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Rezension zu »Hoffnung ist Gift« von Iain Levison

Hoffnung ist Gift

von


Krimi · Deuticke · · Gebunden · 256 S. · ISBN 9783552061941
Sprache: de · Herkunft: us

Das ist er – nicht!

Rezension vom 17.09.2012 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Der Autor des Krimis "Hoffnung ist Gift" hat das Buch dem Handwerker Richard Ricci gewidmet. Der hatte 2002 im Hause Smart einen Job übernommen, als die vierzehnjährige Tochter Elizabeth Smart entführt wurde. Der Verdacht konzentrierte sich von Anfang bis zum Ende auf Ricci. Während seiner Haft starb Ricci unter dubiosen Umständen, so dass er Elizabeths Befreiung im Jahre 2003 nicht mehr erleben konnte. Während sich die Medien auf das Mädchen stürzten und seine glückliche Befreiung feierten, vergaßen sie Riccis Tod und nahmen ihre reißerische Vorverurteilung des Unschuldigen niemals zurück. Der Staat Utah hat der Witwe Angela Ricci das Leben ihres Mannes mit 150.000 Dollar abgerechnet.

Der Roman des 1963 in Schottland geborenen Autors Iain Levison, der seit 1974 in den USA lebt, erzählt jedoch nicht Riccis, sondern eine eigene Geschichte.

Jeff Sutton, der Protagonist und Ich-Erzähler, ist ein gutmütiger und gutgläubiger Taxifahrer von 36 Jahren, der auf schnell verdientes Geld hofft. Eine Nachtfahrt vom International Airport Dallas/Fort Worth in das Villenviertel Westboro bringt ihm 85 Dollar. Doch sein Fahrgast hat kein Wechselgeld. Die hübsche Dame bittet ihn für einen Moment ins Haus. Er nutzt die Chance für einen Gang zur Toilette und schaut sich, während die Dame im Obergeschoss lautstark telefoniert, im Hause um. Hätte er doch bloß nicht den Fensterrahmen berührt! Aber er war zu neugierig – schließlich war er, bevor er elf Jahre zuvor die Taxifahrerlizenz erhielt, Fenstermonteur gewesen. Der hinterlassene Fingerabdruck wird ihn sein Leben lang verfolgen.

Zwei Tage später stehen zwei Polizisten vor Jeffs Tür, um ihn zu verhaften. Er ist sich keiner Schuld bewusst – oder kosten ihn vielleicht die zwei mit Alkohol zugedröhnten Studentinnen, die er umsonst befördert hat und die ihm zum Dank das Auto vollgekotzt haben, jetzt den Job? Dabei hat er doch den ganzen ekligen Mist pingelig beseitigt und das Auto mit einem Dampfstrahler gereinigt. Was also könnte die Staatsgewalt gegen ihn in der Hand haben?

"Das ist er!" Für die Polizisten ist alles klar, für Jeff noch immer nicht. Nackt ausziehen, seinen Allerwertesten zur Einsicht präsentieren, einen orangefarbenen Overall anziehen, Hand- und Fußfesseln anlegen – erst dann erfährt Jeff das Unfassbare: Er habe die zehnjährige Tochter der blonden Frau aus Westboro gekidnappt, vergewaltigt und getötet. Obwohl unschuldig wie das Jesuskind, ist ihm der Stempel der Schuld schon tief eingebrannt.

Welch ein Albtraum! Unter Mordanklage inhaftiert, und dann noch in Texas, dem Staat, in dem die Todesstrafe noch vollzogen wird. Gibt es einen Weg zurück in die Freiheit? Steinig ist der Pfad, denn niemand hat wirklich Interesse daran, den einfachen Mann herauszuboxen. Für die Polizei stellt sich nicht die Frage, allen Alibis nachzugehen, denn der Fingerabdruck und die windigen Zeugenaussagen zweier Knastbrüder reichen ihnen allemal. Der Pflichtverteidiger, selber Vater einer zwölfjährigen Tochter, ist nicht sonderlich erpicht darauf, Jeff, den er für ein Monster hält, mit Engagement zu verteidigen, und der oberste Richter und die Geschworenen möchten den Fall auch schnell abschließen. Aber ein Wunder geschieht ...

Auch bei uns in Europa gibt es Justizirrtümer, doch zumindest richten wir niemanden hin. In den Todestrakten der USA und anderer Staaten sitzen unschuldige Menschen jahrelang. Viele durchleben – wie Jeff – eine innere Wandlung und verlieren ihr Ego bis zur völligen Selbstaufgabe. Wenn man keinen Ärger will, passt man sich am besten jeder Situation an, so erniedrigend sie auch sein mag. Man wird apathisch. Jeff sagt: "Mein Aufenthalt an diesem Ort beraubt mich meiner Menschlichkeit und meiner Emotionen." Im schlimmsten Fall glaubt man, tatsächlich schuldig zu sein, ja sehnt sich sogar nach der Exekution.

Geradezu ekelerregend ist das Geschäft mit Schadenersatzklagen über Millionen Dollar, das mit solchen Entwicklungen einhergehen kann, wenn Anwälte Erfolgsaussichten wittern. Schon während des Prozesses sitzen die Geldhaie der Anwaltsbüros im Publikum. Im Fall Sutton wissen sie schon längst, dass Jeff unschuldig ist, aber erst nach einem rechtsgültigen Schuldspruch ist er für sie richtig Gold wert. Der Mensch, der inzwischen seelisch zerstört, dessen Existenz mittlerweile ausradiert ist, zählt dabei gar nicht.

Ian Levinsons "Hoffnung ist Gift" wurde von Walter Goidinger aus dem Englischen übersetzt und ist 2012 bei Deuticke erschienen. Gerne hätte ich hier, wie üblich, allen Interessierten den Link zum englischsprachigen Original ("The Cab Driver") angeboten, doch eigenartig: Die ist noch gar nicht erschienen! Nun, vielleicht bevorzugen Sie ja ohnehin die französische Version: Arrêtez-moi là! ...


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