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Rezension zu »Sommerlügen« von Bernhard Schlink

Sommerlügen

von


Belletristik · Diogenes · · Gebunden · 279 S. · ISBN 9783257067538
Sprache: de · Herkunft: de

Es ist schwer zu leben

Rezension vom 07.12.2010 · 4 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Bernhard Schlinks Band "Sommerlügen" enthält sieben Erzählungen von jeweils ca. 40 Seiten. Kein Wort zuviel, kein sinnloser Satz. Sofort ist man gefesselt von den Protagonisten, die in ihrem Ich gefangen sind, Versuche unternehmen auszubrechen, sich ihre Lebensgeschichte zurechtgezimmert, ein Lügengespinst aufgebaut haben, blind vor Eifersucht sind oder sogar ein Verbrechen verüben.

Bestechend ist Schlinks lockerer Schreibstil. Seine Gedanken müssen auf dem kürzesten Weg zur schreibenden Hand gelangen, denn sowohl seine Beschreibungen, seine psychologisch-analytischen Beobachtungen, alle Handlungsorte, selbst die Dialoge fließen völlig natürlich auf das Blatt. Dabei bleibt Schlink immer ein ruhiger, unaufgeregter Beobachter, während der Leser betroffen ist. Schlink stößt Gedanken an; wir fragen uns und finden selber oft keine Antworten. Es ist faszinierend, wie Schlink sich in die menschliche Seele versetzen kann, jede seiner Figuren ist so lebensecht, ein bisschen außerhalb des Normalen, auf keinen Fall durchschnittlich.

Da hat ein Mann mit seinem Leben abgeschlossen. Er ist unheilbar krank, war einer Organisation für Sterbehilfe beigetreten, die ihm einen "Cocktail" für seine letzte Entscheidung besorgt hatte. Er hat es sich ganz simpel vorgestellt. In seinem schönen Sommerhaus möchte er mit allen Familienmitglieder einen, seinen, letzten schönen Sommer genießen. Aber da gibt es etwas, womit er nicht gerechnet hat ...

Ein anderes Leben: Ein junger Mann lädt seinen Vater zu einem Bach-Konzert nach Rügen ein. Dies ist sein letzter Versuch. Meer und Bach mögen sie beide, aber ansonsten verbindet sie nichts. Keine Gefühle, keine Umarmungen, nur Kälte. Im Auto sitzt der Vater in starrer Sitzposition, fällt in Schlaf. Der Sohn beobachtet ihn, sieht die Bartstoppeln, den Speichel in den Mundwinkeln, die geplatzten Adern an der Nase. Zugleich riecht er ihn, ein bisschen muffig, ein bisschen säuerlich, und ist froh, dass es keine Zärtlichkeiten zwischen ihnen gibt. Diese Art der Liebe sucht er nicht. Aber er möchte seinen Vater endlich kennenlernen. Er weiß nichts von seiner Kindheit, seinem Studium, seiner ersten Liebe, seiner Wehrmachtszeit. Geschwiegen haben sie immer schon. Er wird ihn fragen. Kann er wenigstens eine wortlose "Vertrautheit" erwarten? Eine wortreiche würde seine Hoffnungen übertreffen.

Ein überzeugendes Buch. Jede der Erzählungen hat einen speziellen Reiz, aber keiner würde ich einen Vorrang geben. Egal mit welcher Sie beginnen, Sie werden von keiner enttäuscht sein.

Bernhard Schlink ist einer meiner Lieblingsautoren, ein literarisch anspruchsvoller Schriftsteller, den man genießen kann, ohne studierter Germanist zu sein.


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