Rezension zu »Blutwunder« von Lisa McInerney

Blutwunder

von


Der Werdegang des jungen Dealers Ryan aus Cork soll sich auf internationalem Podium fortsetzen. Aber die neapolitanische Camorra ist denn doch eine Nummer zu groß für ihn. Auch privat hagelt es Niederschläge.
Kriminalroman · Liebeskind · · 334 S. · ISBN 9783954381104
Sprache: de · Herkunft: gb

Gefangen im Milieu

Rezension vom 07.12.2019 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Eigentlich hat Ryan Cusack das Zeug zu Besserem. Er ist intelligent, hat eine rasche Auf­fassungs­gabe und bemerkens­wertes musika­lisches Talent. Er ist sogar guten Willens, etwas aus seinem Leben zu machen und sich dafür anzu­strengen. Leider wurde er am falschen Ort, in den falschen Kreisen und von den falschen Eltern geboren.

Ryan ist das älteste der sechs Kinder einer gebürtigen Neapoli­tanerin und eines Iren aus Cork, der kleinen katholi­schen Hafenstadt im Südwesten Irlands. Nach dem Selbstmord der Mutter hatte Tony, der Vater, zu all seinen anderen Problemen noch das des sechsfachen Alleiner­ziehens an der Backe, und mit allen war er heillos überfordert. Sein Alltag war eine einzige Frustration und zu saufen sein einziger Trost. All seinen angestauten Hass auf Gott und die Welt ließ der aggressive Loser an seinen Kindern aus, und sein bevorzugtes Prügelopfer war Ryan.

Der ist jetzt einundzwanzig und reicher an Erfahrung, aber nicht an Vernunft. Trotz seiner Begabungen hat er keinen Schulab­schluss geschafft, geschweige denn eine Berufs­ausbil­dung ab­geschlos­sen. Stattdessen kann er sechs Jahre Praxis im Dealen inklusive neun Monate Jugendknast vorweisen und ist tiefer und tiefer in allerlei Sümpfe gerutscht. Er verdient seinen Lebens­unter­halt als rechte Hand des Drogen­bosses Dan Kane, der mit seiner Truppe alle möglichen Rausch­mittel importiert und vertickert.

Aussteigen und ein ordentliches Dasein führen würde Ryan immer noch gerne, aber er ist längst nicht mehr Herr seines Lebens. Einerseits wird er als Bauer auf dem Schachbrett der kriminellen Szene hin und her geschoben, anderer­seits agiert er selbst planlos, instinkt­getrieben, unbedacht. Aus diesem Dilemma kann es keinen Ausweg geben.

Seit gut fünf Jahren ist Ryan mit Karine zusammen, die eine Ausbildung zur Kranken­schwester macht. Sie liebt ihn trotz seiner Schwächen und setzt, wenn sie ihn zu Körper­pflege, Ordnung und einem geregelten Lebens­wandel anhält, auf sein Potenzial. Allerdings ist ihr nicht klar, was er außerhalb ihrer Zweisamkeit so treibt und mit wem er dann verkehrt. Wie es wirklich um ihn steht, erleidet sie, als er ihr im Streit Gewalt antut. Da erkennt er auch selbst, was Alkohol und Drogen über die Jahre mit ihm gemacht haben, dass er ausge­rechnet den einzigen Menschen, der es gut mit ihm meint, misshandelt hat und dass er auf dem besten Wege ist, als Abbild seines gewalt­tätigen Vaters zu enden.

Die Kraft, sein Leben von Grund auf zu ändern, bringt Ryan jedoch nicht auf, zumal vermeint­lich attraktive Chancen der vertrauten Art locken. Während der Sommer­ferien, die er bei der Großmutter in Neapel verbringt, lernt er die Qualität der dort gehandelten Pillen schätzen und berichtet Dan davon (»Echt besser«). Der sieht die Gelegenheit, endlich von billiger Chemie aus chinesi­schen Laboren zu erst­klassi­gem Ecstacy zu wechseln, und beauftragt Ryan, den Coup zu schaukeln.

Doch auf den angepeilten Vertriebswegen – der Wirkstoff »wird in Estland hergestellt, in Neapel in Pillenform gebracht und nach Cork geliefert, während sich Dans Geld in die Gegen­rich­tung bewegt« – berührt man ganz andere Sphären als bisher. Aus Neapel reist ein unter­kühlter Camorrista in Cork an und verabredet mit Ryan in einem Hotel-Eckzimmer, die neue Route mit einer Probe­sendung von fünfzig­tausend Pillen auszuloten.

Als Ryan Bedenken kommen, ist es längst zu spät. Die Drogen verschwin­den, der Deal platzt. Jemand muss Wind von dem Testlauf bekommen und die teure Ware zwecks eigener Vermarktung beiseite geschafft haben. Das kann jeder aus Dans Truppe gewesen sein. Womöglich hat einer hinter Dans Rücken gemeinsame Sache mit Jimmy Phelan gemacht, dem eigent­lichen Herrscher des Drogen­handels in Cork. Diese Fährte führt gefährlich nahe zu Ryan, denn Jimmy, »der erfolg­reichste unter allen Irrtümern der Stadt«, ist seit ewigen Zeiten mit Ryans Vater befreundet.

Brenzlig wird es für Ryan auch privat. Karine erkennt, dass er sich wohl niemals bessern wird, und macht Schluss mit ihm. Ersatz ist schnell gefunden, doch die Neue ist nicht nur Dans Buch­halterin, sondern auch dessen Geliebte. Es dauert nicht lang, und Ryan findet sich zusam­menge­schlagen im Krankenhaus. Was er dort erfährt, erinnert ihn drastisch an seine früheren Vorsätze und bestärkt ihn darin, nun endlich Ernst zu machen und ein besserer Mensch zu werden. Aber gut, vorher muss er schnell noch eine weitere Lieferung mit der Camorra einfädeln.

»Blutwunder« (»The Blood Miracles« Lisa McInerney: »The Blood Miracles« bei Amazon , von Werner Löcher-Lawrence ins Deutsche übersetzt) ist die Fortführung von »Glorreiche Ketzereien«, dem Aufsehen erregenden Debütroman der irischen Autorin Lisa McInerney, die ihre kreative Karriere als Bloggerin über das Elend der irischen Provinz begann. Das ist das eigentliche Thema ihrer Romane. Der dritte steht in Groß­britan­nien kurz vor der Ver­öffentli­chung und wird wohl vollenden, was man schon jetzt getrost als irisches Unter­schicht­epos bezeichnen kann. Was es literarisch auszeichnet, ist eine höchst gelungene innovative Mischung. Sie vereint Elemente des Kriminal­romans und der Tragödie mit der schonungs­losen Gestal­tung deprimie­rend hoff­nungs­loser sozialer Milieus, und sie wird in einem faszinie­renden, facetten­reichen Sprachstil dargeboten, der zwischen abstoßender Derbheit, hartem Realismus, brillantem Esprit, ironischer Dis­tanziert­heit und unerwar­teter Poesie changieren kann. Am meisten überraschen im rauen Kontext melancho­lisch wärmende Töne und sensible Bilder: »Die Luft hat Zähne.« – »Das Gesicht da vorn auf ihr drauf sieht aus, als hätte es irgendwer mit schwerer Hand von der Stirn nach unten gewischt.« – »Wenig können Bäume und Wind tun, um den Schuss zu schlucken«.

Im Vergleich zu McInerneys Erstling [› Rezension], bei dem unver­mittelte Perspektiv­wechsel und schockie­rende Drastik (insbe­sondere bei Sex- und Gewalt­szenen) zu den dominie­renden Gestal­tungs­prinzi­pien gehörten, wirkt »Blutwunder« etwas gezähmter. Es bietet immer noch genug Anlässe zum Luftan­halten, Fremd­schämen, Staunen, aber auch wunderbar Amüsantes, Absurdes, Mitleid Erregendes. Die Autorin zeigt unge­schminkt (und ohne zu urteilen), wie ihre männlichen Protago­nisten in ihren Netzwerken verstrickt sind, wie sie einerseits zu­sammen­halten, anderer­seits als Folge daraus in fatale Ab­hängig­keiten voneinander geraten und ihre eigenen Ent­schei­dungsfrei­räume verlieren. Dem­gegen­über wirken die wenigen weiblichen Charaktere nicht weniger selbst­bewusst und ent­scheidungs­stark, aber sie werden haupt­säch­lich durch ihre Bedeutung für die Männer definiert. Sie sind Ziel ihrer Sehnsüchte, sie bieten ihnen Zuflucht, sie sind Objekte für allein­gelas­sene Söhne, für verprügelte Krimi­nelle, für liebes­hungrige Dealer und für gewalt­tätige Sex-Machos.

Lisa McInerneys trostlose irische Sozial­studie liefert im Grundton triste Kost über Menschen, die am Rande der Gesell­schaft stehen. Am Ende muss der Leser mit einem Zwiespalt fertig werden. Der Typ, von dessen Erlebnissen er gelesen hat, ist ordinär, kriminell, oft genug töricht, und viele seiner Ent­schei­dungen und Hand­lungen machen uns sprachlos. Dennoch muss man seinen guten Willen aner­kennen, ihm zugestehen, dass er unver­schuldet in manch fatale Lagen gerät, und man wird sich wundern, dass man Interesse, Ver­ständnis, ja Sym­pathie für ihn aufbringt.


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