Rezension zu »Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen« von Hallgrímur Helgason

Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen

von


Krimi · Tropen · · Gebunden · 271 S. · ISBN 9783608501087
Sprache: de · Herkunft: is

Kein Handbuch mit zehn Tipps!

Rezension vom 05.12.2010 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Der Kroate Tomislav Boksic, genannt "Toxic", hat den Krieg gegen die Serben überlebt. Sein Vater und sein Bruder sind gefallen. Während seine Mutter und seine "fette Schwester" noch in der zerstörten Heimat leben, hat Toxic sich nach New York abgesetzt. Manchmal ruft ihn seine Mutter an und fragt, ob er mit dem Studium begonnen hat, was heißen soll: "Unser Geld ist alle."

Toxic arbeitet für die kroatische Mafia als "rechtschaffener Arbeitnehmer aus der Auftragkillerbranche". Die meiste Zeit überbrückt er als "waiter", als Kellner im "The Zagreb Samovar", dem Treffpunkt seiner Mafiabosse. Bisher hat er seine Opfer souverän beseitigt, ist berühmt-berüchtigt als "dreifacher Sixpacker" – "sechs Kugeln, sechs Beerdigungen".

Mit einem nicht beabsichtigten Kopfschuss auf einen FBI-Agenten unterläuft ihm allerdings ein folgenschwerer Fehler. Da Toxic möglichst schnell abtauchen muss, beschaffen ihm seine Leute eine neue Identität (Igor Illitsch aus Smolensk) nebst Flugticket über Frankfurt nach Zagreb.

Mitten in der Check-In-Prozedur tauchen plötzlich zwei "FBI-Wichser" in Zivil auf. Bei Igor klingeln die Alarmglocken, er schnappt sein Handgepäck und flüchtet zur nächstgelegenen Toilette. Dort muss er einen Mord begehen, der ihm zum ersten Mal in seinem Leben ein schlechtes Gewissen bereiten wird, und das für lange Zeit: Um sich selbst zu retten, erschießt er den Mann in der Nachbartoilette, zieht dessen Kleidung an, nimmt dessen Flugticket und Pass – und ist schon wieder jemand anders: Reverend David Friendly mit Zielort Reykjavik.

Dort steht ein Empfangskomitee parat. Mit hocherhobenem Schild "FATHER FRIENDLY" erwartet ihn das Ehepaar Zickrita und Gutmunduhr, beide tief religiöse Prediger. Sie sind hellauf begeistert von den christlichen Shows in Amerika und gestalten selber eine tägliche Messe im isländischen Fernsehen. Ihren Anhängern haben sie den Besuch aus Amerika schon angekündigt, und nun muss Tomislav Boksic alias Toxic alias David Friendly wohl oder übel autreten, um seine eigene sehr spezielle Show zu spielen.

Bis hierher liest sich das Buch total amüsant, so wie es ja auch der skurrile Buchtitel "Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen" suggeriert. Da ist man auf eine abgefahrene Story eingestellt. Aber je weiter man liest, desto deutlicher kristallisiert sich eine andere Seite des Charakterbildes von Toxic heraus, und die ist überhaupt nicht lustig: Denn er ist noch immer traumatisiert von seinen Erlebnissen im Krieg gegen Serbien. Immer wieder suchen ihn Erinnerungen heim, überfällt ihn seine Vergangenheit. Diese Episoden sind im ersten Moment teilweise brüllend komisch, aber so voller Grausamkeit, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Was Toxic ebenso intensiv dominiert, ist sein Sexualleben. Das verbringt er mit einer Vielzahl von Frauen, wie zum Beispiel Munita aus Peru, der "Matratze halb Manhattans", die ihn immer wieder glücklich macht, und auch in Reykjavik gibt es eine Menge hübscher Frauen mit "eigenem Luxusjeep". Seinem "Schrittbewohner" zollt er viel Aufmerksamkeit, denn der will bedient werden – egal wie. Da kann der Autor manchmal durchaus zweideutig-amüsant die "Fahne der Männlichkeit" beschreiben, aber an etlichen Stellen überschreitet er die Schwelle des guten Geschmacks und wird schlichtweg ordinär. Auch mit weniger expliziten Ausmalungen könnte man sich durchaus vorstellen, wie Toxic tickt.

Nach meinem Empfinden ist dieser Roman unrund; er ist in seinem Konzept gebrochen. Was will Hallgrimur Helgason? Im Ergebnis hat er weder die burleske Erzählung eines Killers und seiner Wandlung "vom Saulus zum Paulus" noch das ernste Thema des Balkankriegs mit seinen Gräueln und den Traumata der Überlebenden konsequent durchgezogen. Lohnend ist die Lektüre allemal: amüsant und erschütternd.


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