Rezension zu »Albert muss nach Hause: Die irgendwie wahre Geschichte eines Mannes, seiner Frau und ihres Alligators« von Homer Hickam

Albert muss nach Hause: Die irgendwie wahre Geschichte eines Mannes, seiner Frau und ihres Alligators

von


Belletristik · HarperCollins · · Gebunden · 528 S. · ISBN 9783959670227
Sprache: de · Herkunft: us

Da sträuben sich einem doch die Schuppen!

Rezension vom 14.08.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Mit zwei Jahren ist ein Alligator 1,40 Meter lang. Die Oberseite seines muskulösen Leibes zieren lange Reihen olivgrün schim­mern­der Schuppen, sein Bauch ist hell und weich. Wenn die ruppigen Zahn­reihen im weit aufge­risse­nen Maul auf­blitzen und die Äuglein golden glänzen, könnte man glauben, er grinse einen an. Bis die Kiefer zu­schnappen wie ein Bären­fang­eisen. Eine solche Bestie als zahmes Haustier? Was für ein Quatsch.

Aber Homer Hickam, amerikanischer Raketeningenieur und Schrift­steller (Jahr­gang 1943), schafft es, aus dieser Schnaps­idee einen bezau­bernden Unter­haltungs­roman zu ent­wickeln, der erfreu­licher­weise mehr bietet als die platte Ver­nied­lichung eines Reptils. »Carry­ing Albert Home« Homer Hickam: »Carry­ing Albert Home« bei Amazon (über­setzt von Wibke Kuhn) ist ein erzähltes Road­movie voller irr­witziger Abenteuer, die immer weiter vom Boden der Realität abzu­heben scheinen. Doch wenn die Mission am Ende abge­schlos­sen ist, bleibt als Kern eine anrüh­rende, kitsch­freie Liebes­geschichte.

Was der Autor uns erzählt, ist die (angeblich wahre) Dreiecks­beziehung, die die frühen Ehe­jahre seiner Eltern prägte. Elsie und Homer senior sind beide in Coal­wood, West Virginia, aufge­wachsen, einer Berg­bau­stadt, der jeder gern den Rücken kehren würde, wenn er denn eine Wahl hätte. Die Arbeit unter Tage ist gefähr­lich, gesund­heits­schäd­lich und schlecht bezahlt, das Leben über Tage ein unend­licher Kampf gegen Staub, Krank­heiten und Angst. Als sich Elsie die Chance bietet, bei ihrem reichen Onkel Aubrey eine Aus­bildung zu machen, ergreift sie die Gelegen­heit beim Schopfe und ent­flieht nach Florida. Dort lernt sie Buddy Ebsen kennen und verliebt sich unsterb­lich in ihn – doch der erhofft sich eine Showbiz-Karriere in New York, und weg ist er. Frustriert kehrt Elsie ins elende Coal­wood zurück und heiratet den Berg­mann Homer, mehr Not­nagel als Mann ihrer Träume.

Eine Woche nach der Hochzeit erreicht Elsie ein verschnürter Schuh­karton mit Luft­löchern, darin ein knapp zehn Zenti­meter langes Alli­gator­baby und eine Glück­wunsch­karte: »Hier ist etwas aus Florida für dich. Alles Liebe, Buddy.« Von da an sind Elsies Gedanken erst recht unent­wegt bei dem schon ver­flossen Ge­glaub­ten, der doch wieder von »Liebe« schrieb, und all ihre Zu­wen­dung schenkt sie (in Erman­gelung des eigent­lichen Adres­saten) Albert, dem »goldigen« neuen Haus­ge­nossen.

Einfach niedlich, wie »der liebe kleine Junge« seinem Frau­chen brav durch Haus und Garten folgt, bis sie ihm zur Beloh­nung ein Henderl als Leckerli in den Rachen schiebt. Zu putzig, wenn das zweifels­frei kluge Geschöpf Laute von sich gibt, als wolle es »Yeah-Yeah-Yeah« oder auch »No-No-No« sagen. Aller­liebst, wie er voller Wonne seine Pranken hebt, wenn Elsie ihn an seinen sen­siblen Zonen krault. Und wie süß: Weil Albert so große Angst vor Ge­wittern hat, darf er in Elsies Bett Zuflucht suchen und muss nicht in seinem Beton­pool im Garten zittern.

Disney-Latein? Das ist erst der Anfang. Denn Homer lässt sich zwar aller­hand gefallen (ein »Schlapp­schwanz«), aber nicht alles. Als Albert ihm eines Tages die Hose weg­schnappt, ist zuviel Todes­angst und Eifer­sucht aufge­laufen, und er stellt Elsie ein Ulti­matum: »Ich oder der Alli­gator.« Dass sie dem Plan, Albert in seine Heimat zurück­zu­brin­gen, schließ­lich zustimmt, ist keines­wegs ein Beweis ihrer Liebe zu Homer. Vielmehr speku­liert sie darauf, in Florida Buddy Ebsen noch einmal zu begegnen. Und wenn nicht, gelingt es ihr viel­leicht wenigstens, Homer vor Augen zu führen, dass jeder belie­bige Ort unter­wegs besser ist als Coal­wood ...

So treten Elsie und Homer1935 in ihrem vollgepackten zehn Jahre alten Buick Phaeton die 1200 Kilo­meter lange Fahrt nach Süden an. Auf der Rück­sitz­bank räkelt sich Albert gemüt­lich in einer Bade­wanne, jeder Stau­raum ist mit Lebens­mittel­vorräten ausge­füllt, und irgend­wie hat sich auch noch ein myste­riöser Gockel als blinder Passa­gier an Bord ge­schli­chen.

Die »abenteuerliche und gefährliche Reise«, die statt zwei Urlaubs­wochen am Ende Jahre dauert, ist der eigent­liche Stoff dieses liebens­wert ver­sponne­nen Romans. Da Elsie und Homer ihrem Sohn zu verschie­denen Anlässen immer wieder neue und immer dollere Epi­soden auf­tischen (so jeden­falls erklärt uns Autor Homer Hadley junior die Ent­stehungs­ge­schichte), er­eignen sich immer skur­rilere Dinge. Das maximal diver­sifi­zierte Quartett schmuggelt Selbst­gebrann­ten durch North Carolina, gerät in einen Bank­über­fall, wird in einem Base­ball­spiel einge­setzt, spielt in einem Tarzan-Film mit, erbt beinahe ein Millio­nenver­mö­gen, droht im Atlan­tischen Ozean ver­loren­zu­gehen und wird, als am Ende ein Hurrikan aufzieht, fast von den Keys geblasen. Unter­wegs treffen sie auf illustre Per­sonen wie John Stein­beck, dem sie mitten hinein in die sozialen Unruhen in den Textil­fabriken des Südens folgen, und auf Key West lädt Ernest Heming­way sie zum Abend­essen ein. Als running gag läuft der Reise­truppe immer wieder ein düsteres Gangster­duo über den Weg, das fest­zuset­zen der Polizei einfach nicht ge­lingen will.

Für Elsie und Homer wird die abenteuerliche Flucht nach Florida zu einer Reise zu sich selbst: Am Ende haben die Eltern Hickam ein­ander schätzen und lieben gelernt.

Wer unterdessen wem einen Alligator aufbindet und das Blaue vom Himmel herunter flunkert, tut nichts zur Sache. Wir werden einfach köstlich unter­halten (allen­falls etwas zu lang­atmig) und haben am Schluss alle Menschen und Tiere liebge­wonnen. Schade nur, dass wir den kleinen Albert nicht auch mal kraulen dürfen ...


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