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Rezension zu Gerhard Jäger: »Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod«

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Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod

Belletristik · Blessing · · Gebunden · 400 S. · ISBN 9783896675712
Sprache: de · Herkunft: de

Bewertung: 4 Sterne
Die Hexe, die Hinterwäldler, der Historiker und sein Cousin

Rezension vom 08.05.2017 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Der Winter 1951/52 war ein meteorologischer Sonder­fall, der in den Alpen Hunderte von Menschen­leben forderte. Zwischen November und Januar schneite es tage­lang und heftig, die gewal­tigen Schnee­mengen gingen als unbe­rechen­bare, tod­bringende Lawinen in die Täler ab. Die Bewohner der Berghöfe, im Winter ohne­hin oft monate­lang von der Außen­welt abge­schnitten, waren den über­mächtigen zerstöre­rischen Natur­gewalten wehrlos ausge­liefert. Nur Vertrauen auf Gott, die über­lieferten Weis­heiten der Vor­fahren und uralter Aber­glaube konnten etwas Hoffnung auf Verscho­nung und Rettung schenken.

In die Winterlandschaft seiner Heimat Tirol führt uns der öster­reichi­sche Autor Gerhard Jäger mit seinem spannen­den Debüt­roman »Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod«. Wir begleiten einen seiner beiden Protago­nisten, den jungen Historiker Maximilian Johannes Schreiber, der aus Wien ange­reist ist, um in einem abgelege­nen Berg­dorf Nach­forschun­gen anzu­stellen. Für seine Doktor­arbeit zum Thema Hexen möchte er den ein Jahr­hundert zurück­liegen­den Fall der Katha­rina Schwarz­mann recher­chieren. Die Frau, als Hexe verschrieen, war in ihrem Haus verbrannt, ohne dass ihr irgend­jemand zu Hilfe geeilt wäre. Im Gegen­teil – es wird sogar berichtet, dass die Dörfler sie an der Flucht gehindert, ihr die Tür versperrt hätten.

Auf die Mitarbeit der Einheimischen kann der Doktorand von Anfang an nicht zählen. Einer­seits verhält er sich selbst unge­schickt, fällt mit der Tür ins Haus, reißt unan­genehme alte Wunden auf, holt längst ver­drängte Schuld­fragen ans Tages­licht, anderer­seits sind die Dorf­bewohner von Natur aus miss­trauisch gegen­über Fremden, wollen nach ihrer harten Arbeit unge­stört im Wirts­haus Karten spielen und sich nicht als dumme Hinter­wäldler und Hexen­verbrenner in den Dreck ziehen lassen. Bald schlagen Max offene Feind­schaft und Aggres­sion entgegen.

Wenn er noch etwas erreichen will, muss Max sich anpassen. Er fügt sich also in das harte, arbeits­reiche Leben im Dorf, in Feld, Wald und Flur ein, um die Menschen und ihre Eigen­arten zu beob­achten. Je mehr der rationale Wissen­schaftler erfährt, desto weniger kann er sich dem Sog alter Geschichten ent­ziehen. Er sieht den schwarz glänzen­den Teufels­stein, hört vom bösen Blick der »Ger­traudi«, die »die Toten über den Hügel gehen sieht«, lauscht der Sage von der »saligen Frau«, die in ihrem Eis­palast im Gletscher lebt und sich nur selten einem Sterb­lichen zeigt. Selbst der Pfarrer, der all diesem Humbug kein Fünkchen Glauben schenkt, räumt Max gegenüber ein, dass er Dinge erlebt habe, die er nie für möglich gehalten hätte.

Wie vernichtend der Winter die ganze Region treffen werde, ahnt noch keiner. Wie immer stimmt der beson­nene Dorf­vor­steher die Männer in der Gast­stube auf die ratsamen, arbeits­reichen Vorsichts­maßnah­men ein. Max, der außen­stehende Beobach­ter, spürt, wie ernst die Lage ist, und sieht auch eine Chance, endlich seinem demüti­genden Ruf als Groß­stadt-Schwäch­ling etwas Mann­haftes entgegen­zuset­zen. Er wird sich seine Aner­ken­nung verdienen, zupacken, die Schaufel schwingen, Seit' an Seit' mit den starken Tiro­lern den Schnee von den Zuwegen räumen und die Dächer von den drücken­den Lasten befreien. Ein schmer­zender Rücken und Blasen an den Fingern werden ihn nicht abhalten.

Eines Tages kommt es zu einer unheim­lichen Begeg­nung im Wald. Zwischen wirbeln­den Schnee­flocken taucht eine junge Frau auf, ein schützen­des rotes Tuch tief in ihr Gesicht gezogen und eine schwere Tasche schleppend. Ein flüchtiges Nicken, sie ent­schwin­det wieder, Max folgt ihren Spuren, blickt erneut in ihre dunklen Augen, bietet seine Hilfe beim Tragen an, doch sie schüttelt nur vehement den Kopf. Max spürt den Zauber, ist elektri­siert, und seine Sehn­sucht nach der Unbe­kannten verdrängt die Erwägung, das rück­ständige Dorf hinter sich zu lassen und zu den Annehm­lich­keiten Wiens zurück­zukeh­ren. Obwohl die geheimnis­volle Frau für ihn unerreich­bar bleibt, wird sie sein Schicksal bestim­men, bis sich seine Spuren im end­losen Weiß der Schnee­massen verlieren.

Gut fünfzig Jahre später sucht John Miller aus Amerika nach den Spuren, die von Max, seinem verschol­le­nen Cousin, noch aufzu­finden sind. Denn der fiel damals in den Bergen wohl einem Mord zum Opfer. Im Landes­archiv in Inns­bruck sind nur wenige Polizei­akten einge­lagert, der Großteil wurde bei einem Brand vernichtet. Immerhin kann John das Manuskript studieren, das Max aufgesetzt hatte.

John Millers nicht weniger bewegender Lebenslauf ist der zweite Handlungs­faden dieses gelunge­nen alpi­nen Heimat­romans. Auch der zweite Protago­nist stammt aus Öster­reich. Aber seine geliebte Frau Rosalind hatte einen Faible für Indianer. Deshalb reisten die beiden zum Beispiel zum Little Bighorn in Montana, wo Sitting Bull das 7. US-Kaval­lerie-Regi­ment des Generals Custer besiegt hatte. Rosalind kam bei einem grauen­haften Unfall ums Leben. Zwölf Jahre später wird es höchste Zeit, dass der mittler­weile achtzig­jäh­rige Witwer endlich dem Ereig­nis nachgeht, das seit Jahr­zehn­ten im Ungewis­sen schlummert: Kann er nach so vielen Jahren noch die Wahrheit über den myste­riösen Todes­fall auf­decken?

Der Autor arrangiert die beiden Handlungsstränge auf ihren zwei Zeitebenen alter­nierend, aber ziemlich parallel, bis sie schließ­lich zu­sammen­finden. Johns Gedanken kreisen immer wieder um seine Ver­gangen­heit, während er in die Polizei­unter­lagen und das Manuskript seines Cousins eintaucht. Letz­teres berich­tet teils in der Ver­gangen­heit, teils im Präsens, erzählt mal in der 3. Person, mal aus der Ich-Perspek­tive. Im Präsens nimmt das Erzähl­tempo zu, der Erzähler wirkt gehetzt, und der Leser kann sich den Dramen der übe­wältige­den Furcht der Menschen, der leben­bedrohe­den Natu­katastr­phe, des u­ausweic­lichen Unheils, das die Dörfer überrollt, kaum entziehen.

Ein gelungener, sprachlich sehr ansprechender, eindrin­licher Debü­roman, den ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Früh­jahr 2017 auf­ge­nom­men habe.


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von Gerhard Jäger
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