Rezension zu »Der Name seiner Mutter« von Roberto Camurri

Der Name seiner Mutter

von


Ohne Abschied verlässt eine Frau ihren Mann und ihr Baby. Obwohl sie in den Gedanken des Mannes auf quälende Weise präsent bleibt, wird nie über sie gesprochen, und der Sohn wächst mit einer tiefen Leerstelle auf, als hätte seine Mutter nie existiert.
Belletristik · Kunstmann · · 208 S. · ISBN 9783956144325
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Norditalien

Gemeinsam alleine

Rezension vom 27.04.2021 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Die Po-Ebene in der Emilia-Romagna ist eine Landschaft, die wie gelähmt erscheint. Teil­nahms­los fließt der Strom dahin, bewe­gungslos liegen die Felder in der endlosen Ebene, darüber entweder die aus glei­ßendem Himmels­blau sengende Sonne oder flir­render Dunst oder nass-fahler Eisnebel. Gele­gentlich tauchen Gehöfte, Wasser­türme und Rohbauten auf Stelzen auf und geben dem orientie­rungslos schwei­fenden Auge ein Ziel. Weit in der Ferne glitzern im Norden und im Süden die Schnee­spitzen der Berg­ketten.

Originalausgabe:
»Il nome della madre«
(2020, Verlag »NN editore«)
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In Roberto Camurris Roman, den Maja Pflug ins Deutsche übersetzt hat, fängt selbst die sprach­liche Gestal­tung diese Atmos­phäre ein. Lange Reihen endloser Schachtel­sätze ziehen sich, inhalt­lich randvoll wie der Strom, durch die Seiten, Dialoge, die Leben einfangen könnten, sind auf das Notwen­digste reduziert, selbst ihre Satz­zeichen einge­spart. So erzählt uns der Autor die Geschichte von Pietro, ange­fangen mit seiner Geburt über seine Kindheit und Jugend bis zur Gründung seiner eigenen Familie.

Pietro wächst in dem trägen Kaff Fabbrico auf, wo es keine Arbeit und keine Hoffnung gibt, die Menschen die Dinge hinnehmen, wie sie kommen, sich mit Alkohol oder Drogen betäuben, wenig sprechen, nie kämpfen, kaum leben. Kaum anders ist sein Vater Ettore, der ihn schwei­gend großzieht.

Wer in diesem totenstillen Bild physisch fehlt, ist die Mutter. Monate nachdem sie das Kind zur Welt gebracht hat, sehnt sie sich nach Stille, denn Pietro ist anstren­gend, ein Schrei­kind. Oft quält ihn Keuch­husten, bis er fast erstickt. Sein nächt­liches Weinen »klettert die Wände im Flur entlang, um hier zu explo­dieren, in ihrem Schlaf­zimmer«. Ettore, der die über­müdete Mutter und das leidende Baby einfühl­sam umsorgt, ergreift eines Tages die Initia­tive und fährt mit dem Söhnchen, wie es die Kinder­ärztin geraten hat, für einen Tag in die Berge, wo die kühle, saubere Luft ihm Erleich­terung und dem erschöpf­ten, der Liebe ent­wöhnten Vater etwas Abwechs­lung verschaf­fen soll.

Als Ettore zu Hause eintrifft, ist seine Frau weg, einfach so, ohne jede Nachricht. Er martert sich mit Selbst­vorwür­fen, fragt sich, was er falsch gemacht habe, würde gern die Zeit zurück­drehen, versinkt in Schweigen, erstarrt in seinem Leid, gerät in Wut, wenn er Pietros Ähnlich­keiten mit der Mutter entdeckt. Auch das Baby scheint die Verän­derung zu spüren, wird still, strampelt kaum.

Eine wichtige Stütze der beiden sind Ettores Schwieger­eltern Livio und Ester, die Pietro zeitweise betreuen und mit ihrer zupa­ckenden Lebens­freude stärken. Doch im Innersten sind auch sie erschüt­tert.

Camurris Intention legt auf Emotionen an. Den weiteren Verlauf seines aufwüh­lenden Plots beherr­schen die tiefen Wunden der Zurück­gelasse­nen. Am schwers­ten zu tragen hat Pietro, der ohne Erklä­rungen ganz auf sich allein gestellt bleibt. Zwar kennen auch die Erwach­senen nicht die Beweg­gründe der Mutter, für Pietro aber ist sie nichts als ein tabui­siertes »Phantom«, ohne Charakter, ohne Geschichte, ohne Namen sogar. Fragen nach ihr zu stellen scheut er sich, denn Ettore wirkt auf ihn unzu­gänglich und abweisend. In Pietros Verhalten und seinen Gesichts­zügen wird der Vater »für immer [die Mutter] sehen« – ein lebender Vorwurf vor seinen Augen.

So tastet sich Pietro zaghaft, unsicher und ergebnislos im Dunklen voran, ohne dass sich seine emotio­nale Entwick­lung jemals frei entfalten kann. Im Gefühls­chaos seines Vaters gefangen und hin und her geworfen, erlebt der Junge unkontrol­lierte Ausbrüche, unver­ständ­liche Aggressio­nen ebenso wie Glücks­momente. Sein Dasein ohne Antworten lässt schlimmste Verdäch­tigun­gen aufkommen: Hat Vater seine Frau womöglich umge­bracht? Oder trägt Pietro selbst die Schuld daran, dass Mamma gegangen ist? In einem ihrer Tage­bücher liest der junge Erwach­sene: »Heute ist ein guter Tag, er hat nur sechzehn Stunden geschrien.«

Eine ausführlich gestaltete Schlüsselszene führt Pietros Leiden intensiv vor Augen. Ettore kauft einem alten Bauern einen Welpen ab. Die Hunde­mutter ist an eine Kette gelegt. Mit einem Trick locken die Männer das Junge von ihr weg. Die Hündin bellt, jault, heult, erwürgt sich fast an der Kette, und Pietro kann der erschüt­ternden Tragödie kaum zusehen, schließt die Augen, hält sich die Ohren zu. Auf dem Heimweg mit dem kleinen Hund fragt er sich, »ob sein eigener Schmerz je vergeht, ob er je aufhören wird, seine Mutter zu vermissen«. Nun hat er hautnah miterlebt, was Trennungs­schmerz ist. Was aber ist Liebe? Im Zusammen­leben mit seiner Frau fragt er sich, ob sie viel­leicht der Ersatz für eine Mutter ist, die er nie hatte.

Roberto Camurris Roman ist das triste Psycho­gramm eines dysfunk­tionalen Vater-Sohn-Verhält­nisses mit unklär­barer Ursache. Auch für den Leser bleiben die Motive der Mutter im vagen Raum winziger Andeu­tungen, unsere Fragen danach ebenso unbeant­wortet wie die des Protago­nisten. Ganz am Schluss erhält Pietro eine Postkarte, mit der seine Mutter ihm zur Geburt seines Sohnes gratu­liert. So erfährt er immer­hin, dass es ihr gut geht, – und endlich ihren Namen.


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