Rezension zu »Der einsame Engel« von Friedrich Ani

Der einsame Engel

von


Kriminalroman · Droemer · · Gebunden · 208 S. · ISBN 9783426281475
Sprache: de · Herkunft: de

Ausgebrannt

Rezension vom 13.07.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Frau Emma Fink hat ihre Pflicht getan. Sie ist zur Polizei gegangen und hat gemeldet, dass ihr Chef, der Obst- und Gemüse­händler Justus Greve, 55, ledig, abgängig ist. Aber das Staats­organ sieht keinen Hand­lungs­bedarf, solange keine konkreten Anhalts­punkte für ein Verbrechen vor­liegen. Schließ­lich ist ein er­wach­sener Mann ein freier Mann und kann nach Gut­dünken seiner Wege gehen, ohne sich von seiner An­ge­stellten verab­schieden oder vor den Behörden verant­worten zu müssen.

Auch Frau Finks Interesse am Verbleib des Justus Greve hat seine Grenzen. Vielleicht amüsiert er sich ja mit einer seiner vielen Frauen­bekannt­schaften am Garda­see. Aber nach­dem sie seit Wochen nichts von ihm (noch der Polizei) gehört hat, treibt sie doch die Sorge um, und so wendet sie sich an die Privat­detektei von Edith Lieber­gesell.

Dort soll der erfahrene »Sucher« Tabor Süden den Fall über­nehmen. Nötig hätte er den Auftrag, denn der Mann ist reich­lich abge­brannt. Seit Wochen läuft er Tag für Tag »ziel­los, schwer­fällig, nutzlos« durch Münchens Straßen, bis er in einem seiner Stamm­lokale vom Typ »Kater­schmiede« inne­hält, um das harte Elend seines Daseins mit nicht minder harten Gegen­mitteln zu betäuben. Wie der vermisste Justus Greve ist auch sein Sucher 55 Jahre alt, kann jedoch anders als jener keinerlei Erfolge bei Frauen verbuchen. Ehe-, kinder-, bezie­hungs- und gänz­lich affären­los leidet er unter seiner Ein­sam­keit.

Früher hatte Tabor Süden einmal ein sicheres Aus­kom­men als Polizei­beam­ter in Köln. Da ging er mit sei­nem Kolle­gen und einzigen Freund Martin Heuer auf Streife. Dann schlug er Martin vor, gemein­sam nach München zu ziehen, wo der Auf­stieg in den ge­hobe­nen Dienst lockte. Obwohl es Martin weder in höhere Ein­kom­mens­grup­pen noch nach Süden zog (ihn hätte das pulsie­rende Berlin gereizt), ließ er sich über­reden. Glück brachte die Ent­schei­dung keinem von beiden. Martin Heuer beging Selbst­mord, und Tabor Süden trägt seither schwer an der Mit­schuld, die er sich daran zu­schreibt.

So wie der neue Auftrag Tabor Süden vielleicht für einige Zeit aus seiner nie enden wollenden Sinn­krise heraus­ziehen mag, könnte er auch zum retten­den Anker für das sin­kende Schiff der un­schein­baren Privat­detek­tei werden. Wenn die Eigen­tümerin den Laden wie beab­sichtigt end­gültig schließt, müssten sich auch die beiden Mit­arbeiter Patrizia Roos und Tabor Süden nach neuen Jobs umsehen.

Die kleine Firma ist gleich in mehrfacher Hinsicht ausge­brannt. Im wörtlichen Sinne: Neonazis haben das Büro über­fallen, in Brand gesteckt und völlig zerstört. Aus­stattungs­mäßig und per­spekti­visch: Der Ver­mieter weigert sich, das Büro um­gehend wieder in Stand zu setzen. Erst will er das Geld von der Ver­siche­rung sehen. Emo­tional: Bei dem Brand kam Team­kollege Leon­hard Kreutzer ums Leben. Das war der letzte Schick­sals­schlag, um der seit Jahren seelisch ange­knacks­ten Truppe den Boden zu ent­ziehen. Zehn Jahre zuvor war Edith Lieber­gesells kleiner Sohn Ingmar von Krimi­nellen aus der rechts­radika­len Szene entführt und ermor­det worden. Die Polizei aber spielte den Fall herunter und ließ die Opfer allein in ihrem Schmerz.

Wie bei den zahlreichen Vorgängerromanen der Serie ist der eigent­liche Krimi­plot, die Recherche nach Justus Greves Verbleib, über lange Zeit eher neben­säch­liches Geplän­kel. Tabor Süden sucht alle Bekann­ten und Ver­wandten im Umfeld des Ver­missten auf. Seine wort­karge Verhör­technik mit schlicht in den Raum gestellten Vermu­tungen, die zurück­haltende Zeugen in ein Gespräch locken sollen, ist ein Marken­zeichen für Friedrich Anis ge­broche­nen Prota­gonisten und Ich-Er­zähler.

Neben dem Verbleib Greves erkundet der »Sucher« vor allem die mensch­liche Seele, insbe­sondere seine eigene. All die vielen Ver­schwun­denen, Ver­lore­nen und Toten in seinem Leben (nicht ein­mal seinen Vater hat er jemals gefunden) sind ihm näher als die Lebenden. Leit­moti­visch bewegt er sich im Schatten­reich seiner Erinne­rungen, träumt wie ein Kind, schließt die Augen, »damit die Welt ver­schwände, und wenn ich sie wieder öffnete, wäre ich auf einem Planeten ohne Fried­höfe und ausge­dörrte Zimmer«.

Während der Autor sich kräftig ins Zeug legt, um seine Sozial­kritik an Münchner Gen­trifi­zie­rungs­ver­hält­nis­sen an den Mann zu bringen – Ver­knap­pung des bezahl­baren Wohn­raums, lieber Leer­stand als Redu­zie­rung des Miet­niveaus, Boom der Luxus­immo­bilien; Leid­tragende sind sozial schwache Familien mit Kin­dern, Profi­teure die Speku­lanten und Inves­toren –, führt Tabor seinen Such­auftrag ziem­lich unmoti­viert aus. Lockte ihn nicht der dringend benötigte schnöde Mammon, würde er sich wohl ganz dem Weh­klagen hingeben.

Tabors Befragungen fördern letztendlich nichts Brauch­bares zutage, zumal er allent­halben belogen wird. Als er schon keinen Sinn mehr darin sieht, in der Sache Greve über­haupt weiter zu ermitteln, gelingt es dem Autor am Ende doch noch, die Span­nungs­kurve etwas an­steigen zu lassen. Über gut zwanzig Seiten erfahren wir un­er­war­tete Einzel­heiten über ein kon­kretes Ver­brechen. Zwar steckt dahinter ein nicht gerade origi­nelles Konzept, doch immer­hin verdient sich das Buch hier gerade noch seine Genre­ein­ordnung als Kri­minal­roman.

In inzwischen bereits zwanzig Variationen hat Friedrich Ani von seinem Prota­gonis­ten Tabor Süden er­zählt. Jetzt scheint auch ein so talen­tierter, mit vielen Preisen ausge­zeich­neter Autor wie dieser ausge­brannt zu sein, und ein Ende der Serie kommt in Sicht. Selbst manch treuer Stamm­leser könnte des ewig gleichen Konzepts um den chronisch depres­siven und »be­bierten« Kom­mis­sar lang­sam über­drüssig wer­den.


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