichen aben­teuer­lichen Schau­plätzen ab­sonder­licher Gescheh­nisse um skurrile Figuren, die einem Grusel­kabinett ent­sprungen sein könnten.

Jasper Cone leidet an seinem übergroßen Geschlechtsteil, wegen dem ihn seine bigotte Mutter als Kind schamhaft weg­ge­sperrt und ihm eine seelische Ver­formung hinzu­gefügt hatte. Nach deren Tod ergreift er seine Chance, die von allen verach­tete, aber nützliche Arbeit des »Scheiße­schauflers« zu verrichten. Wenn er im öffent­lichen Auftrag, Hygiene­standards zu über­prüfen, kompetent in anderer Leute Plumps­klos herum­stochert, findet er seine Erfüllung. Aus ihren Fäkalien liest er Dinge, »da würden Ihnen die Haare zu Berge stehen«. Der Besitzer der Spelunke »Blind Owl« wiederum sammelt Zähne in einem Glas­behältnis und erfreut sich am besänf­tigenden Rassel­geräusch, das ihn an Kind­heits­tage erinnert. Wie die natür­lichen Besitzer der Zähne um ihr Eigen­tum kamen, das ist eine andere Geschichte ...

Donald Ray Pollock ist ein spätberufener Meister seines Genres, der nach einem Arbeiter­leben erst 1999 mit 45 Jahren zu schreiben begann. »The Heavenly Table« Donald Ray Pollock: »The Heavenly Table« bei Amazon ist sein dritter Roman (alle von dem genialen Peter Torberg mit­reißend über­setzt). Obwohl so viele Szenen und Figuren kari­katuren­haft über­zeichnet erscheinen, verleiht der »Vertei­diger der über­sehenen und verges­senen Menschen Amerikas« (New York Times) jeder seiner Kreaturen, so eklig, verdorben oder geschunden sie sein mag. eine Seele. Manche über­raschen mit uner­warteter Sensibi­lität oder gar Hunger nach einer Kultur, die sie in ihrem düsteren Habitat noch nie erreichen konnte. Cane kämpft sich durch Shake­speares »Richard III«, vielleicht doch nicht allein, weil das »eine Ge­schichte voller Gemein­heiten« ist. Lieu­tenant Bovard zieht Inspira­tion aus Thuky­dides' Invasions­beschrei­bungen in der »Ge­schichte des Pelo­ponne­sischen Krieges«. Ein anderer Akteur verschlingt »Die Aben­teuer des Huckle­berry Finn« (mit der »Himm­lischen Tafel« litera­risch verwandt), erinnert sich aber noch gut an das ver­ruchte Groschen­heftchen von Bloody Bill Bucket, das er und sein Bruder in der Jugend heimlich lasen.

Literatur, so scheint uns Pollock schelmisch stecken zu wollen, bewirkt eben doch etwas. Wie die Lektüre von Ritter­roma­nen einst Don Quijote zu seiner Mission ermun­terte, so war »Das Leben von Bloody Bill Bucket« die Initial­zündung, die die gott­losen Jewett-Brüder auf ihren fatalen Weg brachte. Auch dem Autor dieses Machwerks, Charles Foster Winthrop III, widmet Pollock eine Vita von ein paar Zeilen, in denen er die ganze Mühsal des Schrift­steller­daseins zuspitzt: »ein geschei­terter Dichter aus Brooklyn, der einst davon geträumt hatte, der nächste Robert Browning zu werden ... Winthrop hatte in das Buch jegliche Art von Ver­gewalti­gung, Raub und Mord gepackt, die sein zorniges, syphili­tisches Hirn sich ausdenken konnte. Für diesen zwan­zigsten Reißer in weniger als drei Jahren hatte er die jämmer­liche Summe von dreißig Dollar bekommen ... hatte er nicht mal mehr genug Geld, um sich einen Laib Brot zu kaufen. ›Tja‹, sagte er in jener Nacht zu dem Unge­ziefer, das hinter dem rissigen Putz in seinem feuchten Zimmer hauste, ›ich habe mein Bestes gegeben, mehr kann ein Mann nicht tun.‹« Dann ersäuft er sich in Terpentin.

Pollock zeichnet kein schönes Bild von Amerika. Frauen, Nicht-Weiße, Ausländer, Anders­denkende und Minder­heiten werden abge­lehnt, ent­würdigt, miss­handelt, der sich abzeich­nende technische Fort­schritt steigert zunächst einmal die Leiden des Krieges und wird das Leben vieler Menschen auf lange Sicht nicht erleichtern. Neun­und­neunzig Jahre später warten die »über­sehe­nen und ver­gesse­nen Menschen Amerikas«, viele immer noch mittel­los, unge­bildet und roh, nicht mehr auf eine »himm­lische Tafel«. Laut den Analysen waren sie es, die heute, am 9.11.2016, einen Donald Trump zum 45. Präsi­denten ihres Landes gewählt haben.


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