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Rezension zu »Der japanische Liebhaber« von Isabel Allende

Der japanische Liebhaber

von


Belletristik · Suhrkamp · · Gebunden · 336 S. · ISBN 9783518424964
Sprache: de · Herkunft: es

Die Liebe währet ewiglich

Rezension vom 23.11.2015 · 5 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Lark House ist kein tris­tes Al­ters­heim. Die Anlage ver­dient die Be­zeich­nung »Residenz« für Senio­ren in vol­lem Umfang. Alle Arbeit so­wie maß­ge­schnei­derte Ser­vice­leis­tun­gen – Reini­gung, Ver­pfle­gung, Fahr­dienste etc. – über­nehmen die hilf­reichen Hände des Haus­perso­nals. Bi­blio­thek, Spiel­saal, Schön­heits­salon, eine Werk­statt laden ein, Kurse bie­ten unter­halt­same Fort­bil­dung. Wer in der Lage dazu ist – kör­per­lich, geis­tig, fi­nan­ziell –, der kann sich hier am Stadt­rand von Ber­ke­ley an der San Fran­cis­co Bay auch in vor­gerück­tem Alter noch sei­nes Lebens er­freuen und sich rund­um ver­wirk­li­chen. Die meis­ten der 250 Be­woh­ner (Durch­schnitts­alter 85 Jahre) sind fit und ini­tia­tiv ge­nug, um ihre letzte, viel­leicht schön­s­te Le­bens­phase völlig unab­hän­gig zu ge­nie­ßen. Man­che tan­zen zur Som­mer­son­nen­wen­de bar­fuß im Wald und um­schlin­gen Mammut­baum­stämme, an­dere (»Alte für den Frie­den«) rücken regel­mäßig mit Rolla­to­ren, Roll­stühlen, Stöcken und Transpa­ren­ten vor der Polizei­wache an, um sich kämp­fe­risch gegen Krieg und Klima­erwär­mung zu empö­ren. Manch­mal zieht süß­li­cher Hasch-Geruch durch die Gänge wie einst im College ...

Das fidele Lark House, der gera­dezu humor­voll gezeich­nete Ort unbe­kümmer­ten Älter­wer­dens, bildet den äuße­ren Hand­lungs­rahmen für Isa­bel Allen­des neues­ten Roman »El amante japonés« Isabel Allende: »El amante japonés« bei Amazon , den Svenja Becker über­setzt hat. Hier trifft die drei­und­zwan­zig­jährige Aus­hilfs­kraft Irina Bazili aus Molda­wien die Pro­tago­nistin Alma Belas­co, 82.

Vor drei Jah­ren hat die Lady von ei­nem Tag auf den anderen ihre noble Villa nahe der Golden Gate Bridge verkauft, ih­ren Posten als Vorsit­zende der Belasco-Stif­tung ihrem einzigen Sohn Larry über­tragen und ein nüch­ternes Apart­ment in Lark House be­zogen. Hier gibt sich die alte Dame aristo­kra­tisch und hält Distanz zu den übri­gen Heim­bewoh­nern, de­nen sie sich of­fen­sicht­lich über­legen fühlt. Sie und ihre alte Katze Neko sind ein­ander genug. Ihr Lebens­wan­del gibt An­lass zu aller­hand Tratsch und Rät­sel­raten. Wäh­rend der Aus­flüge in ihrem »quietsch­grünen Smart« scheint sie die gül­tigen Verkehrs­re­geln auf ihre eigene Weise zu inter­pre­tieren, wie man aus der Zahl von Straf­zetteln, die in Lark House für sie ein­trudeln, schließt. Ab und zu ver­schwin­det sie gleich für ein paar Tage, ohne irgend­welche An­gaben dazu zu hinter­las­sen. Am selt­samsten frei­lich: Einmal in der Woche erhält sie ei­nen gelben Um­schlag und ein Kist­chen mit drei Garde­nien – beides ohne Ab­sender.

Als Mrs Be­lasco der noch etwas unbe­darft wir­ken­den Irina eine Stelle als Privat­sekre­tärin anbie­tet, kommt das einem Be­fehl gleich, denn Wider­worte hat Alma noch nie ge­dul­det. We­gen ihrer neuen An­ge­stellten be­sucht Lieb­lings­enkel Seth (32) seine Groß­mut­ter etwas regel­mäßiger als bis­her; er verliebt sich un­sterb­lich in Irina. Nach und nach erfah­ren die bei­den Almas Lebens-, Liebes- und Lei­dens­ge­schich­te, und diese bildet den Haupt­hand­lungs­strang des Romans.

Er setzt 1939 in Danzig ein, als die sieben­jährige Alma Men­del von ihren Eltern auf die lange Schiffs­reise nach Kali­for­nien ge­schickt wird. Dort soll sie bei ihren wohl­ha­ben­den und an­gese­henen Ver­wandten, der Fa­mi­lie Be­lasco, unter­kom­men. Ihre Haus­lehre­rin be­glei­tet sie, dennoch über­win­det das Kind die Tren­nung nie. Tage und Nächte weint sie, ver­steckt in ihrem Klei­der­schrank. Einzig Cou­sin Natha­niel, 14, »bleich, dünn und lang wie ein Reiher«, findet Zu­gang zu dem intro­vertier­ten Mädchen und wird ihr vertrau­ter Freund. Die El­tern über­leben den Holo­caust nicht.

Ein japani­scher Gärt­ner, Takao Fukuda, pflegt die Park­anlage der Belascos in San Fran­cisco. Er bringt seinen zier­lichen, aber kräf­ti­gen Sohn Ichimei mit, da­mit er ihm zur Hand geht. Der gleich­altrige Junge wird zu Almas ti­tel­ge­ben­dem »japa­ni­schen Lieb­ha­ber«. Aber erst einmal ver­hin­dert der Kriegs­ver­lauf, dass die beiden ihre Kin­der­liebe­lei aus­leben dürfen. Nach dem japa­ni­schen An­griff auf Pearl Harbor (im De­zem­ber 1941) werden über hun­dert­tau­send japa­nisch­stäm­mige Ein­wan­derer, zwei Drittel davon US-Staats­bür­ger, unter pau­scha­lem Spio­na­ge­ver­dacht von der West­küs­te in »War Re­loca­tion Centers« im Landes­inne­ren inter­niert, dar­un­ter auch die Familie Fu­kuda. Alma und Ichi­mei verspre­chen ein­ander, re­gel­mäßig zu schrei­ben, doch wie­der­sehen wer­den sie sich erst viele Jahre spä­ter.

Ihre Liebe ent­brennt er­neut, nun voller er­wach­sener Lei­den­schaft, als die bei­den 1955 zu­fällig auf­ein­an­der­treffen. Die Stim­mung im Land zwingt sie, ihre Be­zie­hung ver­bor­gen zu halten. Als Alma schwanger wird, muss sie eine schwere Ent­schei­dung tref­fen.

Obwohl die po­litischen Um­stände, Ichimeis Per­sön­lich­keit und Almas eige­ne durch­wach­sene Charak­ter­eigen­schaf­ten dazu führen, dass die bei­den keine Ehe mit­ein­ander ein­ge­hen, be­steht ihre Liebe weiter, »be­schützt vor den Ab­nut­zun­gen durch die Welt und un­be­scha­det für den Rest unse­res Le­bens und über den Tod hinaus« ...

Man ahnt es schon: Da hat die routi­nierte, er­folgs­ver­wöhnte Best­sel­ler­autorin Isabel Allende sämt­liche be­währ­ten Früchte in ihren Stand­mixer ge­schnip­selt und daraus ein süßes Smoothie an­ge­rührt. Zu den hier an­ge­deute­ten Sorten – von Glück und Un­glück in der Liebe über die schar­fen Sa­chen (Holo­caust, In­ter­nie­rungs­lager, Rassis­mus) bis zu hüb­scher Deko (Blüten des Senio­ren­da­seins) – würzt noch ein ganzer Korb weite­ren Obstes den Cock­tail: Aids, De­menz, Ho­mo­sexua­lität, In­zest, Kin­des­miss­brauch und -porno­grafie, Pro­stitu­tion ver­sklav­ter ost­euro­päi­scher Frauen, Sterbe­hilfe ... Da tropft viel Kitsch, Kli­schee und Schmalz aus den Seiten (»Ichi­mei habe es ver­dient, dass man ihn be­din­gungs­los liebte, er sei ein wun­der­barer Mann, ein Weiser, ein Hei­li­ger, eine reine Seele, ein ein­fühl­samer und zärt­li­cher Lieb­ha­ber, in seinen Armen sei sie glück­lich, spru­delte es aus ihr her­aus, und sie musste sich schnäu­zen, um nicht in Tränen aus­zu­brechen und um einen Rest Haltung zu be­wah­ren.«). Wem vom Über­maß an Zu­cker nicht die Zähne schmer­zen (»Manch­mal tut die Liebe weh.«), der wird sich an Isabel Allen­des roman­ti­scher Ge­schichte er­freuen, denn sie fesselt von An­fang bis Ende und ist wie im­mer leben­dig, detail­liert und flüssig er­zählt.


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