Rezension zu »Drei Söhne: Ein Mordprozess« von Helen Garner

Drei Söhne: Ein Mordprozess

von


Gerichtskrimi · Berlin Verlag · · 352 S. · ISBN 9783827012692
Sprache: de · Herkunft: au

Eine packende und qualvolle Suche nach der Wahrheit

Rezension vom 31.05.2017 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Sieben lange Jahre haben australische Gerichte verhandelt, um die Schuld eines Mannes am Tod seiner drei kleinen Söhne zu ermitteln. Wenn er dieses Ver­brechen begangen hat, so war es besonders grausam, herzlos und kaum zu begreifen. Oder starben die Kinder durch einen unvermeid­lichen Unfall? Oder ist alles ganz anders abge­laufen, als es scheint? Den Auf­sehen erre­genden Mord­prozess und seine rätsel­hafte Vorge­schichte hat die austra­lische Autorin und Jour­nalistin Helen Garner in einem beein­drucken­den Gerichts­krimi verarbeitet.

Angeklagt ist Robert Farquharson. Er lebt von seiner Ehefrau Cindy getrennt. An jedem zweiten Wochen­ende betreut er die gemein­samen drei Söhne. Während er an einem Abend des Jahres 2005 die Kinder zu ihrer Mutter zurück­fährt, über­fällt ihn am Steuer eine heftige Husten­attacke. Für kurze Zeit verliert er das Bewusst­sein, weswegen er nichts dazu aus­sagen kann, was in der Folge geschieht. Das Auto kommt jeden­falls von der Straße ab, stürzt in einen Bagger­see und versinkt bis in sieben Meter Tiefe. Der Mann kann sich befreien und schwimmt an die Wasser­ober­fläche. Die drei Jungen hin­gegen ertrinken.

Farquharson galt stets als liebender, fürsorglicher Vater. Niemand in der Verwandt­schaft traut ihm eine vorsätz­liche Mordtat zu, nicht einmal seine Ehefrau, die doch ihre über alles gelieb­ten Kinder und mit ihnen ein Stück von sich selber verloren hat. Als einziges Motiv kommt in Frage, dass er seine Söhne aus primit­iver Rache, aus Unzu­frieden­heit mit seiner Lebens­situation hat ersaufen lassen. Aber ist so ein Handeln über­haupt vorstell­bar?

Freunde des Angeklagten, Polizisten, Kriminal­beamte, Rettungs­dienst, Sach­verstän­dige, Medi­ziner – zahlreiche Zeugen werden einbe­stellt. Fotos können keine Klarheit schaffen, da der Schau­platz des Geschehens nur ungenau markiert wurde. Man versenkt, um den Unfall­hergang zu rekon­struieren, ein bau­gleiches Fahrzeug im See. Doch all das fördert nur wenige und kaum beweis­kräftige Indizien zu Tage. So werden alle Darstel­lungen von Zeugen und Gut­achtern immer wieder bis in die Details hinter­fragt, Kreuz­verhören unter­zogen, durch andere Aus­sagen und Gut­achten in Frage gestellt, mal aus dieser, mal aus jener Perspektive neu beleuchtet.

Diese langwierigen Prozeduren verlangen allen Prozess­teilneh­mern Geduld und äußerste Kon­zent­ration ab. Unver­meidlich greifen Lange­weile, Müdig­keit, Unauf­merk­samkeit um sich. Doch immer wieder reißen die Eltern – »gebrochene Menschen«, in der Trauer um ihre verlo­renen Kinder vereint in einem »Abgrund von Leid«, wo Begriffe wie »Schuld oder Unschuld keine Macht mehr hatten« – Ge­schwo­rene, Zuschauer und Medien­vertreter aus ihrer Lethargie. »Herz­zerrei­ßende Schluch­zer und Schreie« aus der kalten Halle vor dem Gerichts­saal dringen bis in den Verhand­lungs­raum.

Helen Garner hat den Prozess von Anfang bis Ende als Unbe­teiligte begleitet. Sie kennt den Unfallort am Bagger­see und den Fried­hof, wo die drei Söhne begraben liegen. Uner­müdlich und mit größter Sorg­falt berichtet sie aus ihrer Perspek­tive der neutralen Beobach­terin, und ihr entgeht kein Detail. In ihrer Dar­stel­lung ist sie um sach­liche Objek­tivität bemüht, doch dem Leser bleibt nicht verborgen, dass auch sie Anteil nimmt, ihre Gefühle nicht verdrän­gen kann, Kraft schöpfen muss, um die unvor­stell­bare Strapaze der zähen Suche nach einer wider­borsti­gen, viel­leicht uner­gründ­lichen Wahrheit durch­zu­stehen. In dieser unauf­dring­lichen Einbe­ziehung der mensch­lichen Aspekte, die den Leser nicht zu einer Partei­nahme drängen will, liegt die Stärke dieser litera­rischen Aufbe­reitung eines in den unzäh­ligen Akten­ordnern gewiss trockenen Prozess­berichts.

Präzise beschreibt die mit mehreren Literatur­preisen ausge­zeich­nete Autorin (1942 geboren) Kleidung, Körper­haltung, psychi­sche und physi­sche Verfas­sung des Ange­klagten und seiner Ange­hörigen sowie deren Verän­derung während der vielen Prozess­jahre. Am Ende des Romans kennen wir jede betei­ligte Person des inneren fami­liären Zirkels. Die Haupt­personen, den immer wieder seine Liebe und seine Unschuld beteuernden Vater und die verzwei­felte Mutter, werden wir nie mehr ver­gessen.

Besonderen Eindruck hinterlassen sowohl bei der Autorin als auch bei uns die beiden juris­tischen Anta­gonisten. Staats­anwalt Rapke und Vertei­diger Morris­sey insze­nieren sich im Inte­resse ihres Auftrags, um die Geschwo­renen für oder gegen den Ange­klagten einzu­nehmen. Während der Vertei­diger »mit dem Herz auf der Zunge« für seinen Man­danten kämpft und »die Geschwo­renen mit seiner warm­herzigen, kumpel­haften Art« umgarnt, betont sein Kontra­hent eine »ver­standes­mäßige Heran­gehens­weise«, die aus dem dürf­tigen Beweis­material Leben und Spreng­kraft ziehen soll. Mit »beein­drucken­der Rhetorik«, »stahl­harter Logik« und »psycho­logi­scher Raffi­nesse« lanciert er gegen die Verteidi­gung gezielte Schläge, die oft wie bei­läufig daher­kommen und die aufmerk­same Bericht­erstat­terin (die »Zuschau­erin in mir«) derart begeis­tern, dass sie sich »am liebsten erhoben und ihm zuge­jubelt« hätte. Der Vertei­diger jedoch gibt sich un­erschüt­terlich und lässt sich nicht aus seinem Konzept bringen. Die These der Anklage, Robert Farquharson habe den Unfall geplant und absicht­lich herbei­geführt, hält Morrissey für »bizarr, grotesk, absolu­ten Nonsens«.

Helen Garners »This House of Grief« Helen Garner: »This House of Grief« bei Amazon (übersetzt von Lina Falkner) ist die fesselnde und aufwüh­lende litera­rische Aufarbeitung eines wahren, dennoch verbor­genen Ereig­nisses und seiner Folgen. Bis zur Verzweif­lung quält den Leser nicht nur die traurige Familien­geschichte, sondern auch die lang­wierige, zutiefst verstö­rende Suche nach einer Wahr­heit, die unauf­find­bar bleiben könnte. Die Autorin scheint die Zuver­sicht aufrecht­erhalten zu wollen, dass die Möglich­keit, ein Vater lasse seine drei unschul­digen Kinder absicht­lich ertrin­ken, ethisch und mora­lisch undenk­bar sei. Bis zum un­wider­rufli­chen Schuld­spruch am Ende nährt sie die Aus­sicht auf einen Frei­spruch für den Ange­klag­ten und sogar den irr­witzi­gen Gedanken, alles Berich­tete und Verhan­delte sei gar nicht geschehen, und die Jungen lebten womög­lich noch. So faszi­niert dieser im Kern dokumen­tarische Roman von der ersten bis zur letzten Seite nach­haltiger als mancher Thriller.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Frühjahr 2017 aufgenommen.


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