Rezension zu »Federball« von John le Carré

Federball

von


Die Geheimdienststory um einen zwielichtigen Oligarchen, einen enttarnten Spion und einen im Vorruhestand ist das Eine. Die scharfzüngig-bissigen Kommentare zur gegenwärtigen politischen Lage in Britannien und der Welt ist das Andere!
Spionageroman · Ullstein · · 352 S. · ISBN 9783550200540
Sprache: de · Herkunft: gb

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Rezension vom 14.12.2019 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Anders als Federball, das luftig-leichte Gartenspiel für fröhliche Familien, ist Badminton ein ernst zu nehmender, anspruchs­voller Sport, der Taktik und Geschick erfordert. »Badminton ist List, Geduld, Tempo und eine unmögliche Aufholjagd. Man wartet in Lauer­stellung auf seine Gelegen­heit zum Angriff.« Dies sagt Nat, der Ich-Erzähler, und er weiß, dass seine Einschät­zung auch für Ed gilt, seinen schärfsten Konkur­renten.

Nat – eigentlich Anatoly, zu Nathaniel anglisiert – wird von sport­lichem Ehrgeiz getrieben. Er leitet nicht nur den »Athleticus Club in Battersea«, sondern führt auch dessen Rangliste an. Sein Widerpart und Heraus­forderer ist Ed, ein schlak­siger Typ mit Brille, stattliche 1,90 Meter groß und mit seinen 27 Lenzen genau zwanzig Jahre jünger als der »Meister«, den er zu einem Match fordert. Nachdem Ed bereits ein paar weniger relevante Spieleraus dem Feld schlagen konnte, traut er sich jetzt eine ordent­liche Kampf­partie gegen den unbe­siegten Platz­hirsch zu, und der willigt ein.

Dass die beiden eine Gemeinsamkeit haben, ahnt der Leser, im Gegensatz zu Nat, bereits bei ihrer ersten Begegnung im Verein. Gleich im 2. Kapitel legt Nat detail­liert seine Biografie offen: Er stammt aus britisch-weiß­russi­schem Elternhaus in Paris, ist mit einer Anwältin verhei­ratet und erfreut sich mit ihr einer Tochter im zweiten Semester, deren selbst­gerechte Anti­haltung sie zum wandelnden »Albtraum« macht. Jetzt ist es an der Zeit, ihr zu enthüllen, dass er ein Viertel­jahr­hundert lang als Spion im Ausland gearbeitet hat. Erst im Verlauf der Handlung erfährt er seiner­seits, dass auch Ed Geheim­dienst­ler ist (»Recher­cheur … tägliche Nach­richten … Inland, Ausland, Fake News«).

Dass Nat jetzt nach London zurückgekehrt ist, liegt nicht etwa daran, dass ihn die »Behörde« (der britische Geheim­dienst) in einen komfor­tablen Ruhestand verab­schiedet hätte. Vielmehr wurde er mit der Führung eines Teams ausran­gierter ehemaliger Top-Agenten aus Zeiten des Kalten Krieges betraut, also an einen »Neben­schau­platz« abge­schoben, eine Art »Friedhof« und dement­sprechend mickrig bezahlt.

Zwischen den alten Männern, die der »Dienst« als Büro­ange­stellte auf der untersten Geheim­haltungs­stufe am Leben hält, schimmert nur ein Lichtblick: die talen­tierte, im Russischen gewandte und vor allem junge Florence. Mancher hält sie für unreif, mancher schreibt ihr »cojones wie ein Elefanten­bulle« zu – Fakt ist, dass sie aus eigenem Antrieb ein Projekt initiiert hat, um den schänd­lichen Lebens­wandel eines ukraini­schen Oligarchen mit guten Verbin­dungen nach Moskau publik zu machen. Die Chancen, dass die Operative Abteilung ihrem umfang­reichen und kost­spie­ligen Plan, das Anwesen zu verwanzen, folgt, tendieren freilich gegen Null.

Derweil kompensiert Nat die Ödnis seines beruf­lichen Ruhe­kissens weitab aller Macht­zentren, indem er sich ein paar private Freiheiten nimmt, etwa um sich der Pflege seines sport­lichen Ansehens und seiner familiären Bande zu widmen. Insbe­sondere seine eheliche Beziehung wurde in der Vergan­genheit durch manch dienstlich moti­vierten Seiten­sprung arg strapa­ziert.

Beim Lesen dieses Spionagethrillers, der seine Handlung vorzugs­weise in gepflegten geist­reichen Dialogen voller Ironie nach britischer Tradition entwickelt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Raffinesse des Plots oder die Maximie­rung der Amplitude des Spannungs­messers dem betagten Autor eher neben­sächlich scheinen. Vielmehr bekennt der achtund­achtzig­jährige Ex-Agent selbst, seine wahre Motivation sei die eigene Unzu­frieden­heit über die Politik im eigenen Land. Denn dem be­kannter­maßen über­zeugten Europäer ist die Diskussion um den Brexit, die sich nun schon seit drei Jahren dahinquält und nicht nur Groß­britan­nien lähmt, ein »rotes Tuch«. Doch auch ein Promi­nenter wie er steht der Ent­wick­lung und den drohenden wirt­schaft­lich-sozialen Folgen machtlos gegenüber. Dessen ungeachtet beteiligte er sich an seinem 88. Geburtstag mit vielen Gleich­gesinn­ten an einem Protest­marsch und beantragte im selben Monat die irische Staats­bürger­schaft, um nach dem Austritt Groß­britan­niens EU-Bürger bleiben zu können.

Die scharfe Analyse der Politik seines Landes, des trans­atlanti­schen großen Bruders und der welt­politi­schen Lage scheint also das Haupt­anliegen hinter diesem ver­gnüg­lichen Roman, und dass die Kritik kernig formuliert ist, sorgt für provokante Spitzen. Mit dem jungen, dynami­schen Heraus­forderer Ed hat sich le Carré offen­sichtlich ein Sprachrohr geschaffen, eine Figur, die ohne jede Scham zum Ausdruck bringen kann, was sich für einen wahren Gentleman wie den Autor nicht in aller Öffent­lichkeit zu sagen geziemt, aber nichts­desto­weniger gerade­wegs aus seinem Inneren hervor­quellen wird:
»Halten Sie Trump, so wie ich, für eine Bedrohung der gesamten zivili­sierten Welt, für einen Aufwiegler, der der systema­tischen unge­brems­ten Nazifi­zierung der Verei­nigten Staaten vorsitzt.«
»GB rollt den roten Teppich aus für einen gewissen amerika­nischen Präsi­denten, der gekommen ist, um die schwer erkämpften Bezie­hungen zu Europa zu verhöhnen und die Premier­ministerin zu ernied­rigen, die ihn eingeladen hat.«
Putin, einst ein »fünftklassiger Spion«, sei nun »zum Auto­kraten geworden«. »Dank Putin und seiner Bande unerlöster Stali­nisten bewegte sich Russland nicht auf eine strahlende Zukunft zu, sondern zurück in die eigene dunkle, wahnhafte Vergan­genheit.«
»(Trump) ist Putins Latrinenputzer. Er tut alles für den kleinen Putin, was der kleine Putin nicht selbst tun kann, und pisst dabei auf die europä­ische Einheit, pisst auf die Menschen­rechte, pisst auf die NATO. […] Und ihr Briten, was macht ihr? Ihr lutscht seinen Schwanz und ladet ihn zum Tee bei der Queen ein.«

»Agent Running in the Field« John Le Carré: »Agent Running in the Field« bei Amazon ist trotz fast völlig fehlender Action und mäßiger Spannung ein Lesegenuss. Peter Torbergs gekonnte Überset­zung bringt John le Carrés beißenden Spott und seine bittere Ironie ebenso präzise und stimmig aufs Papier wie den brillanten Esprit und die elegante Verve seines Stils. Die Geheim­dienst­story um einen zwie­lich­tigen Oligarchen und den als Spion enttarnten Ed, der am Schluss für uner­wartete Über­raschung sorgt, bietet jede Menge Volten und Absur­ditäten, wirkt aber auch ein wenig aus der Zeit gefallen. Denn Spionage nach uralten Gepflo­genheiten, wie le Carré sie noch immer ausmalt – Agenten, ihre Quellen und Führungs­personen, Schläfer, Lanzen­träger und Doppel­agenten, Täuschung des Feindes durch ständig wechselnde Codenamen, dessen Beschat­tung durch raffi­nierte Wanzen aller Orten und seine Schädigung durch geheime Opera­tionen –, ist doch im Cyber- und Digital­zeit­alter kaum mehr als Nostalgie. Früher war britische Spionage »Special Relation­ship mit den Verei­nigten Staaten. Wir haben friedlich an der hinteren Zitze der amerika­nischen Macht genuckelt. Hatten unseren Spaß. Und heute? Stehen wir in der Schlange hinter den Krauts und den Frosch­fressern.« Das also ist übrig vom glor­reichen Great Britain, das sich im Alleingang greater fühlt als im Bunde mit Europa.


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