Rezension zu »Das außergewöhnliche Leben eines Dienstmädchens namens PETITE, besser bekannt als Madame Tussaud« von Edward Carey

Das außergewöhnliche Leben eines Dienstmädchens namens PETITE, besser bekannt als Madame Tussaud

von


Die bewegte, fast neunzigjährige Lebensgeschichte der Marie Tussaud. Das Kind aus schlichten, Leid geprüften Kreisen erlernt bei seinem Förderer das Modellieren in Wachs, erlebt im vor- und nachrevolutionären Paris eine Blütezeit und wagt in der zweiten Lebenshälfte einen Neuanfang in Großbritannien.
Historischer Roman · C.H. Beck · · 492 S. · ISBN 9783406739484
Sprache: de · Herkunft: gb

Figuren für die Ewigkeit

Rezension vom 15.11.2019 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Schon sehr, sehr früh in seiner Urgeschichte hat der Mensch etwas vollbracht, was kein anderes Lebewesen je vermochte: ein Abbild seiner selbst zu formen. In einer kleinen Statuette aus Knochen, Holz, Keramik oder Stein seine eigene Art wieder­zuer­kennen muss eine magische Wirkung ausgeübt, ihrem Fertiger höchstes Ansehen verschafft haben. Schließlich schreiben viele Kulturen allein göttlichen Wesen zu, dass sie das Menschen­geschlecht nach ihrem eigenen Bildnis erschaffen hätten. Als sich im Spät­mittel­alter das Individuum aus der Namen­losig­keit der Masse zu emanzi­pieren begann, wurde ein Porträt mit persön­lichen Zügen zur Ikone des eigen­ständi­gen Egos.

In der Entwicklung des lebensgroß abbildenden Kunst­hand­werks erreichte kein Maler und kein Bildhauer eine derart frappie­rende Wirkung wie die Ceroplastik, die Wachs­bildne­rei, und als ihre ungekrönte Königin gilt seit zweihundert Jahren die Elsässerin Marie Tussaud, geb. Grosholtz. Ihre Kunst ist heute, verknüpft mit ihrem Namen, zu einem weltum­spannen­den Geschäfts­modell ausgebaut, das im Kern noch immer auf das urzeitliche Staunen angesichts des Spiegel­bildes setzt.

Die moderne Steigerung der getreuen Wachsfigur ist das Selfie, und wir zeigen uns geradezu süchtig nach immer neuer narziss­tischer Selbst­betrach­tung und Selbst­bestäti­gung. Exklusiver als die rituali­sierte Selbst­inszenie­rung im Foto ist das Alter Ego aus dem 3D-Drucker, aber die ultimative Weise, sich selbst zu bestaunen, steht erst noch bevor: das Klonen.

Bald nachdem Marie Grosholtz 1761 im Elsass geboren wurde, beschäf­tigen ihre Mutter allerdings wesentlich konkretere Sorgen. Denn der Vater kommt schwer verwundet aus dem Sieben­jähri­gen Krieg heim und stirbt bald. Um sich und ihr Kind durchzu­bringen, zieht sie nach Bern, wo sie eine Anstellung bei dem seltsamen, menschen­scheuen Arzt Dr. Philipp Curtius findet. Aber sie verzweifelt an dessen Anforde­rungen. Aus dem nahe­gelege­nen Spital werden ständig Körperteile und Organe von Verstor­benen angeliefert, nach denen er Anschauungs­objekte für Anatomie­studenten modelliert. Lieber nimmt sie sich das Leben, als ihm dabei zur Hand zu gehen.

An dem aufgeweckten, aufgeschlossenen Wesen der kleinen Waise (»ma Petite«) findet Dr. Curtius Gefallen und nimmt sie als Mündel unter seine Obhut. Sie interes­siert sich für alles, was in der Werkstatt vor sich geht, und für die unzähligen anatomi­schen Objekte in den Regalen und Vitrinen. Damit sie sich im Abzeichnen üben kann, gibt er ihr Papier und Bleistift. Nicht zuletzt dank eines gelungenen Abgusses ihres Kopfes entwickelt sich Curtius’ Tätigkeit zu einem lukrativen Gewerbe, und schließlich lässt er mit dem Mädchen die Provinz­stadt Bern hinter sich, um mit seinem außer­gewöhn­lichen Kunst­hand­werk Paris zu erobern.

Dr. Curtius mietet sich bei Charlotte Picot ein, wo er im Schneider­atelier ihres verstor­benen Mannes seine Wachsköpfe fertigen kann – und bald Gefallen an der Frau findet. Marie, inzwischen elf Jahre alt, ist derweil der grausamen Willkür und den Demüti­gungen der Hausherrin ausgesetzt, die sie wie einen Fußabtreter behandelt. Curtius, ganz unter der Fuchtel Madame Picots, wagt nicht, ihr zur Seite zu stehen.

Erst als der Meister den rasant wachsenden Umfang der Aufträge kaum mehr bewältigen kann, macht er Marie, trotz heftiger Proteste der Witwe, zu seiner rechten Hand. Mehr und mehr Pariser strömen in das neu erworbene, größere Geschäfts­haus, um den ausge­stellten illustren Persön­lich­keiten über alle Schwellen des Standes, der Ehrfurcht, des Schauders hinweg unverfroren in die Augen zu schauen: Voltaire, den Brüdern Montgolfier, Benjamin Franklin, ebenso wie dem Giftmörder Antoine-François Desrues und anderen. Unter den staunenden Besuchern ist auch Élisabeth, die vier­zehn­jährige Schwester des Königs Louis XVI. Auf ihre Initiative hin wird Marie zehn Jahre am Hof von Versailles leben, um der in Wuchs und Aussehen ähnlichen Prinzessin alles über den mensch­lichen Körper nahezu­bringen. Im Schloss ist sie dem Elend und der Brutalität der Stadt himmelweit entrückt, bleibt aber ihren Wurzeln verbunden.

Als ab 1789 die Revolution über Paris, das Königshaus und das Land herein­bricht, ändert sich für die Bürger trotz aller politischen Program­matik nichts. Willkür und brutale Unter­drückung regieren weiterhin. Adlige wie revo­lutio­näre Köpfe rollen in Massen, und der Umsatz des Wachs­bild­ners und seiner tüchtigen Gehilfin erreicht mit neuen Auftrag­gebern neue Gipfel. Doch dann legen persönliche Entwick­lungen und die inter­natio­nale Politik Marie und ihren beiden Söhnen einen Umzug nach London nahe. Als Napoleon wenige Jahre später die Konti­nental­sperre gegen Groß­britan­nien verhängt, steht fest, dass sie nie mehr in das verfeindete Frankreich zurück­kehren können. Nach drei Jahrzehnten des Herum­reisens mit ihrer Figuren­ausstel­lung eröffnet die Vierund­siebzig­jährige endlich ihr eigenes Museum in London, wo sie 1850 stirbt.

Der englische Autor und Illustrator Edward Carey hat den unge­wöhnli­chen Lebensweg der histori­schen Madame Tussaud intensiv recher­chiert und daraus ihre fiktive Auto­biogra­fie geschaffen. Was die lückenhafte Quellenlage nicht hergibt, ergänzt er mit seiner Vor­stellungs­kraft. In seinem umfang­reichen Roman »Little« Edward Carey: »Little« bei Amazon erzählt Maria Grosholtz also selbst, was sie erlebt hat (haben könnte), erläutert detailliert die histori­schen und sachli­chen Hinter­gründe und Techniken und fügt Hunderte kleiner Schwarz-Weiß-Zeichnungen (von Careys Hand) ein. Die Gestaltung der Kapitel­köpfe lehnt der Autor ein wenig an die ausholenden Ge­pflogen­heiten der Zeit an, aber der Sprach­duktus ist der unserer Zeit.

Das Buch schenkt uns ein interessantes, spannendes und emotional bewegendes Lesever­gnügen. Es lässt vor unserem inneren Auge ein lebhaft detail­liertes Bild der Charaktere, des Alltags­lebens und der Stadt Paris entstehen – mit ihren Straßen voller stinkendem Unrat, ihren Palästen, Hospitälern, Gefäng­nissen und wind­schiefen Holzhäusern, deren Bewohner ebenso herunter­gekom­men sind wie ihre Behau­sungen. Nicht nur Hunger, Elend und Krank­heiten wie die Blattern quälen die Menschen, sondern auch manch verrohter Mitbürger wie etwa der Metzger, der seine Familie mit der Axt zerteilt und die Stücke als Schweine­fleisch verkauft. Sprachlich besonders bemerkens­wert sind die zahlreichen Dar­stellun­gen zur pingeligen Arbeits­weise der Model­lierer und die Beschrei­bungen der Köpfe, Toten­masken und Figuren, die sie erschaffen. Edward Carey und sein Über­setzer Cornelius Hartz stehen in ihrer sprach­lichen Leistung der bildneri­schen der Ceroplas­tiker nicht nach.


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