Rezension zu »Das Buch des Meeres – Tage- und Skizzenbücher großer Seefahrer« von Huw Lewis-Jones

Das Buch des Meeres – Tage- und Skizzenbücher großer Seefahrer

von


Unzählige Impressionen und Studien, mit Stift und Pinsel festgehalten, monochrom und farbig, neugierig-naiv, wissenschaftlich-akribisch und künstlerisch inspiriert, und alle direkt aus der Wahrnehmung vor Ort entstanden: an Bord von Schiffen auf exotischen Ozeanen
Bildband · Dumont · · 304 S. · ISBN 9783832199753
Sprache: de · Herkunft: gb

Meere und Menschen

Rezension vom 13.06.2020 · noch unbewertet · noch unkommentiert
Dies ist eines jener wunderbaren Bücher, die einem ein nur wenig bekanntes, eher geahntes oder erträum­tes Universum vor Augen führen. Natürlich hat jeder eine Vorstel­lung davon, wie See­fahrer, Kauf­leute, Admiräle, Wal­fänger, Polar­forscher oder Tiefsee­taucher früherer Zeiten in neue Welt­gegen­den vor­drangen, was sie dort mit

Adriaen Coenen: aus seinem »Visboek« (»Fischbuch«) (1546)© Koninklijke Bibliotheek,
Den Haag (78 E 54);

allen Sinnen wahr­nahmen, was sie dabei empfunden haben mögen. Manche Expedi­tionen (wie die Reisen James Cooks) wurden aufwändig an Original­schau­plätzen verfilmt, und doch ist ihnen der Reiz des Exoti­schen, Fremd­artigen, Aben­teuer­lichen nicht abhanden gekommen. Kein virtu­elles Nachge­stalten kann die immense geogra­fische, zeitliche und kultu­relle Distanz entzau­bern, die nur über­winden konnte, wer bereit war, einen hohen Preis zu bezahlen: Er musste sein Leben aufs Spiel setzen, indem er sich für Monate, gar Jahre den unkal­kulier­baren Fähr­nissen maßloser Ozeane auslie­ferte. Im Gegen­zug lockte uner­hörter Lohn: mate­rielle Reich­tümer, nie gesehene Schön­heiten der Natur, die Begegnung mit mensch­lichen Gemein­schaften und ihren Errungen­schaften. Doch die tiefste Befrie­digung versprach viel­leicht die Erfahrung, tödliche Gefahren und Ängste bewältigt zu haben, gemeinsam in einer verschwo­renen Gemein­schaft oder auch auf sich allein gestellt.

Francis Drake: Karte von Cartagena (Kolumbien) (1585)© Library of Congress,
Washington, D. C.;

Rein technisch betrachtet, ist dieses Buch eine Fleiß­arbeit, die größte Anerken­nung verdient. Denn der Heraus­geber, Huw Lewis-Jones (Enkel eines Royal-Navy-Com­manders), muss unzählige Archive durch­forstet und einen gewal­tigen digitalen Zettel­kasten akribisch verwaltet haben, aus dem er das Material für »The Sea Journal – Seafarers’ Sketch­books« auswählte. Es umfasst haupt­sächlich Hand­schrift­liches und Hand­gezeich­netes bzw. Hand­gemaltes, das an Bord der Schiffe unter dem frischen Eindruck des soeben Ent­deckten geschaf­fen wurde. Wenn alles gut ging und die Logbücher nicht etwa mit ihren Schiffen unter­gingen, wurden die Skizzen später an Land oft mit Hingabe verfei­nert und zu wert­vollen Produkten ausge­arbeitet, zum Beispiel zu höchst geheimen Marine­karten, aufwändig kolo­rierten Drucken und impo­santen Gemälden aus Meister­hand.

William Bligh: »Kanu von Whytootackee« (1791)© State Library of New
South Wales, Sydney

Das Buch ist mit 304 dicht bedruckten Seiten und fest kartoniertem Umschlag ein Schwer­gewicht (knapp 1400 Gramm), für das man sich ein gemüt­liches Plätzchen zum Schmökern suchen wird. Der Akzent liegt dabei auf dem Schauen. 450 farbige Abbil­dungen zeigen See- und Land­karten, geolo­gische und meteoro­logische Forma­tionen, Fische und Meeres­säuger, Vögel, Getier und Pflanzen aller Art, mensch­liche Porträts, Physio­gnomie und Trachten, und natürlich Ansichten von Schiffen aus allen Perspek­tiven.

Sigismund Bacstrom: Spanisches Fort in Santa Cruz de Nuca (1793)© Western Americana Collection,
Beinecke Rare Book and Manuscript
Library, Yale University, New Haven

Viele Seeleute zeichneten aus wissenschaftlichem Ehrgeiz, andere, um Lange­weile an Bord zu vertrei­ben, wieder andere, um nach Schlach­ten oder Stürmen ihre Nerven zu beruhigen. Nicht zuletzt ließ die künst­lerische Betäti­gung auf ein späteres finan­zielles Zubrot an Land hoffen, denn exotische Ansichten und Kurio­sitäten fanden auf Jahr­märkten, auf Bilder­bögen oder in Zeit­schriften ein zahlungs­williges Publikum. Motiva­tion und ange­peiltes Publikum beein­flussten, welche Gegen­stände wie darge­stellt wurden, und etwas Flunkern konnte sich lohnen. Am vorherr­schend­sten scheint jedoch das Bemühen um getreu­liche, ja akri­bische Abbildung, um zu publi­zieren, wie viel­fältig und erstaun­lich die Schöpfung ist. Und aus vielen spricht einfach nur die Freude am Verar­beiten des persön­lich Erlebten – sie ist es viel­leicht, die man beim Betrach­ten am liebsten verspürt.

Frank Hurley: Titelblatt des Tagebuchs seiner Antarktis-Reise mit der »Discovery« (1930)© National Library of
Australia, Canberra

Die Werke stammen von 61 Seefahrern (darunter sechs Frauen), die zwischen dem vier­zehnten und dem zwan­zigsten Jahr­hundert die Meere querten. Es sind ganz über­wiegend Briten, aber auch andere große maritime Nationen wie Frank­reich, die Nieder­lande, Portugal, Italien, China, Japan und die USA sind reprä­sentiert. Huw Lewis-Jones stellt sie in alpha­beti­scher (nicht etwa chronolo­gischer) Reihen­folge vor und charak­terisiert sie kurz mit ihren beson­deren Eigen­schaften und Leis­tungen (Über­setzung: Nina Goldt und Annika Klapper), worauf eine oder mehrere Bild­seiten folgen. Die Auswahl befremdet erst einmal: Beispiels­weise fehlen die A-Promis Magellan oder James Cook, wohin­gegen eine ganze Reihe nie gehörter Namen präsen­tiert sind. Das erklärt sich aber durch die Tatsache, dass hier die Fertiger der Abbil­dungen gelistet sind und dies keines­wegs immer die berühmten Kapitäne oder Expe­ditions­leiter waren. Zwar gehörte Zeichnen lange Zeit zur Offi­ziersaus­bildung, doch oft wurden begabte Mann­schafts­mit­glieder mit der Aufgabe kompe­tenter Dokumen­tation betraut oder extra dafür geschulte Fachleute an Bord genommen.

Owen Stanley: »Flaute nahe des Äquators – ab ins Wasser« (1848)© Mitchell Library, State Library
of New South Wales, Sydney

Die vielfältigen optischen Eindrücke werden durch sehr persön­liche Essays von acht außer­gewöhn­lichen meeres­affinen Zeitge­nossen berei­chert. Roz Savage etwa durch­querte die Ozeane allein im Ruderboot, der deutsche Polar­forscher Arved Fuchs erreichte zu Fuß den Nordpol. Ob auf hoher See oder in Eis­wüsten, die Autoren haben ganz ähnlich den Logbuch-Künstlern ihre Ein­drücke, Stim­mungen, Erfah­rungen und Betrach­tungen zum Leben unter extremen Umständen ins Tablet getippt.

Man kann nur bewundern, mit welcher Gewissen­haftig­keit die Seeleute in allen Jahr­hunder­ten unter oft schwer­sten Bedin­gungen zu Werke gingen. Aus ihren Arbeiten spricht so vieles: Neugier und Respekt, Mut und Können, Offenheit und Toleranz, Engage­ment und Ver­ständnis, Sinn für Maß und Schönheit. Wer dieses Buch auf­schlägt, wird schon selber Begeis­terung für die See mit­bringen; wer darin ein­taucht, wird seiner Liebe für das Meer neue Nahrung geben.


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