Rezension zu »Commissario Pavarotti kam nie nach Rom« von Elisabeth Florin

Commissario Pavarotti kam nie nach Rom

von


Zwei deutsche Touristen werden in einem Meraner Luxushotel erschossen. Die Ermittlungen führen Commissario Pavarotti auf verschlungenen Pfaden zurück zur »Rattenlinie«, auf der kurz nach dem Krieg Flüchtlinge aller Art Europa den Rücken kehren konnten. Zwischenmenschliche Reibereien und Rivalitäten erschweren seine Arbeit.
Kriminalroman · Emons · · 320 S. · ISBN 9783740803162
Sprache: de · Herkunft: de

Die Vergangenheit lebt

Rezension vom 11.09.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Das passt nun gar nicht zum Image der sonnenverwöhnten, charmanten Südtiroler Metropole Meran. Da liegt ein deutsches Ehepaar in aller Seelenruhe am Pool eines Luxushotels – und wird mit je einem gezielten Schuss in die Stirn ermordet. Die Opfer, Anna und Lex Santer aus Glashütten im Taunus, haben davon offen­sicht­lich gar nichts mitbekommen, so entspannt sind sie noch im Tod. Das sieht nach professio­neller Arbeit aus.

Nicht jedoch für Commissario Luciano Pavarotti, nicht verwandt, nicht verschwä­gert und nicht verschwippt mit dem berühmten Tenor, dafür bereits zum vierten Mal Protagonist eines Südtirol-Krimis von Elisabeth Florin. Geheimnis­voll, wie ihn die Autorin einführt – im schwarzen Armani-Anzug im Nachtzug Bozen-München, ein bleicher Mann mit depressiven Schüben, den sogar seine eigene Schwester hasst (wenngleich sie sich um ihn sorgt) –, könnte man ihn leicht für einen Auftrags­mörder halten. In Wirklich­keit hat er sich nach einer radikalen Fastenkur auch optisch von seinem Namens­vetter distanziert und geht nun als zeitgemäßes Update seiner selbst (»Luciano Pavarotti 2.0«) seiner ehrenwerten Tätigkeit nach.

Der Mann im Anzug im Zug reist im dienstlichen Interesse, aber persönlich höchst ungern in den Taunus, wo er einen deutschen Kollegen treffen wird. Hier lebten die Santers, er als Teilhaber einer Agentur, die Investment­fonds analysiert, sie als Autorin von Kriminal­romanen mit histori­schem Hintergrund. Dorthin hat sich allerdings auch Liselotte von Spiegel zurückge­zogen – die Letzte, der Pavarotti noch einmal begegnen möchte. Dabei ist »Lissie«, Hobby-Ermittlerin und ebenfalls Kriminal­schriftstel­lerin, seine große Liebe gewesen, bis ein dramati­sches Ereignis ihre Beziehung irreparabel beschädigte. Hatte er Lissies Herz einst mit seinem Sehn­suchts­ort Rom gleichge­setzt, so steht jetzt fest, dass er dorthin »niemals« gelangen würde.

Natürlich treffen Pavarotti und Lissie, zwei einander anziehende und abstoßende Pole, doch aufeinander. Bald stecken beide im Fall Santer, verfolgen jedoch sorgsam getrennte Pfade. Lissie war nämlich eine gute Freundin Anna Santers und beim selben Verleger unter Vertrag. Sie weiß, dass Anna gerade an einer brisanten Enthül­lungs­story arbeitete, begleitet deshalb Pavarotti (der den Mörder im Umfeld des großen Geldes vermutet) nach Meran und mietet sich auf den Spuren der Ermordeten in deren Hotel ein. De facto kocht sie ihr eigenes Süppchen, denn gerne würde sie über Annas Thema selbst einen Bestseller lancieren.

Mit Annas und Lissies Recherchen kommt ein unverbrauchtes, hoch­interes­santes und noch dazu geschicht­lich authenti­sches Thema ins Spiel. Auf der »Rattenlinie« (auch als »Kloster­route« oder »Römischer Weg« bekannt) haben sich nach dem Krieg neben unbe­scholte­nen Flüchtigen auch eine Menge großkalib­riger National­sozialis­ten und Kol­labora­teure nach Südamerika abgesetzt. Südtirol war für alle die erste und äußerst nützliche Station im Ausland, denn die Region stand seit Dezember 1945 nicht mehr unter alliierter Kontrolle, war den Deutschen traditio­nell wohl­geson­nen, und vor allem standen im Klerus und dem Roten Kreuz zahlreiche einfluss­reiche Helfer bereit, die falsche Papiere und neue Identitäten verschaffen konnten. Der Vatikan und die alliierten Geheim­dienste unter­stütz­ten diese Aktivitäten als Teil ihrer antikom­munisti­schen Politik und nahmen in Kauf, dass sie damit selbst Kriegsver­brecher und SS-Mörder der Gerichts­barkeit entzogen und ihnen viele unbe­schwerte Jahre in Freiheit bescherten.

Die Autorin bindet dieses Thema prominent in ihren Plot ein (inklusive kursiv abgesetzter Rückblenden und einem aufschluss­reichen Anhang von acht Seiten), rückt es aber nicht in den Mittelpunkt der erzählten Handlung. Sicher gab es viele Flucht­episo­den aus der Zeit, die sich für die Auf­berei­tung in einem packenden Krimi angeboten hätten. Darauf verzichtet Elisabeth Florin. Stattdessen folgen wir aufwändigen und gefahr­vollen Recherchen, bis die Ermittler und wir endlich eine komplex verfloch­tene Spur von der »Rattenlinie« bis zum Meraner Doppelmord nachvoll­ziehen können.

Viel Raum – meiner Ansicht nach zu viel – nimmt die Gestaltung der Charaktere und der Beziehungen zwischen ihnen ein, zumal das Kleeblatt der Prota­gonis­ten (Pavarotti, Lissie und Ispettore Emmenegger) immer weiter ins Schräge abgleitet und im aktuellen Fall eher auseinander­driftet, statt zu kooperieren. Lissie kämpft mit Alkohol­proble­men, Gedächtnis­störun­gen und unkontrol­lierter Hyperak­tivität. Pavarotti, psychisch labil und mit erstaunlich unter­entwickel­ter Menschen­kenntnis, geriert sich als wichtig­tueri­scher und arroganter »Medienstar von Meran«. Ispettore Emmenegger schließlich (insgeheim ebenfalls ein Verehrer Lissies) wurde zwar Anerkennung in Form einer Beförderung zuteil, ist aber am Ende des Tages doch nur der traurige »Hund« seines Herrchens und bekommt dessen Launen als Fußtritte ab. Dabei ringt er ohnehin mit den Erinne­rungen an seine Ex, die schon mal einen »Braten­wender« schwang, wenn er mal wieder das ganze Geld in einer Kneipe versoffen hatte. Dieses Mal hat sein Alkohol­konsum tragische Konse­quenzen.

Elisabeth Florins vierter Südtirol-Krimi ist ein komplexes Opus, das den Leser mit vielen Wendungen überrascht, eine gute Spannung aufbaut und geschickt aufrecht erhält (Cliffhanger), so dass man gern am Ball bleiben möchte. Doch die interes­sante »Rattenlinie« liefert nur den Hintergrund, während die Prota­gonis­ten ihre Befindlich­keiten, Marotten und Schwächen ausführlich ausleben dürfen. Ein wenig zarte Ironie trägt zwar dazu bei, dass das Psychogramm den Krimi nicht an den Rand drängt, aber ich wünsche mir, dass die drei unter­schied­lichen, in sich wider­sprüchli­chen Charaktere bis zum nächsten Fall ihre Selbst­bespiege­lungen und Eifer­süchte­leien ablegen, sich wieder auf ihre Stärken besinnen und vernünftig zueinander finden – im Interesse einer konzen­trier­ten Ermitt­lungs­arbeit.

• Band 1: »Commissario Pavarotti trifft keinen Ton« (2013) Elisabeth Florin: »Commissario Pavarotti trifft keinen Ton« bei Amazon

• Band 2: »Commissario Pavarotti küsst im Schlaf« (2014) Elisabeth Florin: »Commissario Pavarotti küsst im Schlaf« bei Amazon

• Band 3: »Commissario Pavarotti spielt mit dem Tod« (2016) Elisabeth Florin: »Commissario Pavarotti spielt mit dem Tod« bei Amazon [› Rezension]

• Band 4: »Commissario Pavarotti kam nie nach Rom« (2018) Elisabeth Florin: »Commissario Pavarotti kam nie nach Rom« bei Amazon [› Rezension]


Weitere Artikel zu Büchern von Elisabeth Florin bei Bücher Rezensionen:

Rezension zu »Commissario Pavarotti spielt mit dem Tod«

go

War dieser Artikel hilfreich für Sie?

Ja Nein

Hinweis zum Datenschutz:
Um Verfälschungen durch Mehrfach-Klicks und automatische Webcrawler zu verhindern, wird Ihr Klick nicht sofort berücksichtigt, sondern erst nach Freischaltung. Zu diesem Zweck speichern wir Ihre IP und Ihr Votum unter Beachtung der Vorschriften der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Nähere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Indem Sie auf »Ja« oder »Nein« klicken, erklären Sie Ihr Einverständnis mit der Verarbeitung Ihrer Daten.

Schenken Sie uns ein Like!

»Commissario Pavarotti kam nie nach Rom« von Elisabeth Florin
erhalten Sie im örtlichen Buchhandel
oder bei Amazon als
Taschenbuch E-Book


Kommentare

Zu »Commissario Pavarotti kam nie nach Rom« von Elisabeth Florin wurde noch kein Kommentar verfasst.

Schreiben Sie hier den ersten Kommentar:
Ihre E-Mail wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Ihre Homepage wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Hinweis zum Datenschutz:
Um Missbrauch (Spam, Hetze etc.) zu verhindern, speichern wir Ihre IP und Ihre obigen Eingaben, sobald Sie sie absenden. Sie erhalten dann umgehend eine E-Mail mit einem Freischaltlink, mit dem Sie Ihren Kommentar veröffentlichen.
Die Speicherung Ihrer Daten geschieht unter Beachtung der Vorschriften der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Nähere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Indem Sie auf »Senden« klicken, erklären Sie Ihr Einverständnis mit der Verarbeitung Ihrer Daten.


Go to Top