Rezension zu Vicente Alfonso: »Die Tränen von San Lorenzo«

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Die Tränen von San Lorenzo

Kriminalroman · Unionsverlag · · Gebunden · 224 S. · ISBN 9783293005150
Sprache: de · Herkunft: mx

Bewertung: 5 Sterne
Ein berauschender Tanz der Masken

Rezension vom 13.05.2017 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Am Ende dieser atemberaubenden Geschichte werden wir ziemlich verwirrt und ohne einfache Lösung entlassen. Nichts ist mehr so, wie es zu Beginn der vielen Handlungs­fäden schien. Im Verlauf der kurzen, aber umwerfend spannenden Text­einheiten, in denen der Autor unser Kopfkino durch­einander­wirbelt, haben wir vieles für bare Münze, die einzig mögliche Wahrheit genommen, nur um später fest­stellen zu müssen, dass die Dinge ganz anders liegen.

Die Auftaktgeschichte taucht uns mitten hinein in das turbulente Weinfest, das im August 1995 wie in jedem Jahr das Städt­chen Parras (im Süden Mexikos) elektri­siert. Alles, was Beine hat, findet sich ein, um unter freiem Himmel zu essen, zu trinken und zu tanzen, während die hübschen Mädchen in ihren gestick­ten Kleidern die Trauben in Kisten und Körben zu Most stampfen. Fliegende Händler bieten derweil alles Mögliche feil, »Heiligen­bildchen, Rosen­kränze und Kruzi­fixe« und allerlei billigen Ramsch.

Die Hauptattraktion ist in diesem Jahr freilich Padilla, der Zauberer aus dem Orient, dessen Revue das Publi­kum in Staunen versetzt. Die Spannung erreicht regel­mäßig ihren Höhepunkt, wenn der Spitzen­star der Show auftritt. Obwohl man ihn mit Ketten, Seilen und Schlössern verzurrt, vermag er sich doch auf unbe­greif­liche Weise aus seiner wirren, schein­bar ausweg­losen Zwangs­lage zu befreien. Doch eines Tages geht etwas nicht mit rechten Dingen zu. Vor aller Augen versenkt der strahlende Mode­rator seinen hoff­nungs­los verschnür­ten Ent­fesselungs­künstler in einem Wasser­bottich und verschließt den Deckel. Das Schein­werfer­licht verlischt, und alle erwarten, dass der Künstler gleich befreit im Rampen­licht auftaucht und den Jubel des Publikums genießt. Doch nichts der­gleichen geschieht ...

Sechs Jahre später begegnen wir dem großen Zauberer Padilla wieder, und erneut geht etwas schief. Ganz Torreón ist wegen eines Fußball­turniers in Aufruhr. Nach bösen Erfah­rungen der Vergangen­heit hat die Polizei gelernt, aufge­rüstet und Vorkeh­rungen für alle erdenk­lichen Eskapaden des tobenden Straßen­mobs getroffen. In der Kneipe »Zum letzten Schluck« sind alle auf den Fernseh­bild­schirm fixiert, niemand beachtet den weiß gewandeten Padilla, allenfalls der Wirt (»das muss ein Priester sein«). Während der Spiel­ver­längerung entdeckt ein Student beim Toiletten­gang das erbarmungs­würdig zuge­richtete Opfer eines Mordes. Sein Kopf steckt in einer Plastik­tüte, die Hand­gelenke sind an ein Rohr gefesselt, der Körper liegt in Blut und Urin. Der Erdros­selte wird als Farid Sabag identi­fiziert. Polizei­chef Woo kann erst ermitteln, nachdem sich der aggres­sive Fußball­irrsinn gelegt hat, doch die Aussagen der Lokal­gäste sind zu vage, um Auf­schlüsse zu geben, und so legt er den Fall bald zu den Akten. Schließ­lich wird Remo Ayala, Sohn eines Richters, der Tat angeklagt, verur­teilt und für Jahre inhaf­tiert, obwohl er stets auf seine Unschuld pocht.

Persönlich betroffen von diesem Mordfall und den tragischen Ereig­nissen danach, ja moralisch schuldig daran, fühlt sich der Thera­peut Doktor Albores, eine der Erzähl­stimmen. Er wird später seinen Beruf auf­geben, um die kaum aufzu­dröseln­den Vorgänge der Vergangen­heit niederzu­schreiben. Doch wird es ihm nicht gelingen, sich Klarheit zu verschaffen. Was bleibt, ist »ein großes Puzzle, dessen Teile nie ganz zu­sammen­passen«.

Remo Ayala erschien im September 1995 zur ersten Therapie­sitzung bei ihm. Mit seinem äußerlich identi­schen Zwillings­bruder Rómulo hatte er ein Jesuiten-Internat besucht, bis die beiden nach einer »Dreiecks­beziehung mit tragi­schem Ausgang« flüchte­ten. Eine Zeitlang tingelten sie dann als Hilfs­kräfte des »großen Padilla« durch die Dörfer. Aber am Ende verschlech­terte sich das Verhält­nis der Brüder zueinander. Lag das mög­licher­weise an der sechs Jahre älteren Magda und ihren un­durch­sichtigen Bezie­hungen? Vielleicht hatte sie etwas mit dem Zauberer, machte Rómulo schöne Augen, ließ ihn dann aber abblitzen.

Verflochten mit Doktor Albores' intensiven Recherchen, die uns Briefe der Brüder, Sitzungs­aufzeich­nun­gen und Zeugen­aussagen präsen­tieren, erfahren wir vom Treiben des ehe­maligen Sport­reporters Pepe Zamora. Er interes­siert sich für die Geschichte der jungen Waisen Niña, die Wunder­heilun­gen voll­bracht und mit ihren Vorher­sagen Schreck­liches verhin­dert haben soll. Seit vier Monaten ist Pepe im Wein- und Spiritisten­land Parras unterwegs auf ihren Spuren. Doch wo immer er den Einheimi­schen sein Mikrofon hin­hält, hört er »Geschich­ten von Tod und Aufer­stehung, von Angst und Glauben«, wie er sie schon aus uralten Histo­riker- und Jesu­iten-Chroniken kennt – als hätte sich seit Jahr­hunder­ten nichts verändert. Über Niña raunt man, sie sei mit einem großen Zau­berer und einem Zwillings­paar auf Jahr­märkten und Dorf­festen zu sehen gewesen, doch sei ihr »seit jeher der Tod auf den Fersen«, und möglicher­weise sei sie längst von »El Borrado« ver­schleppt und ver­graben worden ...

Vicente Alfonsos »Huesos de San Lorenzo« ist ein ungewöhn­licher, wenn nicht einzig­artiger Kriminal­roman. Peu à peu verwickelt uns der Autor (von Peter Kultzen über­setzt) in eine komplexe, schwer durch­schau­bare Handlung, zaubert auf jeder Seite wieder neue, nie für möglich gehaltene Details und Über­raschun­gen auf den Tisch. Wir ziehen nach, rekon­struieren für uns ein einiger­maßen stimmiges Gesamt­bild der Fakten, bringen die gültige Wahr­heit auf den neuesten Stand, da lüftet der Magier erneut das Tuch, und alles ent­puppt sich als Illusion. Was uns als Realität vorge­gaukelt wird, ist nur ein Zerr­spiegel mit tausend Facetten. Das Erstaun­liche ist, dass wir am Ende über ausge­bliebene Ein­deutig­keiten nicht etwa frustriert, sondern gerade davon fasziniert sind, wie der (bereits mit etlichen Preisen bedachte) Autor mit fantas­ti­schen erzähle­rischen Effekten ein kunst­volles Verwirr­spiel um immer neu auszu­lotende Identi­täten treibt. Meister­lich gelingt ihm außer­dem die Schil­derung des prallen mexika­nischen Lebens.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Frühjahr 2017 aufgenommen.


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»Die Tränen von San Lorenzo«
von Vicente Alfonso
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