Rezension zu »Die Enkelin« von Bernhard Schlink

Die Enkelin

von


Mit siebzig erfährt Kaspar Wettner, dass er eine Enkelin hat, hervorgegangen aus einer verschwiegenen außerehelichen Beziehung seiner verstorbenen Frau. Das Mädchen ist in einer völkischen Dorfgemeinschaft aufgewachsen. Spät nimmt sich der Großvater ihrer Erziehung an.
Belletristik · Diogenes · · 368 S. · ISBN 9783257071818
Sprache: de · Herkunft: de

Ein spätberufener Aufklärer

Rezension vom 09.02.2022 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Aus einem Manuskript im Computer seiner verstorbenen Frau Birgit erfährt der Berliner Buch­händler Kaspar Wettner von den Geheim­nissen, die sie zeit­lebens vor ihm gehütet hatte. Nach langen Jahren des körper­lichen und psychi­schen Verfalls war Birgit Wettner 2015 in der Badewanne ertrunken, wo ihr Mann sie leblos vorfand. Er braucht eine ganze Zeit, um das drama­tische Ereignis zu verar­beiten, bis er endlich die Kraft aufbringt, ihren Nachlass zu sichten. In ihren Unter­lagen stößt er auf ihm unbe­kannte Recher­chen über Waisen­kinder in der DDR, über jugend­liche Gruppen­gewalt in Skinhead- und Fascho­gruppen, über die Karriere eines Partei­funktio­närs und Leiters von Studenten­brigaden, dazwi­schen ein verblass­tes Foto des Funktio­närs inmitten einer Gruppe junger Leute, darunter Birgit in Arbeits­kittel und Kopftuch. Im Rückblick wird nun die Vergangen­heit des Paares aus ihren beiden Perspek­tiven aufge­deckt.

Kaspar wechselt im Sommersemester 1964 aus dem Rheinland nach Berlin. Er will im Zentrum des Ost-West-Konflikts leben. Die permanent von beiden Seiten propa­gierten Unter­schiede sind ihm geläufig; er sucht dagegen etwas Verbin­dendes, »Gemein­sames«. Sein Antrag, an der Ost-Berliner Humboldt-Univer­sität ein Semester Germa­nistik und Geschichte zu studieren, wird jedoch aus diversen Gründen abgelehnt. Im Mai 1964 lädt die sozialis­tische Partei­führung zum Deutsch­land­treffen der Jugend. Beim Rahmen­programm, organi­siert von der »Freien Deutschen Jugend« (FDJ), lernt er die junge Birgit kennen – »lebhaft, strahlend, schlag­fertig und, anders als die anderen, nicht ideolo­gisch borniert, sondern voller Lust am Wortge­fecht«. Es war »Liebe auf den ersten Blick«.

Was Kaspar während ihres gesamten Zusammenlebens verborgen bleiben wird, ist, dass Birgit zu dem Zeitpunkt in einer festen, obendrein verbo­tenen Beziehung mit einem verheira­teten, im politi­schen Kader hoch­gestell­ten FDJ-Sekretär lebt. Dass sie schwanger ist, vertraut sie nur einer einzigen Freundin an. Die soll das heimlich zur Welt gebrachte Kind anonym an einer Kirchen­treppe ablegen, befolgt Birgits Wunsch aber nicht. So wächst das Mädchen Svenja im Hause des FDJ-lers und seiner Ehefrau auf.

Mit Kaspars Eintritt in ihr Leben scheint sich Birgit nun schnell von den politi­schen Indok­trinatio­nen lösen zu wollen, um eine feste Bindung mit dem liebe­vollen, einsich­tigen und toleran­ten jungen Mann aus dem Westen einzu­gehen. Über Prag und Wien flieht sie in die BRD. Aus ihrem Geheimnis wird eine Lebens­lüge, die niemals offen­gelegt wird und sie zeit­lebens belastet. Zwar quält sie ein Gefühl, etwas gutmachen zu müssen, nach der Tochter zu suchen, doch sie schiebt es vor sich her, unfähig, eine Initia­tive zu ergreifen. Weder die Flucht in eine spriri­tuelle Sekte noch der Griff zu Medika­menten und Alkohol können ihre seeli­schen Leiden lindern.

Aus der so unerwarteten wie schockierenden Erkenntnis einer immate­riellen Hinter­lassen­schaft leitet Kaspar ab, dass er nun gegenüber Birgit eine letzte Pflicht über­nehmen müsse, der sie selber nicht nachzu­kommen vermochte, nämlich die Suche nach dem unbe­kannten Mädchen und ihrem unbe­kannten Lebensweg aufzu­nehmen. Er begreift dies aber auch als Angebot, das seinem trost­losen, einsamen Dasein eine Wendung und einen Sinn geben wird.

Tatsächlich spürt Kaspar nach sorgfältiger Recherche Birgits Tochter auf. Svenja hat einen bewegten Lebens­lauf hinter sich. Aus dem Haushalt des staats­treuen FDJ-Sekretärs büxte sie aus, landete als schwer erzieh­bares, aggres­sives und arbeits­scheues Mädchen in einem Umer­ziehungs­heim, hauste danach mit krimi­nellen Typen und Skinheads aus der rechts­radika­len Szene in Berliner Abbruch­häusern, ver­schwand dann bis in die Neunziger Jahre von der Bild­fläche. Schließ­lich heiratete sie und zog mit Ehemann Björn und Tochter Sigrun (der »Enkelin«) nach Mecklen­burg-Vorpom­mern, wo Kaspar die etwa Vierzig­jährige in einer abge­schot­teten, autarken Dorfsied­lung völki­scher Ausrich­tung als »wohlge­staltete Matrone […] in kurzärm­ligem, waden­langem blauem Kleid« kennen­lernt.

Sigrun ist vierzehn Jahre alt, und in Kaspar erwacht die Vorstel­lung, er müsse die radikalen Ideolo­gien, in denen die Enkelin in ihrem isolier­ten Umfeld aufwuchs, relati­vieren und ihr andere Perspek­tiven eröffnen. Der gemein­same Weg soll über kultu­relle Bereiche­rung führen, durch Theater- und Museums­besuche mit dem Großvater während der Ferien, durch die Begegnung mit Literatur und klassi­scher Musik. Björn, ein feind­seliger Patriarch und Neo­nazi-Extre­mist, lässt sich die zeit­weise Freigabe seiner Tochter sehr gut bezahlen.

Intellektuell, weltanschaulich und musisch erweist sich die Enkelin aus problema­tischen Verhält­nissen als unge­schliffe­ner Diamant, als verschüt­tetes Genie. Sigrun zeigt großes Talent als Klavier­spielerin, erhält Unter­richt und träumt sogar von einer Konserva­toriums­ausbil­dung. In den Diskus­sionen mit dem Großvater reprodu­ziert sie eloquent und kenntnis­reich, was man ihr gepredigt hat – von Hitlers Streben nach Frieden bis zur Holo­caust­lüge. Sie zweifelt Anne Franks Tagebuch ebenso an wie das, was sie beim gemein­samen Besuch im KZ Ravens­brück sieht. Was sie bei solchen Gelegen­heiten an Beleh­rungen über Wehr­haftig­keit, Volks­seele, Ehre und Treue formu­liert, klingt gestelzt und hört sich an wie Papier­weis­heiten, mit denen sie indok­triniert worden ist, aber sie sind auch weder in Ton noch Inhalt alters­gemäß. Kein Scherz, kein puber­tärer Ausraster, kein Mädchen­traum kommt während der Monate, die sie sich intensiv mit dem Großvater aus­tauscht, über ihre Lippen.

Mit Sigrun hat der Autor eine Kunstfigur erschaffen, die der Konfron­tation gegen­sätz­licher Positio­nen dient. Der Preis dafür ist, dass dem jungen Charakter alters­gemäße Züge wie Empathie, Leb­haftig­keit, Übermut und Wider­sprüch­lichkeit fehlen. So werden wir Leser weder mit dem Großvater noch der Enkelin richtig warm.

Bernhard Schlink ist keiner, der sich mit zweck­freier Literatur zufrieden gäbe. Schon mit seinem Welt­best­seller »Der Vorleser« ver­knüpfte er einen spannen­den Plot mit histo­risch-politi­scher Aufklä­rung. Mit »Die Enkelin« hat er sich gleich zweier harter Brocken ange­nommen: dem Verhält­nis zwischen Ost und West und dem Selbst­verständ­nis von Rechts­radikalen. Als Vermitt­ler hat er den Protago­nisten und Erzähler Kaspar gestaltet, aller­dings ebenso künstlich wie seine jugend­liche Partnerin. Einer­seits ist er auf­geschlos­sen gegenüber dem Gesell­schafts­system, das in Ost­deutsch­land etabliert wird, anderer­seits blind für die Ursachen der gravie­renden Probleme seiner gelieb­ten Ehefrau; einer­seits engagiert er sich, seine Enkelin aus ihrem unver­schulde­ten Zustand der Verfüh­rung zu geleiten, anderer­seits ist er erschre­ckend blind (allzu tolerant? gleich­gültig?), wenn er etwa an einer schummrig-völki­schen Ernte­dank­feier teil­nimmt und schließ­lich sogar in (weniger belastete) Volks­lieder einstimmt. Gegen­über Björns dreisten Forde­rungen ist er wehrlos. Und was auch immer Sigrun auf ihrem späteren steinigen Weg anstellt: Stets steht der Opa bereit, um ihr aus der Patsche zu helfen, bis zur Selbst­aufgabe.

Um den Plot durchzuziehen (beispiels­weise Kaspars Kontakt zu Sigrun plausibel aufrecht­zuerhal­ten) mögen derart aus der Realität gefallene Figuren zu recht­fertigen sein. Der Roman wird dann aber zum theore­tischen Konstrukt.


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