Rezension zu »Dieser weite Weg« von Isabel Allende

Dieser weite Weg

von


Auf dem Höhepunkt des spanischen Bürgerkriegs flieht ein junger Mediziner nach Frankreich, wo er die Schrecken eines inhumanen Flüchtlingslagers erleidet, dann nach Chile, bis ihn auch dort ein gewaltsamer Militärputsch einholt und er erneut ins Exil gehen muss. Erfüllte und nicht erfüllte Liebe begleitet ihn mit Hoffnungen, Enttäuschungen und Überraschungen durch die Jahrzehnte.
Belletristik · Suhrkamp · · 382 S. · ISBN 9783518428801
Sprache: de · Herkunft: es

Die Liebe in Zeiten von Gewalt, Krieg, Flucht und Exil

Rezension vom 20.09.2019 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Isabel Allende ist ohne Zweifel eine herausragende Schriftstellerin, die ver­dienter­maßen weltweit Erfolge feiert. Seit ihrem Debüt »Das Geisterhaus« hat sie über zwanzig Werke verfasst, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Dass sich Themen und Stoffe darin wiederholen, tut ihrer Beliebtheit keinen Abbruch. Immer wieder hat sie spannende Dramen von Flucht- und Freiheits­bewegun­gen, von politischer Verfolgung und brutaler Unterdrü­ckung gestaltet und geschickt mit ergrei­fenden Schicksalen von Liebe und Leid verwoben, ohne je in die Nähe von Kitsch zu geraten.

All ihren Büchern gehen umfängliche, sorgfältige Recherchen voraus, doch zudem kann sie sich meist auf persönliche Erfahrungen und Quellen aus ihrem unglaublich prallen und wendungs­reichen Leben stützen. Als Tochter eines chileni­schen Diplomaten 1942 in Lima (Peru) geboren, lebte sie in Arabien, Europa, Nord- und Südamerika und arbeitete als poltisch und sozial engagierte Journa­listin für Zeit­schriften und das Fernsehen. Eine gravierende Wende, persönlich wie politisch, brachte das Jahr 1973, als Salvador Allende, ein Cousin ihres Vaters und seit 1970 Präsident Chiles, bei dem blutigen Putsch des Generals und späteren Diktators Augusto Pinochet ums Leben kam.

Auch Allendes aktueller Roman »Largo pétalo de mar«, den Svenja Becker ins Deutsche übersetzt hat, folgt dem bewährten Erfolgs­rezept – Liebes­dramen eingebettet in reale neuere Geschichte, engagierte Politik, fiktiona­lisierte authen­tische Biografien und auto­biogra­fische Bezüge –, und er ist ein erneuter Beleg ihrer unglaub­lichen Perfektion in Sprache, Charakter­zeich­nung und histori­scher Darstellung. Bescheiden merkt sie in ihrer Danksagung an, dieses Buch habe sich »von selbst geschrieben«, denn viele Menschen hätten ihr Inspi­ratio­nen und »Material im Überfluss« vorgegeben, das sie lediglich zu Papier zu bringen brauchte.

Was wir Leser hingegen erneut als literarische Leistung der Autorin anerkennen und schätzen, ist die dichte Formung ihres Romans, dessen Handlung unentwegt vorwärts fließt und dessen emotional packende, vielfach erschüt­ternde Szenen uns in Erinnerung bleiben werden.

Ein auktorialer Erzähler blickt zurück bis in die Dreißiger­jahre und berichtet chronolo­gisch, was sich damals und bis ins Jahr 1994 im Leben des (fiktionalen) Protago­nisten, des Mediziners Víctor Dalmau, und vieler weiterer Figuren ereignet hat: Sieg des Faschismus in Europa, Flucht nach Übersee, Leben im Exil, Putsch in Chile, erneute Flucht und Exil in Venezuela, schließlich kurze Rückkehr nach Spanien und Seelen­frieden in Chile. Für Über­raschung sorgen immer wieder die vielfäl­tigen, bisweilen kompli­zierten emotionalen Beziehungen, die hier nicht verraten werden sollen.

Der Protagonist hat ein reales Vorbild. Den spanischen Ingenieur Víctor Pey Casado (1915-2018) hat die Autorin Ende der Sieb­ziger­jahre in Venezuela kennen­gelernt, wo beide nach dem Pinochet-Putsch im Exil lebten, und sie hat seine Geschichte in engem Kontakt mit dem Hochbe­tagten gestaltet.

Dass Flüchtende oftmals auf heftige Ressentiments treffen und abgewiesen oder in Lagern isoliert werden, ist nicht erst ein Phänomen unserer Tage. Je unaus­weichli­cher sich im Verlauf des Jahres 1938 der Sieg der Nationa­listen unter General Franco abzeichnet, desto stärker schwillt der Flücht­lings­strom nach Frankreich an. Auch Víctor Dalmau und seine Schicksals­genossen sind, nachdem sie im Bürgerkrieg unfassbar Grausames erlebt (wir lesen von entsetz­lichen Gräueltaten beider Seiten) und den gefähr­lichen Marsch über die Berge, oft von Schleppern geführt, überstanden haben, im Nachbarland Frankreich alles andere als willkommen. Ihnen schlagen rechte Vorurteile entgegen, sie seien vom Ausland finanzierte Rote, »Vergewal­tiger von Nonnen, Mörder, bewaffnete Banden, skrupellose Atheisten und Juden, die die Sicherheit des Landes gefährdeten«.

Als Ort des Schreckens erweist sich das Auffanglager im französi­schen Argelès-sur-Mer, wenige Kilometer hinter der Grenze, wo Tausende unter erbärm­lichsten Bedingungen einge­pfercht sind und viele an Hunger und Krankheiten sterben. In diesem Inferno hofft Victor Dalmau, der auf der Kranken­station als Arzt aushilft, etwas über den Verbleib seiner Mutter und der hoch­schwan­geren Verlobten seines in der Ebro­schlacht (November 1938) gefallenen Bruders zu erfahren.

Aber die spanischen Republikaner haben engagierte Sympathi­santen in Chile. Ins­beson­dere der junge, bereits hoch geachtete Dichter Pablo Neruda, der Spanien ebenso sehr liebt wie er den Faschismus hasst, kann den chileni­schen Präsidenten überzeugen, einige der Bürger­kriegs­flücht­linge aufzunehmen. Als Konzession an die Gegner dieser Maßnahme soll nur Asyl bekommen, wer charak­terlich einwandfrei, gut ausgebildet, kein Politiker, Journalist oder Intellek­tueller ist. Organi­sation und Finanzie­rung dieser Aktion bleiben Neruda überlassen. Wochenlang bemüht er sich um finanzielle Unter­stüt­zung im In- und Ausland und reist dann nach Paris, um Ausreise­kandi­daten auszuwählen.

Im Lager erfährt Víctor Dalmau von Nerudas Initiative. Um ein Visum zu erhalten, heiratet er pro forma seine Schwägerin, die er durch eine Schweizer Ärztin wieder­finden konnte und die in deren Geburts­klinik inzwischen einen Jungen entbunden hat. Nachdem Neruda den Passagier­dampfer »Winnipeg« gechartert hat, ist Víctor mit seiner neuen Familie unter den Glücklichen auf dem Weg ins übersee­ische Exil.

In Chile baut sich das pragmatische Ehepaar eine neue Existenz auf. Während seiner Frau, einer begabten Konzert­pianistin, das Einleben leicht fällt, wird Víctor von traumati­schen Albträumen verfolgt und leidet unter Heimweh. Wie bei Isabel Allende unum­gäng­lich, durchlebt die Familie die politischen Wirren in Chile bis zur Präsident­schaft und dem Sturz Salvador Allendes. Victor begleitet den charisma­tischen linken Hoff­nungs­träger auf seinen Wahl­kampf­reisen als Arzt und spielt zur Entspannung mit ihm Schach, aber seine Empfin­dungen ihm gegenüber sind ambivalent: »seine Maßanzüge, sein erlesener Geschmack, der sich in den Kunst­gegen­ständen zeigte, mit denen er sich umgab, … anfällig für Schmei­cheleien und für schöne Frauen« – ein Sozia­listen­führer mit bourgeoisen Gewohn­heiten.

Pablo Neruda, dem Literaturnobelpreisträger von 1971, erweist die Autorin ihre besondere Ehr­erbie­tung. Jedem der dreizehn Kapitel stellt sie Verse des Dichters voran. Neruda, der sich im politischen Kampf gegen den Faschismus und gegen das Pinochet-Regime engagierte, musste selbst um sein Leben fürchten und floh drei Mal nach Paris, wo er von seinen Freunden (darunter Pablo Picasso) aufgenommen wurde.

Neben Neruda, Salvador Allende und Víctor Pey Casado erzählt der Roman von einer weiteren histori­schen Persön­lich­keit ausführlich und würdigt ihre selbstlose Haltung und Verdienste: Die Schweizer Ärztin Elisabeth Eidenbenz eröffnete in der Nähe des Lagers Argelès-sur-Mer ein Ent­bindungs­heim, in der schwangere Frauen und unterer­nährte Kinder gesund gepflegt wurden. Auch jüdischen Müttern stand sie zur Seite, wofür sie die strengen Vor­schrif­ten der mit den Nazis kol­laborie­renden Vichy-Regierung missachtete und große Risiken für ihre eigene Sicherheit einging.


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