Rezension zu »This is not a love song« von Jean-Philippe Blondel

This is not a love song

von


Belletristik · Deuticke · · Gebunden · 224 S. · ISBN 9783552062931
Sprache: de · Herkunft: fr

Grillen und Ameisen

Rezension vom 21.08.2016 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Susan braucht einfach mal eine Pause. Die beiden Töcher, zwei »kleine Monster« von einem halben und vier­ein­halb Jahren, rauben ihr die letzte Kraft. Um wieder aufzu­tanken, möchte sie mit ihnen ihre Eltern besuchen. »Und ich?«, macht Ehemann Vincent geltend, dass er natürlich ebenso gestresst ist. Susans Vorschlag: »Du könntest ja mal Deine Eltern besuchen!«

Auf die Idee wäre Vincent, der Ich-Erzähler, wohl kaum von selbst gekom­men. Seit zehn Jahren lebt er jetzt schon mit Susan in London. Mit seiner franzö­sischen Ver­gangen­heit hat er damals end­gültig abge­schlos­sen und einen radi­kalen Wandel hin­gelegt. Niemand hätte dem »sym­pathi­schen Drücke­berger«, Schul­ver­sager, Gelegen­heits­jobber und Schma­rotzer zuge­traut, dass er einmal Verant­wor­tung über­nehmen und etwas Solides auf die Beine stellen könne. Doch »Les Cafés Bleus – oh mon Dieu«, die alter­native Fast­food-Kette, die er mit einem Partner aufge­zogen hat, etabliert sich immer besser im briti­schen Markt. Erst kürzlich strahl­ten die beiden Unter­nehmer sogar vom Titel­blatt eines bekannten Wirt­schafts­maga­zins. Vincent, 37 und voller Tatkraft, ist zu Recht stolz auf sich.

Warum also eigentlich nicht für eine Woche in dem franzö­sischen Dorf für Auf­sehen sorgen, wo die Eltern, der Bruder und die alten Freunde gewiss unver­ändert ihr biederes Klein­bürger­tum pflegen? Waren die Groß­eltern noch beschei­dene Haus­ange­stellte, so konnte sich sein Vater immer­hin zum leiten­den Ange­stellten bei der Eisen­bahn empor­robben. Spießer blieben sie trotz­dem alle, vor allem Vincents fünf Jahre jüngerer Bruder Jérôme. Der war schon immer eine »fleißige Ameise«, ange­passt und lang­weilig, aber der Eltern Augen­weide. Der Lokal­patriot ist Lehrer geworden, hat seine Sand­kasten­liebe Céline gehei­ratet, und wenn sie nicht gestor­ben sind, so leben sie noch heute glücklich und zufrieden ...

All das hat Vincent stets verabscheut. Er wählte lieber die Daseins­form einer »Grille«: ein wenig zirpen, die Sonne genießen, nicht an morgen denken. Nach dem Schul­abbruch bezog er mit Freund Étienne, den er sich als idealen Bruder ge­wünscht hätte, eine gemein­same Wohnung. Neun Jahre währte ihr zügel­loses, aus­schwei­fendes Lotter­leben. Mädchen gingen ein und aus, ebenso Poli­zisten, die wegen Al­kohol­miss­brauchs, Drogen­besitzes, Eigen­tums­delik­ten und Parolen­schmie­rereien ein­schrei­ten mussten. Während die Nach­barn giftige Kom­men­tare tuschel­ten, versan­ken Vincents Eltern vor Schande im Erd­boden.

Als Vincents Rolltreppe ihn fast bis ins soziale Keller­geschoss befördert hat, betritt Susan die Bühne. Die Tochter aus reichem briti­schen Haus­halt weilt für ein Jahr als Assistant Teacher in Frankreich, und Vincent erkennt seine Chance. Abrupt zieht er die Reiß­leine, löst sich aus Étiennes Um­klamme­rung und folgt Susan nach London.

Jetzt, wo er etwas vorzuweisen hat, ist der Zeitpunkt gekommen, von den oberen Sprossen der Karriere­leiter einmal hin­unter­zu­schauen, was wohl aus den Zurück­gelasse­nen gewor­den sein mag. Von Vincents sieben­tägiger Reise in sein Heimat­dorf und in seine Ver­gangen­heit erzählt Jean-Philippe Blondel in seinem Roman »This is not a love song« Jean-Philippe Blondel: »This is not a love song« bei Amazon, den Anne Braun ins Deutsche über­setzt hat.

Der Besuch gerät zum Desaster. Trotz guter Vorsätze (dem Vater bei An­streich­arbei­ten zur Hand gehen, die Mutter ins Restau­rant einladen, »Friede, Freude, Eier­kuchen« ver­breiten, gemein­sam Scrabble spielen, in Illus­trierten blättern und in die Röhre starren ...) schwächelt Vincent schon, als er in seinem alten Zim­mer ein­quartiert wird. Mit den ihm seit Kinder­tagen vertrauten Gerüchen im elter­lichen Reihen­haus – diverse Varianten abge­stande­nen Miefs, von Möbel­politur über­lagert – haben sich un­ange­neh­mere ver­mischt: die Aus­düns­tungen bejahr­ter Körper, darüber fleißig versprühte künst­liche Lavendel­aromen, die die Provence ins Haus holen sollen, im Mix aber bei Vincent nichts als Übel­keit auslösen.

Die Wiederbegegnung mit Bruder und Schwägerin inklusive gemein­samem Abend­essen gleicht einer Reality-TV-Show. Kurz­zeitig blitzt auf­richtige Rührung auf, ehe Klischees, Platti­tüden, Pein­lich­keiten, Heuchelei und Ver­legen­heit wieder die Ober­hand gewinnen. Verlass ist einzig auf die seit jeher bestehende solide Abnei­gung der Schwä­gerin Céline. Mit den alten Freunden – Frank, Olivier und Fanny, der einzi­gen Mädchen­beziehung vor Susan – ergeht es Vincent nicht besser. Nach vier Tagen unter lauter Exis­tenzen, die nur noch ein Schatten ihres früheren Selbsts sind, fühlt er sich als »Wrack inmitten einer Ver­gangen­heit voller Wracks«. In welchem Ausmaß sein Heimat­land »in seinen Tradi­tionen und Glaubens­sätzen erstarrt« ist, hat ihn »wie ein Hexen­schuss im Denken« getroffen.

Was aber ist aus seinem WG-Bruder Étienne geworden? Weder das Telefon­buch noch Google noch die Familie dienen mit Aus­künften. Ausge­rechnet Céline, in Vincents Urteil die Schein­heilig­keit in Person, weiß etwas zu berichten. Sie engagiert sich ehren­amtlich für Obdach­lose – einst nichts als »Abschaum« in ihren Augen. Sie eröffnet ihm die traurige Ge­schichte vom sozialen Absturz seines ver­scholle­nen Freun­des. Leicht hätte es auch seine eigene Ge­schichte werden können, wäre da nicht Susan einge­schritten. Vincent verließ Étienne damals einfach so, igno­rierte die enge Freund­schaft, küm­merte sich nie mehr, dachte nur noch an seine eigene Karriere und Familie. Trägt er da nicht Mitschuld am unge­brems­ten Fall des im Stich gelas­senen Freundes?

Der französische Autor Jean-Philippe Blondel hat ein feines Gespür für subtile Psycho­logie und kommu­ni­kative Zwischen­töne. Spitz und hinter­gründig zeichnet er die Charak­tere und legt ihre Brüche offen, zwischen ihrer Gegen­wart und ihrer Ver­gangen­heit, zwischen ihren Idealen und ihrer Realität, zwischen ihren Worten und ihren Taten. Er beleuchtet insbe­sondere, wie Bezie­hungen (familiäre Bin­dungen, Freund­schaft, Liebe) in unserer Zeit steten Wandels die Menschen über­fordern können, zwangs­läufig Opfer hinter­lassen. Auf der schwie­rigen Suche nach Selbst­ver­wirk­lichung nehmen viele die Bedürf­nisse der Nächsten in ihrer Umge­bung kaum mehr wahr.

Als arroganter, nicht unsympathischer Egomane war Vincent aufge­brochen, um seine Daheim­geblie­benen in der Provinz Demut zu lehren. Geläutert und selbst ein bisschen demü­tiger kehrt er in die Metro­pole zurück. So blitz­schnell und leicht­fertig er sein Urteil über andere zu fällen gewohnt war, so verletz­lich erscheint er am Ende in seinem Innersten.

Mit seinem luftig-amüsanten Ton, durchzogen von feiner Ironie und durchweg im Präsens dahin­fliegend, ist Blondels neuester Roman flüssig zu lesen (Das groß­zügige Layout tut ein Weiteres.). »This is not a love song«, aber eine hübsche, unter­halt­same und leicht nach­denk­lich stimmende Lektüre für Sommer­tage, an denen milde Regen­tröpf­chen aus hell­grauen Watte­wölk­chen sogar die Sonne zu einer kleinen Ruhe­pause ver­führen.

 


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