Rezension zu »Ein Hummerleben« von Erik Fosnes Hansen

Ein Hummerleben

von


Der dreizehnjährige Sedd erzählt vom Leben im Grand Hotel seiner Familie in den Bergen Norwegens. Es sind die Achtzigerjahre, und der Tourismus verändert sich grundlegend. Sein Großvater kann die alte Kultiviertheit nur mit Mühe aufrechterhalten.
Belletristik · Kiepenheuer & Witsch · · 384 S. · ISBN 9783462050073
Sprache: de · Herkunft: no

Was vom Glamour übrig bleibt

Rezension vom 30.11.2019 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Alle Hoffnungen ruhen auf Sedgewick, genannt Sedd. Der Junge wird das Hotel, das die Familie Zaccha­riassen seit Jahr­zehn­ten führt, eines Tages übernehmen. Das prachtvolle Anwesen ist ihr Stolz, dazu ein Leuchtturm feiner Kultur und gehobenen Lebensstils hier oben in der Berg­einsam­keit Norwegens.

Als Erwachsener schaut Sedd mit leiser Ironie zurück auf das Jahr 1982, ein Schick­sals­jahr in doppelter Hinsicht. Dem Drei­zehn­jähri­gen bringt es belastende Erkennt­nisse und beendet die Zeit seiner kindlichen Unschuld. Im Hotel­betrieb wird immer deutlicher, wie sich der Tourismus verändert und Verände­rungen fordert.

Den Großeltern, die Souveräne des Hauses, ist wohl bewusst, dass nicht mehr alles zum Besten steht, dass es nicht einfach weitergehen kann wie bisher, dass sie mitten in einem Umbruch agieren und sich anpassen müssen. Das aber fällt schwer, wo edles Mobiliar, Schwimmbad, Sauna und Minigolf­anlage bereit­stehen, wo exquisite Gerichte und Getränke auf den Tisch kommen, wo man zu Glanzzeiten interna­tionale Gäste ehrte, indem man an den Fahnen­stangen ihre National­flaggen hisste, und wo die distin­guierte Gesell­schaft (zumindest die ältere Generation) noch immer gern (wenn auch seltener) für Feier­lich­keiten einkehrt.

Seinen Zenith erlebte das mondäne Traditionshaus in den Fünfziger- und Sech­ziger­jahren – »die Leute liefen uns nur so die Bude ein« und die Mitarbeiter zur Service-Höchstform. Die fürstlichen »Meeres­früchte-Büffets« des Küchenchefs Jim waren das Highlight jeder anständigen Berg­hoch­zeit. Danach bezauberte Großmutter Elisabeth – gebürtige Wienerin, benannt nach der schönsten Kaiserin aller Zeiten und Expertin in allen royalen Angelegen­heiten Europas – das verwöhnte Publikum durch »Meister­werke der öster­reichi­schen Mehl­speisen- und Kon­ditoren­küche« wie durch ihren Charme. Inzwischen wollen die Leute trotz Strudel nicht mehr im Gebirge frieren, sondern reisen lieber dahin, wo »ewiger Sommer« herrscht: in den »verteu­felten Süden«.

Während Großmutter an eine »Übergangsphase« glaubt, weiß Großvater es besser: Die Gäste bleiben aus und lassen sich leider auch durch ausge­klügelte Sonderan­gebote nicht in Scharen locken. Ein paar »herr­schaft­liche Hochzeiten auf Sparflamme« im Jahr, spitz gerechnete all-inclusive-Festpreis-Pakete mit Einheits­menü, Blumen­schmuck, Live­musik, Über­nach­tung und amerika­nischem Straßen­kreuzer, reichen kaum aus, alle Ange­stellten auf Dauer zu halten.

Überdies haben sich die Geschmäcker gewandelt. War Hummer einst die Krönung jeder Tafel, so gilt sein Koch jetzt als herzloser Mörder. Jeder sensible Gast, der sich angesichts des Tieres auf der Speisekarte empört abwendet, nimmt ein Stückchen von der ohnehin schmalen Gewinn­spanne weg. »Wir brauchen jeden einzelnen Gast«, hämmert Großvater allen immer wieder ein. Doch das Schiff sinkt unauf­halt­sam, und kein Kapitän kann es retten, schon gleich nicht, indem er die Tatsachen ignoriert. Die erwischen auch Sedd kalt, als der Fotohändler ihm unver­mittelt enthüllt, dass es jetzt aus sei mit den Einkäufen »auf Großvaters Rechnung«.

Gleich die erste Szene des Romans ist ein Menetekel. Es ist Winter, Feriengäste gibt es keine im Hotel. Vielmehr haben die Großeltern besondere Gäste aus der Umgebung geladen, denen sie Dank für langjährige gute Zu­sammen­arbeit schulden. »Sie waren gerade beim Kuchen angelangt, da sackte Bank­direktor Berge am Tisch zusammen und fing an zu sterben.« Sedd beobachtet das unwirkliche Geschehen aus respekt­voller Distanz von der Küchentür aus, ehe er mit den anderen dem Sterbenden zu Hilfe eilt. Der Junge ist (als Jugendrot­kreuzler) der Einzige, der kompetent Erste Hilfe leisten kann, aber die Herzmassage ist kräfte­zehrend, die Mund-zu-Mund-Beatmung kostet ihn Über­windung, und so bleiben seine Bemühungen ebenso erfolglos wie die Jims, des Küchenchefs. So gern der Großvater noch richtungs­weisende Gespräche über die Zukunft des Ortes, die große Politik, über Wertpapiere und Kredite geführt hätte, das Schicksal hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht, die schluch­zende Frau Berge muss beruhigt, die Gesell­schaft aufgelöst werden.

Sedd ist ein braver, aufmerksamer, gehorsamer und begabter Junge. Seinen Großeltern, die ihn liebevoll erziehen, bringt er stets Respekt entgegen. Im Hotel­betrieb lernt er früh, Ver­antwor­tung zu übernehmen: Am Empfang hält er Ordnung im Post­karten­ständer, er hilft Gästen auf ihr Zimmer, er geht Jim in der Küche zur Hand. Doch sein exotisch-fremd­ländi­scher Teint sorgt für Un­sicher­heit in seinem Selbstbild. Lange hängen undurch­dring­liche Nebel­schleier gleich denen über den umliegenden Bergen über allem, was mit seinem »Zustande­kommen«, seiner »Provenienz«, seiner Mutter (die sich früh abgesetzt hat) und der Herkunft seines Vaters (der schon vor seiner Geburt verstarb) zu tun hat. Großmutters aufmun­ternde Kommentare (er solle Gott für sein »erfreu­liches Äußeres« danken) und ihre variie­renden Erklärungen rufen bei ihm nur »beträcht­liche Verwir­rungen« hervor. Erst Jim sorgt, des Eiertanzes müde, der »über seine Stellen­beschrei­bung hinaus« gehe, für kurz und bündige Aufklärung: »Mein Vater sei kein Norweger, sondern Inder.«

So lässt der Autor seinen Protagonisten vom Hölzchen aufs Stöckchen erzählen und erzählen und erzählen. Manche seiner Geschichten sind eng mit der Familie und ihrem Hotel verknüpft, andere Lichtjahre entfernt davon. Oft kommt Komik auf, etwa wenn sich Sedd über Hausgäste auslässt. Alljährlich treffen sich bei­spiels­weise die Be­stattungs­unter­nehmer im abgelegenen Nobel­quartier, wo sie bei ihrer Weih­nachts­feier mal »so richtig die Sau rauslassen«. Überdies hat der Erzähler Freude am Detail. Wer seine Beschrei­bung der alljähr­lichen Früh­jahrs­putz­aktion studiert hat (»Nifisk-Staubsauger, Teaköl der Marke Pallisto-Lux« usw.), könnte Herrn Direktor Zaccha­riassen glatt eine Initiativ­bewer­bung als Aushilfe zusenden.

Mit seinem unterhaltsamen, sprachlich gediegenen und unaufgeregt voran­schreiten­den Roman »Et Hummerliv« (Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henckel) versetzt uns Erik Fosnes Hansen an einen Ort, der aus der Zeit gefallen scheint. Der Gast ist König in dem alt­modi­schen Grand Hotel, und zu seinem Wohl halten die Gastgeber fest an Tradition und Kultur alten Stils, an Diskretion und Contenance als oberstem Gebot für sie selbst. Damit fallen sie freilich der modernen Tourismus­entwick­lung zum Opfer, bei der Preis, aal­glatte Dienst­leister­menta­lität, Flexibi­lität und mediale Performance über Wohl und Wehe entscheiden.

Der Autor liebt alle seine Figuren gleichermaßen und würdigt jede, wie auch alle bedeutsamen Gegenstände, durch präzise Darstel­lungen, deren wohlige Wärme und leichte Melancholie sich auf den Leser übertragen. Sie werden untermalt von der Nostalgie der Musik der Zeit (Wencke Myhre) bis zurück in die Nach­kriegs­jahre (»Capri­fischer«).

Auch wenn die Handlung tragisch endet, so hat das Romanende doch auch etwas Versöhn­liches, zumindest für die Spezies, die bereits im Titel herausge­stellt wird. Statt als gekochte Delikatesse auf teuren Tellern zu enden, dürfen die verschonten Krebstiere mit ihren kräftigen Scheren weiter unbesorgt über den norwegi­schen Meeresboden kriechen und sich ihres Hummer­lebens erfreuen.


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