Rezension zu »Der Krieg der Enzyklopädisten« von G.F. Kovite und C.G. Robinson

Der Krieg der Enzyklopädisten

von


Belletristik · Berlin Verlag · · Gebunden · 608 S. · ISBN 9783827012166
Sprache: de · Herkunft: us

Erwachsenwerden mit George W. Bush

Rezension vom 24.01.2017 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Was ist der Sinn des Lebens? Was ist Wahrheit? Keine geringeren Fragen als diese sind es, mit denen sich die beiden befreun­deten Autoren Gavin Ford Kovite und Christopher Gerald Robinson gleich in ihrem Debüt­roman auf über sechs­hundert Seiten aus­einander­setzen. Sie lassen dazu zwei gleich­altrige junge Prota­gonisten von der gleichen Basis starten, trennen sie dann abrupt und schicken sie auf Wege, die unter­schied­licher nicht sein könnten. Aber sie bleiben in Verbin­dung, tauschen ihre Erleb­nisse und Gedan­ken aus. Der Leser folgt den Entwick­lungen gebannt – weil einer­seits die Gescheh­nisse einfach beein­druckend sind, anderer­seits die Autoren einen Mix an Stilen, Text­sorten und Per­spek­tiven anrichten, der so unter­haltsam wie infor­mativ wirkt.

Halifax Corderoy und Mickey Montauk genießen 2004 ihr sorgloses College­leben in Seattle, das ihnen eine ernste Beschäfti­gung mit den Härten der Realität dieser Welt erspart. Alles ist cool und hip, und wer die cleversten ironischen Sprüche drauf hat, darf sich der Bewun­derung aller sicher sein. Das Milieu ist homogen: um die zwanzig, gut­bürger­lich, gut abge­sichert, links­liberal, gegen Präsident George W. Bush. Die wein- und drogen­haltigen Partys in Halifax' und Mickeys herunter­gekom­mener WG, etwa zum Unab­hängig­keits­tag, gleichen eher Karnevals­veranstal­tungen, sind aber höchst angesagt, da die beiden sie als künst­lerisch-philoso­phische Events verbrämen. Sie nennen sich selbst hoch­trabend »Enzyklo­pädisten«, ihre Bude das »Enzyklo­pädium«, und aus einer Laune richten sie sogar einen Eintrag »Die Enzyklo­pädisten« auf der noch jungen und unkon­trolliert wach­senden Wikipedia-Seite ein. Dort veröffent­lichen sie die Erkennt­nisse aus den teil­weise ziemlich vernebelten Diskus­sionen im Kreis der Gleich­gesinnten. Den Anfang macht die skeptizis­tische Aussage »Die Wissen­schaft ist sich im Allge­meinen darüber einig, dass in einer Enzyklo­pädie die Wahrheit steht, sofern eine solche über­haupt existiert, was aller­dings nicht der Fall ist«.

Die jungen Leute müssen sich also selbst auf die Suche machen, um ihre eigenen Wahr­heiten und Positio­nen in der Gesell­schaft zu finden. »Irgend­etwas muss man mit seinem Leben ja anfangen«, formu­lieren sie als »Beweg­gründe der Enzyklo­pädisten« auf ihrer Wikipedia-Seite. Die fungiert dabei als eine Art Zusam­men­fassung des jeweiligen Erkenntnis­standes; etwa ein Dutzend Mal wird die jeweils aktuelle Version im Roman wie ein Screen­shot abge­druckt.

Doch schlagartig ist Schluss mit dem leichten, unbeschwerten Leben, als Mickey Montauk zum Militär einberufen wird. Er stellt sich der Aufgabe, nimmt die Pflicht auf sich und wird in George W. Bushs Irak-Feldzug ein Platoon führen. Hal wird indes auf der luftigen, aber geschützten Wohlstands­seite bleiben und allein statt zusammen mit dem Freund sein Universitäts­studium in Boston beginnen. Er wählt die Literatur, ein brot­loses, mit der Realität nicht so unmittel­bar wie Mickeys Tätigkeit verknüpftes Fach, ist aber dessen intellek­tuellen Anforde­rungen kaum gewachsen.

Alternierend erzählen die Autoren, wie die beiden Charaktere in ihren konträren Welten an der Realität zu scheitern drohen. In beiden genügt es nicht mehr, wie gewohnt leicht­füßig dahinzu­tänzeln und spöttische Distanz zu allem zu wahren, was unan­genehm ernst werden könnte. Besonders drastisch trifft es Mickey, als er die Verant­wortung für einen Check­point in Bagdad und damit für die Sicher­heit eines Innen­stadt­bereiches (»Grüne Zone«) über­nimmt. Wie da Vor­schriften, Pragmatik, Emotionen, Gewalt, Büro­kratie und gesunder Menschen­verstand auf­einander­prallen, schildern die Autoren in vielen Einzel­szenen, die die Absurdi­täten und Grausam­keiten der amerika­nischen Okkupa­tion einer fremden Kultur fern der Heimat illustrieren. Diese Passagen entfalten eine ungeheuer intensive Anschau­lichkeit, beruhen sie doch auf Erfah­rungen, die Gavin Ford Kovite selbst sammelte, als er 2004/2005 in Bagdad ein Infanterie-Platoon komman­dierte.

Mickey Montauk muss sich nicht nur Autorität bei seinen oft einfach gestrickten Soldaten verschaffen. Auch bei den Einheimi­schen begegnet ihm mehr Ableh­nung als Zustim­mung. Durch korrekte Pflicht­erfüllung und Einsatz für seine Schutz­befohlenen erarbeitet er sich Aner­kennung. Doch vor allem die unsichere Realität des Alltags macht ihm schwer zu schaffen. Welche Bedrohung ist ernst zu nehmen, welche der ständigen Geheim­dienst-Meldungen über vorgebliche Attentate sind womöglich eher politisch oder propagan­distisch motiviert? Obwohl einige Kameraden Montauks bei Einsätzen im Gewirr von Bagdads Straßen, bei Selbstmord­attentaten und Nagel­bomben­angriffen sehr konkret und blutig ihr Leben verlieren, bleibt ihm nicht verborgen, dass dieser Krieg auch ein Kampf um die Deutungs­hoheit über die Realität ist, der mit medialen Mitteln – Fotos, Videos, nächt­lichen Radar­sequenzen – geführt wird.

Derweil versinkt Halifax Corderoy, der anmaßende, coole Hipster, unter lauter intellek­tuellen Elite­schülern bereits in der ersten Seminar­stunde seines Literatur­kurses in einer existen­tiellen Krise. Nachdem er sich in der Runde vermeint­lich witzig vorge­stellt hat, verweist ihn der Professor mit einem knappen Einführungs­vortrag – de facto einem Fach­begriff-Bombarde­ment – auf den ihm zuste­henden Platz am Katzen­tisch. Hal dämmert, dass er hier nur seine Zeit verschwendet, ohne etwas hervorzu­bringen, das die Welt bewegen könnte. Als es an »Ulysses« geht, schmeißt er das Studium, treibt orientie­rungslos dahin, schlägt sich, da ihm das Geld ausgeht, mit Blut- und Samen­spenden und als medizi­nisches Versuchs­kaninchen durch, denkt gar an Selbstmord.

Durch ihre »Enzyklopädisten«-Seite auf Wikipedia bleiben Montauk und Corderoy in Kontakt. Was ursprüng­lich nur als Spiel­wiese für spleenige Geistes­blitze gedacht war, nimmt jetzt die bitteren Erkennt­nisse auf, die die beiden in den wenigen Monaten ihres veränderten Lebens gewonnen haben. Ihre Jugend­freund­schaft wird ange­spannt, denn Hal fällt es schwer, Mickeys Bereit­schaft, den amerika­nischen Feldzug mitzu­tragen, zu akzep­tieren. Sein Resümee auf der »Enzyklo­pädisten«-Seite: »Der Krieg jeden­falls ist wirklich, ist wahr, auch wenn seine Prä­missen vielleicht falsch sind. Die Univer­sität ist falsch, obgleich ihre Prä­missen viel­leicht wahr sind.«

Im Übrigen steht schon seit Längerem eine extravagante junge Frau zwischen den beiden Freunden. Mani Saheli gibt sich sexy-nuttig als Künstlerin, lebt von Luft und Liebe und tingelt durch die Männer-Welt. Hal und Mickey verlieben sich beide in sie. Doch während sich Hal einer festen Bindung entzieht und spurlos nach Boston entwischt, folgt Mickey einem Gefühl der Verant­wortung und verschafft der mittel­losen Frau zu Lasten der US Army eine finan­zielle Grund­sicherung, indem er sie kurz vor seinem Kriegs­einsatz hei­ratet (»Last-Minute-Bräute«).

Der Ton, in dem Kovite und Robinson vom »War of the Encyclopaedists« Gavin Ford Kovite: »War of the Encyclopaedists« bei Amazon erzählen (übersetzt von Gerhard Falkner und Nora Matocza), ist manchmal witzig, manchmal ironisch, manchmal grausam und manchmal unendlich traurig. Es ist eine Geschichte vom Erwachsen­werden, das mit viel Desillusio­nierung einhergeht und Bilder produ­ziert, die im Kopf bleiben (»Sahne­häubchen auf dem Kuchen des Bomben­szenarios«, wie etwa »ein kleiner Babyschuh, in dem noch ein Babyfuß steckte«; zahlreiche Beispiele für täglich »hundert entsetzliche Mög­lich­keiten« zu töten und zu sterben).

Das Dreieck zwischen blutigem Kriegsterror im Irak, dem gedanken­losen Freizeit­gebaren der Soldaten in ihren abge­schotteten Camps und dem eigenartig entrückten Dasein der jungen Elite im friedlich-luxuriösen Zuhause steht nicht nur unter kaum erträg­licher Spannung, sondern bietet den Autoren auch Anlass für manch drastische Satire­szene (»Probe­liegen als Kriegs­toter« bei einer Anti-Kriegs-Demo).

Die eingangs gestellten Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach der Wahrheit erweisen sich – wen wundert's? – im Zuge des denk­würdigen Irak-Krieges als komplexer denn je. Wie gefährlich war Saddam Hussein jetzt auf einmal, nachdem ihn die Ameri­kaner doch jahrelang unterstützt hatten? Wie sollte man das Böse al-Qaidas vom Rest der islamischen Welt absondern? Welche andere ›Wahrheit‹ konnte die Welt den hoch­offiziell gefälschten ›Beweisen‹ von irakischen Massen­vernichtungs­waffen entgegen­setzen? Aber ach, welch bahnbrechende Neuerungen haben uns doch die Jahre 2016 und das junge 2017 beschert: Von ›Fake News‹ und ›Alternative Facts‹ konnte man 2004 noch nicht einmal träumen – heute gehören sie zum politi­schen Alltag.


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