Rezension zu »Archipel« von Inger-Maria Mahlke

Archipel

von


Hoffnungsvoll beginnt das zwanzigste Jahrhundert für den jungen Julio aus Teneriffa. Aber es bringt dem Land die Franco-Diktatur, Schmerz, Enttäuschungen und Wunden. Vom heutigen Zustand seiner Familie aus erzählt Inger-Maria Mahlke deren Geschichte rückwärts bis zu seinem Aufbruch.
Belletristik · Rowohlt · · 432 S. · ISBN 9783498042240
Sprache: de · Herkunft: de

Die Wunden des spanischen Jahrhunderts

Rezension vom 27.02.2019 · 12 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Mit einem mitternächtlichen Hoch »Auf die Zukunft!« endet Inger-Maria Mahlkes außer­gewöhn­licher Roman »Archipel«. Die reiche Oberschicht der Insel Teneriffa begrüßt in der Villa des Tomaten- und Bananen­händlers Theobaldo Moore das neue Jahr 1920 mit einem Feuerwerk über Santa Cruz. Über vierhundert Seiten früher und fast ein Jahrhundert später hat die Handlung im Jahr 2015 ihren Anfang genommen.

Wenn der letzte Satz Sie ein wenig verwirrt haben sollte, so wird das Buch es erst recht tun. Denn sein Konzept ist ungewohnt, seine Erzählweise eigenwillig, sein Stil bisweilen sperrig: Der Leser ist gefordert, gerade am Anfang, wo er sich an die schier endlosen Beschrei­bungen winziger, vermeint­lich neben­sächli­cher Vorgänge und Gegenstände gewöhnen und aus den wenigen kleinen Ereignissen eine Handlung erschließen muss.

Den Plot verfolgen wir im Rückwärtsgang. Zu Beginn des Romans ist bereits alles, was erzählt werden soll, geschehen und unab­änder­lich. Unsere Augen und unsere Erwartungen sind gewohn­heits­mäßig nach vorne gerichtet, doch die Erzählung saugt uns rückwärts. Wenn wir uns auf einmal gewisser­maßen grundlos zu Boden gestürzt finden, können wir die Ursache dafür erst später erfahren. Überdies ist der Plot stark verästelt, was die Orientie­rung weiter erschwert. Wie Archäologen suchen wir, von der Autorin unmerklich geleitet, in den vielen kleinen Episoden und Perspek­tiven nach Spuren für den Weg zu den Ursprüngen. Erst am Ende des Buches ergibt sich aus unendlich vielen Puzzle­stein­chen ein Gesamtbild.

Die einzige Figur, die uns in diesem komplexen Werk von der Gegenwart bis in die weit zurück liegenden Anfänge begleitet, ist Julio Baute. Geboren 1919 als Sohn eines Apothekers, darf er als Angehöriger der Mittel­schicht auf eine gute Zukunft hoffen. Doch der auf­stre­bende Faschismus und die Jahrzehnte über­dauernde Diktatur des Generals Francisco Franco bestimmen auch sein Leben und sorgen für Verluste und bleibende Narben, wie in der gesamten spanischen Gesell­schaft und auch der des abgelegenen Archipels.

Nach seiner Rückkehr aus Bürgerkrieg (in dem er seinen sechs Jahre älteren Bruder Jorge verlor) und Gefangen­schaft 1944 gründet Julio eine Familie. 1964 wird die Tochter Ana geboren. Sie heiratet Felipe, den letzten Abkömmling des tinerfeni­schen Adelsge­schlechts der Bernadotte. Ihre Tochter Rosa wird 1994 geboren. Weitere wichtige Charaktere stammen aus den Genera­tionen von armen Hausdienern, An­gestell­ten, Taglöhnern, wohl­haben­den Geschäfts­leuten, Militärs, Intel­lektuel­len und Akademikern, die bei und mit den Bernadottes zu tun haben. So können wir uns an Hand dreier repräsen­tativer und miteinander verbundener Familien – Bernadotte, Baute, Marrero – ein Bild zusammen­setzen, wie die spanische Politik ver­schie­dene Schichten der Insel­gesell­schaft in ihren sozialen Bedingungen und politischen Ein­stellun­gen zwischen Sozialismus und Falangismus beeinflusst hat.

Das Endergebnis der Entwicklung in unserer Gegenwart weist dunkle Farben auf und ist ein Scherben­haufen. Julios Tochter Ana ist zwar zur Staats­sekre­tärin auf­gestie­gen und betreut den Bereich Tourismus auf Teneriffa, doch sieht sie sich skandalösen Korrup­tionsvor­würfen ausgesetzt. Ihr Mann Felipe, ohnehin bereits frus­trierter Geschichts­profes­sor und »der letzte Konquis­tador« in einer Dynastie, deren Männer auch noch unter dem Genera­lissimo Franco führende Militär­posten innehatten, verliert gegen eine junge Konkur­rentin ein Projekt, mit dem er die Verbrechen seiner Familie unter der Diktatur aufklären wollte. Die gemeinsame Tochter Rosa hat ihr Studium (»was mit Kunst«) drangegeben und hofft nun auf Erleuchtung beim Großvater Julio, welcher seinerseits seit Jahren in einem Altenheim eine Bleibe und eine sinn- und verant­wortungs­volle Beschäf­tigung als Portier gefunden hat.

Was veranlasst eine deutsche Schriftstellerin, eine spanische Geschichte zu erzählen, noch dazu eine problema­tische, wo doch die Spanier selber ihre faschis­tisch-diktato­rische Ver­gangen­heit kaum aufgear­beitet haben? Noch vier Jahrzehnte nach deren Ende findet man im ganzen Land Verehrer, unverän­derte Denkmäler und Huldigungen des Caudillo, aber auch offen gebliebene Wunden und Erinne­rungen an erlittene Schmerzen. Inger-Maria Mahlke ist auf Teneriffa auf­gewach­sen und hat das eigenartige Weiterleben der unheil­vollen Epoche nach ihrem Erlöschen selbst erfahren, und es war ihr ein Anliegen, spürbar zu gestalten, wie es sich in das Wesen von Menschen aller Schichten eingegraben hat, wie unaus­gespro­chenes Leid, erduldetes Unrecht, vereitelte Lebens­entwürfe und verdrängte Taten viele Familien belasten. Die Autorin tut das nicht plakativ, sondern durch die Betrachtung der kleinen, un­auffälli­gen, fast verborgenen Details des Alltags dieser Menschen.

Obwohl der Roman im Grunde ein historisch-politisches Anliegen verfolgt, hält er sich bei diesen Themen dezent zurück, lässt jedenfalls keinerlei Bewertung durch­scheinen. Die Erzählung fokussiert sich auf das persönliche Empfinden der Charaktere, das Zeitgefühl, die alltäg­lichen Lebens­abläufe der Insel­bewoh­ner. Der Faschismus, die Besuche Francos auf der Insel, die Kriege und Militär­putsche, eine Grube in den Cañadas (»die waren vom Februar 37, alle mit Kopfschuss«): kaum näher erläutertes Rand­gesche­hen.

Mahlkes Sprache ist klar, aber der Duktus nicht leicht eingängig. Nicht enden wollende Wieder­holun­gen und Auf­zählun­gen, ausblei­bende Erklärungen und Orientie­rung gebende Wertungen, inhaltliche Lücken, zunächst rätselhafte Andeutungen und Bilder (»verdammter Rucksack unter ihrer Brust«, »die Katze ist weg«), dazu die Abwesenheit äußerer Handlung über Seiten hin und natürlich das reverse Struktur­prinzip von Folgen zu Ursachen machen den Text zu einer Abfolge scheinbar zufälliger Moment­aufnah­men. Der Leser wird nicht bedient, sondern zum Do-it-yourself aufge­fordert. Gewiss nicht zuletzt für diese literari­sche Innovation wurde »Archipel« mit dem Deutschen Buchpreis 2018 ausge­zeichnet.

Ein wenig Hilfestellung gibt uns die Autorin, indem sie jedes Kapitel und Unter­kapitel mit einer Jahreszahl versieht und dem Roman ein knappes Verzeichnis seiner Haupt­figu­ren mit Geburtsjahr und Ver­wandt­schafts­verhält­nissen voranstellt. Diese Stammbäume arbeitet sie dann gewisser­maßen in umgedrehter Richtung ab.

Wirklich gefallen hat mir »Archipel« erst in der Nachbereitung. Wer rasche Unter­haltung sucht, wird enttäuscht sein. Wer sich auf die Heraus­forde­rung einlässt, Konzen­tration aufbringt und ge­legent­lich ein wenig hin und her blättert, wird mit einer besonderen Art des Lesever­gnügens belohnt. Die Lektüre ist ja durchaus anschaulich (etwa die Beschrei­bungen der kargen vulkani­schen Landschaft, ihrer Flora und Fauna), teils amüsant (etwa Julios Abenteuer am Portal des Altenheims), teils bewegend (etwa die Käfige mit bunten Kanarien­vögeln zur Unter­haltung der Demenz­kranken). Und alles ist gleich bedeutsam: wie einer einen Becher Joghurt verzehrt, wie sich das Plastik einer quadra­tischen Kunst­stoff­tasche aus den Achtziger­jahren ablöst, wie Tochter Francisca ein­geklei­det wird, um dem Caudillo einen Blumen­strauß zu überreichen, wie Schuhe drücken, wie man Batterien für das Radio sucht. Was wird daraus werden – oder chrono­logisch korrekter: Was war damit früher einmal geschehen?


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