Rezension zu »Das Maikäfermädchen« von Gina Mayer

Das Maikäfermädchen

von


Historischer Roman · Rütten & Loening · · Taschenbuch · 368 S. · ISBN 9783352008436
Sprache: de · Herkunft: de

Aufbau auf braunem Fundament

Rezension vom 09.12.2012 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Düsseldorf im Herbst 1945: Käthe Arensen, geborene Mertens, ist vierzig und eine gläubige Katholikin. Nichts Privates hat sie retten können, als sie bei einem Bombenalarm Hals über Kopf in den Schutzraum fliehen musste. Nachdem ihre Wohnung weggebombt war, hat sie Unterschlupf in einer Dachkammer gefunden. Nur ihre Bibel ist ihr geblieben. Gern liest sie aus den Evangelien oder schlägt einfach zufällig eine Seite auf, um die Textstelle dann als Botschaft für ihren Tag zu interpretieren. Ihr Mann Wolf ist in Kriegsgefangenschaft. Zu beißen hat sie kaum etwas. Mit ihren Bezugskarten verbringt sie Stunde um Stunde in der Schlange vor dem Schalter der Lebensmittelausgabe. Ein Sack Reis oder Graupen – nie ist genug für alle da. Dann macht der Schalter dicht – Pech für Käthe und alle anderen, und die Warterei war wieder einmal umsonst.

Vor dem Krieg arbeitete Käthe als Hebamme im Krankenhaus. Jetzt ruft man sie privat zur Hilfe, und sie kann immer nur hoffen, dass man ihr im Gegenzug für ihre Dienste etwas zum Essen oder Tauschen bezahlt. Doch oft genug ist die Armut der Schwangeren so erbarmungswürdig, dass sie sich mit einem Versprechen auf später begnügen muss oder ihr wertloser Krempel mitgegeben wird.

Hunger ist ein übermächtiger Trieb, und er verleitet auch Käthe zu einer Tat, die sie eigentlich grundsätzlich ablehnt. Aber die erst siebzehnjährige Ingrid bedrängt sie, ihr aus einer misslichen Lage zu helfen. Für einen Pelzmantel, der ihr, auf dem Schwarzmarkt geschickt getauscht, ein paar Tage den Bauch füllen kann, lässt sich Käthe zum Abort breitschlagen. Doch damit hat sie eine Schwelle überschritten: einmal Engelmacherin, immer Engelmacherin. Unter den Frauen spricht es sich in Windeseile herum, wo sie Hilfe finden können.

Bei Aufräumarbeiten inmitten eines Trümmerfeldes an der Königsallee trifft Käthe zufällig die Kinderkrankenschwester Lilo Hambach wieder, die sie aus den Zeiten auf der Gynäkologie kennt, und zusammen richten sie in einem Keller eine kleine Praxis mit Untersuchungsstuhl ein. Lilo hat Beziehungen zu einem englischen Sergeanten, der für ein bisschen Deutschunterricht Äther, Penicillin, Desinfektionsmittel und dergleichen besorgt. Bald haben sie täglich zwei Kundinnen, die größte Not ist überwunden, und sowohl der alleinstehenden Käthe als auch Lilos Familie mit zwei Kindern und Ehemann geht es im Vergleich zu anderen auffallend gut.

Die Düsseldorfer Autorin Gina Mayer, 1965 geboren, hat schon eine ganze Reihe von Büchern verfasst, die in der deutschen Vergangenheit seit Mitte des 19. Jahrhunderts angesiedelt sind, etliche davon für Jugendliche. Es sind Unterhaltungsromane mit Anspruch auf ernsthafte Themen, solide Charaktergestaltung und historische Genauigkeit. Mit dem "Maikäfermädchen" versetzt sie uns in die bitterharten Nachkriegsjahre. In der düsteren Kulisse der Kriegsruinen hat sie auf eindrucksvolle Weise zwei exemplarische Frauenschicksale zum Sujet ihres Romans gemacht. Wie so viele andere müssen sie jeden Tag des Lebens für sich allein oder für ihre Angehörigen hart erkämpfen.

Weder Käthe noch Lilo sind skrupellose Geschäftemacherinnen, die aus dem Elend der Frauen Profit für sich schlagen wollen. Im Gegenteil: Käthe weiß genau, dass das, was sie tut – ein Lebewesen abzutöten -, moralisch fragwürdig und vor Gott verdammenswert ist. Bevor sie einen Eingriff vornimmt, untersucht sie die Patientin, wägt verantwortungsvoll ab, ob sie deren Gesundheit nicht gefährdet, und tut ihr Bestes, sie zu überzeugen, dass sie ihr Kind doch noch austrägt.

Käthe und ihr Mann haben sich immer ein Kind gewünscht. Wenn er noch lebt, wenn er zu ihr zurück kommt, dann wird alles anders … Mit dieser Hoffnung, ihren Bibeltexten und den Überlegungen, was Wolf zu all dem sagen würde, ist sie fest entschlossen, das illegale Kellertreiben bald zu beenden.

Lilos Mann sitzt zwar zu Hause, doch er ist traumatisiert. Abwesend stiert er vor sich hin, zum Arbeiten ist er nicht zu gebrauchen, ihm zittern die Hände. Was er während des Krieges für die Nazis tun musste, hat er Lilo bisher nicht erzählt, und das, was sie zusammen mit Käthe treibt, kann sie ihm auch nicht anvertrauen. Wohl und Wehe der ganzen Familie hängt an Lilo. Das bisschen Geld, das sie als Trümmerfrau verdient, reicht hinten und vorne nicht. So packt sie den rettenden Strohhalm, der sich ihr mit Käthes Geschäftsidee entgegen streckt. Schließlich wird sie zur treibenden Kraft, die Käthe immer wieder gut zuredet, wenn deren Gewissen zu laut anklopft.

Während der Handlungsfaden auf ein dramatisches Ende zuläuft, webt die Autorin geschickt die Vergangenheit ihrer Figuren in Erinnerungen, Träumen, Lebensberichten und Erlebnissen ein. Wie sehr die Eheleute Hambach voneinander entfremdet sind, hat Mayer literarisch sehr gut gestaltet. Statt Offenheit herrscht Schweigen. Beide Partner beobachten sich gegenseitig, erahnen und glauben zu wissen, was der andere weiß, denkt, empfindet, tut, doch da all das nur aus oberflächlichem Verhalten zusammengereimt ist, ziehen sie oft genug falsche Schlüsse. Ihr Alltag wird zur Qual.

Der Krieg hat vielen persönliche Grenzerfahrungen gebracht und das gesamte Wertgefüge zertrümmert. Wo jeder ums Überleben kämpft, haben die schlechten Seiten des Menschen Hochkonjunktur: rücksichtsloser Egoismus, kalte Erpressung, feiges Wegschauen, vorgegaukelte Liebesversprechungen aus purem Eigennutz … Manche haben alle Hemmungen verloren, andere hadern mit ihrem Schicksal, sind gebrochen, aller Illusionen beraubt. Gina Mayers Roman bietet von all dem genügend glaubwürdige Beispiele, und Käthe und Lilo machen ihre ganz individuellen Erfahrungen mit solchen Menschen. Sie brauchen einander, stützen sich gegenseitig, erspüren die Nöte der anderen, sind füreinander da. So meistern sie ihr Schicksal trotz aller Widrigkeiten und Gefahren und schauen in eine Zukunft, in der es nur aufwärts gehen kann.


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