Rezension zu »Io non ho paura« von Niccolò Ammaniti

Io non ho paura

von


Belletristik · Teil der Serie »Italienisch mit Hilfe« · Reclam · · 304 S. · ISBN 9783150197363
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Apulien

Verlorene Unschuld

Rezension vom 11.12.2012 · 7 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Michele, eins der Kinder eines gottverlassenen armen Dorfes in Apulien, ent­deckt in einem abgedeckten Erdloch bei einem verfallenen Bauernhaus einen zarten, blassen Knaben, angekettet, verschüchtert, ver­dreckt und sprachlos. Erst hält er ihn für eine Art Gespenst, so körperlos und blutleer wirkt das verhärmte Kind auf ihn. Bei erneuten Besuchen nähert sich Michele dem offensichtlich gefangengehaltenen Gleich­altrigen behutsam an und versorgt ihn, so dass Schrecken und Angst bei beiden weichen.

Michele ahnt von Anfang an, dass da irgend etwas nicht in Ordnung sein kann, und schweigt ganz intuitiv über sein Geheimnis. Per Zufall erfährt er aus den Fernsehnachrichten: Filippo heißt sein neuer Freund; er stammt aus einer betuchten norditalienischen Familie und wurde kürzlich entführt. Seine verzweifelten El­tern und die Polizei suchen ihn fieberhaft.

Wer mag das Kind gekidnapt haben? Wer hält es in diesem Loch gefangen wie ein Tier? Die Antwort er­reicht Michele in kleinen Portionen, die er nach und nach erschließen und verdauen muss: Das ganze Dorf scheint beteiligt zu sein – die jungen Männer ebenso wie Micheles eigener Vater (ein Lastwagenfahrer) und der großsprecherische, ziemlich ekelhafte »Onkel« Sergio, ein Krimineller, der nach Macht, Bedro­hung und Gewalt riecht und für ein paar Tage zu Besuch kommt. Das Lösegeld soll auch Micheles Familie helfen, ihre hoffnungslose Heimat zu verlassen, ein besseres Leben zu beginnen. Aber welchen Preis wird Filippo dafür zahlen müssen?

Die Krimihandlung steuert in einer stetigen Spannungskurve auf ein Showdown-Ende zu, ist aber nicht das Wichtigste an diesem wundervollen Buch.

Viel bedeutsamer und ergreifender sind die Vorgänge in Micheles Innenleben, seine Emotionen, seine Veränderungen, seine Reifung im Angesicht bitterer Erkenntnisse. Er wird gewaltigen Belastungen ausge­setzt – die Entdeckung des Gefangenen, die Entlarvung seines bewunderten und geliebten Vaters als ge­meiner Kindesentführer, der Kampf um die Bewahrung seines Geheimnisses, das Ringen um die richtigen Entscheidungen … Eine echte story of initiation, denn am Ende hat Michele viel über das Leben, den Tod, über Gut und Böse gelernt.

Ammanitis wahrhaft meisterliche Errungenschaft ist, dass sein Roman trotz dieser existenziellen Proble­matiken und des deprimierenden Schauplatzes (Armut, Gewalt, Leid, Langeweile) auf keiner Seite schwer­blütig daherkommt. Aus Micheles Ich-Perspektive entwickelt sich die Handlung geradlinig und werden die Charaktere unmittelbar erfasst; der kleine Erzähler nimmt sie erst einmal, wie sie sind, auch wenn es ihn Überwindung kosten wird, mit neuen Gegebenheiten fertig zu werden. Dazu trifft der Autor perfekt den Erzählton eines aufgeweckten Neunjährigen: einfaches Vokabular, etwas Umgangssprache, direkte Emo­tionalität, kurze, oft unvollständige Sätze, viele direkt aus dem Leben gegriffene Dialoge. Die Identifika­tion mit diesem Protagonisten fällt sehr leicht: Wir fiebern, leiden, ängstigen und freuen uns mit ihm.

Nun ist Michele aber auch ein außergewöhnlicher Junge, und das trägt weiter zum Zauber dieses Romans bei. Einfach anrührend sind die Szenen, in denen der verantwortungsbewusste, sensible, stets vernünftig agierende Junge sich wie selbstverständlich um seine kleine Schwester Maria kümmert, ihr aus der Patsche hilft, wenn sie wieder einmal ihre Brille zerbrochen hat (für eine neue ist kein Geld da, also wird sie immer wieder geflickt), sie nie im Stich lässt oder beiseite schiebt. Wenn er mit den Kumpels Fahrradrennen ver­anstaltet oder Verstecken spielt, mit ihnen oder auch allein durch die magische Nacht radelt, fühlen wir uns in eine andere Zeit versetzt – ohne Computer, Internet und mediale Dauerberieselung, dafür mit wachen Sinnen, Wettbewerb und Mitmenschlichkeit …

Ein besonderes Glück ist diesem Buch zuteil geworden, indem Gabriele Salvatores es 2003 in den weiten, wogenden Feldern der Basilicata (bei Melfi) großartig kongenial verfilmte. Mein Tipp: Lesen Sie zuerst den Roman, und sehen Sie sich danach den Film an – was in der Regel zu Frustration führt, verdoppelt in diesem Fall den Genuss!

Ammanitis schönster Roman ist auf Deutsch unter zwei Titeln erschienen: »Ich habe keine Angst« und »Die Herren des Hügels«; beide sind aber nur noch als Restauflagen erhältlich.

Die italienische Originalversion gibt es in der Einaudi-Reihe Stile libero Big (»Io non ho paura« Niccolò Ammaniti: »Io non ho paura« bei Amazon ); ans Herz legen möchte ich Ihnen aber die Ausgabe der Reclam-Fremdsprachen­texte, die auf jeder Seite zu allem, was nicht zum Grundwortschatz gehört oder Probleme machen könnte, sorgfältig editierte Vokabel­hilfen bereitstellen. Bequemer geht’s nicht!


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