Rezension zu »Süden« von Friedrich Ani

Süden

von


Krimi · Droemer · · Gebunden · 364 S. · ISBN 9783426199077
Sprache: de · Herkunft: de

Der Mann, der fast aus der Welt fiel

Rezension vom 16.05.2011 · 5 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Mit "Süden" lese ich zum ersten Mal einen Roman des mehrfach preisgekrönten Autors Friedrich Ani. Zwar wird das Buch dem Krimi-Genre zugeordnet, doch sollte der Leser nicht darauf bauen, dass ihn hier ein Thriller erwartet: Es geht nicht um die Aufklärung sadistischer Morde, die Schauplätze triefen nicht von Blut, der Autor baut keine prickelnde, kaum zu ertragende Spannung auf.

Anis Intention ist eine völlig andere. Es geht ihm um Menschen, die ihre gewohnte Lebensspur verlassen, verschwinden, wieder auftauchen – oder auch nicht. Es überwiegt eine melancholische, wenn nicht sogar depressive Stimmung. Manche Situationen sind allerdings so abstrus, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Tabor Süden, der ehemalige Polizist, hält sich so gerade über Wasser als Kellner im Kölner Szene-Treff am Eigelstein. Aus der Not heraus stellt er sich bei der Detektei Edith Liebergesells in München vor. Sie kann einen Mann wie ihn als Vermisstenfahnder gut gebrauchen.

Süden soll einen alten Fall übernehmen, den sowohl die Polizei als auch die Detektei schon einmal vorliegen hatte. Vor zwei Jahren verschwand Raimund Zacherl, Wirt des Lindenhofs bei Garmisch. Er wollte nur kurz im Elektrogeschäft ein Kabel kaufen, doch ist er dort nie erschienen. Zunächst sucht Süden das Gespräch mit Ehefrau Ilona. Er unterstellt ihr, in ihren bisherigen Darstellungen gelogen zu haben. Nach dieser heftigen Auseinandersetzung erfährt er, dass Zacherl, bevor er von der Bildfläche verschwand, von jetzt auf gleich zu einem anderen Menschen mutiert war. Apathisch hatte er auf einem Hocker gesessen, am Geschehen um ihn herum nicht mehr teilgenommen und kein Wort mehr gesprochen. Waren das Symptome einer Krankheit oder die Folgen eines Ereignisses, das ihn so aus der Bahn geworfen hatte? Süden recherchiert weiter bei ehemaligen Bediensteten, zwei schweigsamen Bierfahrern, Bekannten und Freunden. Er glaubt fest daran, dass Zacherl noch lebt. Schließlich deutet alles darauf hin, dass eine Spur nach Sylt führt. Ob sie im Sande verläuft, behält der Rezensent lieber für sich ...

Links und rechts des Haupthandlungsstrangs erzählt uns Ani eine Fülle von Episoden und menschlichen Schicksalen, die alle ein wenig neben der Spur, absurd sind. Verschwinden und die Unfähigkeit zur Kommunikation haben sie als gemeinsames Element.

Wie kann eine Mutter tagelang ihren 12-jährigen Sohn vergessen? Sie ist bei einem Lover und findet keine Zeit zum Nachdenken – vielleicht später mal. Derweil rennt Bene, der Junge, durch die Wohnung, schimpft mit Gott, spielt als Frank Black mit seinem imaginären Freund, John Dillinger. Der Exmann und Vater des Jungen meldet beide als vermisst, weil ihn niemand angerufen hat ...

Tabor Süden ist auch aus einem höchst privaten Grund nach München gekommen: Er möchte dort gern seinen Vater treffen. Der war obdachlos und gehört seit Jahren zu den "abgängigen" Menschen. Tabor sucht ihn wieder, denn das Telefonat wurde unterbrochen ...

Friedrich Ani hat mit seinem Protagonisten einen einfühlsamen Zuhörer geschaffen, der sich auf eigenwillige Weise den Menschen nähert, ihnen Geheimnisse entlockt, sie in ihrer oft seltsamen Eigenart toleriert. Und wie tickt Tabor selber? Sein bevorzugter Gesprächspartner und bester Freund, Martin Heuer, ist auch ein Abgängiger – und ein toter dazu, denn er hat sich erschossen.

Raimund Zacherl ist einer von tausenden Menschen, die täglich verschwinden. Warum und wohin, das kann oft nie geklärt werden. Zacherl hatte ein Motiv, das Ani sehr gut ausbaut und überzeugend begründet.

Friedrich Anis Figuren sind kein Abbild der durchschnittlichen Gesellschaft. Sie stehen am Rande, sie leben in schäbigem Milieu, weder ihre Lebensweise noch ihre Ansichten entsprechen der Norm. In vielen kurzen Kapiteln mit ständig wechselnden Handlungsorten und aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt Ani kleine Geschichten, die zwar unterbrochen, aber später verständlich fortgesetzt werden. Aus einfühlsam erfassten Empfindsamkeiten und psychosozialen Situationen erwächst pralle Atmosphäre. Der überaus reizvolle Roman endet mit dem Satz: "Manche Menschen [...] werden erst durch ihr Verschwinden sichtbar."

P.S.: Friedrich Anis "Süden" steht im Mai 2011 auf Platz 1 der KrimiZEIT-Bestenliste.


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