Rezension zu »Eine Frau bei 1000°« von Hallgrímur Helgason

Eine Frau bei 1000°

von


Belletristik · Tropen · · Gebunden · 400 S. · ISBN 9783608501124
Sprache: de · Herkunft: is

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Jeder für sich und Gott gegen alle

Rezension vom 23.01.2012 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

"Eine alte Frau wird tot in einer Garage aufgefunden, ihre gekrümmten Finger umklammern eine deutsche Handgranate aus dem Zweiten Weltkrieg, auf ihrem Arm eine Hakenkreuznarbe." Sie hatte sich den Termin zu ihrer Feuerbestattung schon vor einiger Zeit per Handy reservieren und sich dabei auch bestätigen lassen, dass die Temperatur des Ofens 1000 Grad betragen werde. Auf die Dame ist Verlass: Pünktlich am Montag, 14. Dezember, um 13.30 Uhr wird ihre Leiche überführt. Ihre Hände werden abgesägt und samt explosivem Inhalt einem Sprengkommando übergeben. "Ich habe immer noch Phantomschmerzen in den eingebildeten Handgelenken", verrät sie – die soeben eingeäscherte Ich-Erzählerin ...

Nur der isländische Autor Hallgrímur Helgason kann einen Lebensbericht so skurril und makaber gestalten, wie es dieser Schluss seines neuesten Romans "Eine Frau bei 1000°" erahnen lässt. Die am Ende todkranke schrullige Alte mit pinkfarbener Frisur war einst eine mondäne Dame mit unkonventionellem Lebenswandel. 1929 wird sie als Herbjörg María Björnsson in einem Blechschuppen in Island geboren; 2009 verbringt sie die letzten Tage ihres Lebens in einer Garage in Reykjavik.

Ihre knapp 40 kg "Weiberfleisch" siechen im Krankenbett dahin, mehr tot als lebendig, die Pall-Mall-Schachtel liegt immer griffbereit. Wegen ihrer Atemnot sind Herbjörgs Wege zum Klo ihr "täglicher Bußgang". Täglich schaut der Pflegedienst vorbei, nicht ohne sich zu wundern, wie sie da wie eine Henne auf ihrem Ei hockt; denn zwischen ihren Beinen versteckt sie eine deutsche Handgranate – ihr persönliches "feu de Cologne", das ihr ihr Vater im Krieg als Verteidigungswaffe in die Hände gedrückt hat.

So gut wie jetzt ist es ihr im Leben noch nie gegangen, behauptet Herbjörg, besitzt sie doch einen Laptop, der ihr per Internet die Welt erschließt und ihr per Facebook und Konsorten inkognito-Auftritte erlaubt. Unter dem nickname "Linda" genießt sie, die in Wahrheit abgetakelte "Matratzenhyäne", als vorgebliche isländische Miss World von 1988 die Begehrlichkeit der Männer. Unter dem Namen eines Bischofs schreibt sie ihrer Schwiegertochter einen Brief, der ihr ihre Untreue vorhält und sie auffordert, Buße zu tun und dazu sämtliche Gottesdienste zu besuchen.

Nun hat sie Zeit, auf den Spuren ihres Lebens zu wandeln. Sie befindet sich auf einem "Rundflug", springt mit dem Fallschirm hier und da ab, landet neben sich selbst, klopft sich auf die Schulter (S.140).

Und ebenso willkürlich gestaltet der Autor seinen Roman. In kurzen Kapiteln springt er hin und her zwischen den Phasen eines wilden, draufgängerischen und schaurig-brutalen Lebens. Vater Hans ist der einzige Isländer, der als Überarier aus Überzeugung für die Deutschen in den Krieg zieht; Mutter Gudrun und Tochter folgen ihm nach Deutschland. Doch nach sieben Jahren behüteter, liebevoller Kindheit verlässt Gudrun sie, und das Mädchen wird zu einer Familie auf der friesischen Insel Amrum in Pflege gegeben. Früh macht sie die Erfahrung, dass sie nirgendwohin gehört und überall aneckt: Ist sie nun isländisch wie ihr Vater – oder dänisch wie ihre Mutter – oder doch Deutsche, da sie die Sprache beherrscht? Dieses Dilemma wird für ihr ganzes Leben gelten. Während der grausamen Kriegszeiten flüchtet sie als Einzelkämpferin von einem Ort zum anderen. Sie verrät in ihrer Not das Versteck eines Engländers – und fühlt sich als Kriegsverbrecherin. Sie wird Zeugin, wie ein junger deutscher Offizier einen wehrlosen, beinamputierten und verrückten Juden erschießt, der sich als Aaron Hitler, der kleine Bruder "seiner Hoheit", ausgibt. Sie muss Vergewaltigungen über sich ergehen lassen, fällt auf eine hilfsbereite Frau herein, wird in einem Haus festgehalten und als Hure den Russen feilgeboten. Mitten im Irrsinn des sinnlosen Krieges werden Menschen auf der Flucht neben ihr erschossen, und sie fragt sich: Warum die und nicht sie selbst? Ihre grausamen Erlebnisse lassen sie an Gott zweifeln: "Jeder für sich und Gott gegen alle" (S. 372). Dies alles kann sie nur mit Sarkasmus, Zynismus und rabenschwarzem Humor verarbeiten; Wut und Trauer zugleich prägen ihren biestigen, schonungslosen Charakter.

Nach Stationen in Hamburg, Berlin, Paris, Argentinien und Kapstadt kehrt sie nach Island zurück. Sie hat vier isländische Männer mit schlechtem Benehmen ertragen und drei undankbare Söhne geboren, die schon jetzt, da sie mit dem baldigen Ableben der Mutter rechnen, ihr gesamtes Vermögen verhökert haben. Wirklich geliebt hat sie nur ihre kluge, hellsichtige Mutter; die achtet sie, weil sie immer ein besserer Mensch als sie selber war. Fast um den Verstand bringt Herbjörg der plötzliche Tod ihrer dreijährigen Tochter, die bei einem Autounfall in Buenos Aires ums Leben kam.

In Reykjavik, der Hauptstadt der vulkanreichen, kalten Insel, deren Bewohner das Schweigen als Kultur pflegen, liegt die im wahrsten Sinne des Wortes hochexplosive Herbjörg in ihrer gemütlichen Garage. Sie teilt kräftig aus, rechnet erbarmungslos ab, wettert schonungslos gegen ihre Familie, die Männer im Besonderen, aber auch gegen das kleine Island. Ihre erschütternden, grausamen "Memoiren" hat sie, ohne etwas auszulassen, irgendwie zusammengeschustert – und nun kann sie pünktlich zum abgemachten Termin zu ihrer Einäscherung erscheinen.


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