Rezension zu »Ein unvergänglicher Sommer« von Isabel Allende

Ein unvergänglicher Sommer

von


Drei Menschen treffen in New York aufeinander, wo sie ihre problematischen südamerikanischen Vergangenheiten verarbeiten und ein neues Leben beginnen möchten. Dazu müssen allerdings gewichtige Schwierigkeiten überwunden, Traumata, Hemmungen und eine Leiche beseitigt werden.
Belletristik · Suhrkamp · · 350 S. · ISBN 9783518428306
Sprache: de · Herkunft: es

Neuanfänge

Rezension vom 03.10.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Spannung, hintergründiger Ernst, zarter Witz, Einfühl­samkeit und Charme halten den Leser dieses neuen Romans von Anfang bis zum Ende gefangen. Im Zentrum des Plots stehen drei schicksals­beladene Personen, die der Zufall in New York zusammen­führt. Die Fiktion ihrer gefähr­lichen Fluchtwege verwebt die Autorin in Rückblenden mit den histori­schen Zuständen und Entwick­lungen im zwanzig­sten Jahrhun­dert in Latein­amerika, wo politische Regimes, Militärs sowie mächtige Drogengangs unfassbare Gräuel­taten begingen und vielen Menschen den Tod brachten. Emigration ist ein verzwei­felter Versuch, zu einem selbstbe­stimm­ten Leben zu finden und, oft genug, seine nackte Haut zu retten. Die drei fiktio­nalen Protago­nisten gehören zu den wenigen Glück­lichen, die das Land der Freiheit erreichen und ein neues Leben beginnen konnten.

Eine banaler Auffahrunfall im tief verschneiten New York führt die Haupt­figuren zusammen. Der sechzig­jährige Universitäts­profes­sor Richard Bowmaster verliert auf dem Weg zum Tierarzt im Schnee­gestö­ber die Kontrolle über sein Auto und prallt auf den Wagen vor ihm. Die Sache, glaubt er, sei schnell geregelt, indem er der Geschädig­ten Versiche­rungs­karte und Adresse zusteckt. Die kleine junge Frau ist völlig verschreckt und spricht keine Silbe.

Richard wähnt alles abgehakt, als die Fremde wenig später vor seiner Tür steht und sein wohl­geord­netes Leben schlagartig verändern wird. In seiner Hilflosigkeit angesichts der unerwarteten Besucherin ruft er seine Mieterin und Arbeits­kollegin, die Chilenin Lucía Maraz (62) herbei. Die beiden entlocken der Besucherin (namens Evelyn) eine unfass­bare Geschichte. Sie hat eine Flucht­odyssee aus Guatemala hinter sich, während der sie all ihre Papiere verloren hat. In New York hält sie sich als illegale Arbeits­kraft über Wasser, in ständiger Furcht, von der Polizei fest­genom­men zu werden. Für einen Hunger­lohn betreut sie den hilfs­bedürf­tigen, kranken Jungen eines vermögen­den Ehepaars mit undurch­sichti­gem Hintergrund. Als der Unfall geschah, war sie ohne Erlaub­nis ihrer Arbeit­geber mit deren Auto unterwegs und ahnte nicht, dass im Kofferraum, eingerollt in einen Teppich, eine Frauen­leiche lag. Wenn die Sache ans Licht käme, wer würde einer Illegalen jemals glauben, dass sie absolut nichts mit der Toten zu tun hat? So hecken die drei unter Feder­führung des peniblen Richard einen Plan aus, wie man Evelyn helfen und sich der Leiche am besten entledigen kann, ohne Spuren zu hinter­lassen.

Während des mehrtägigen, an Abenteuern reichen Roadtrips zu einem abgelegenen See wechseln sich die Erzählungen der einzelnen Figuren ab, und wir erfahren von ihrem vergangenen und jetzigen Leben. Evelyn konnte ihrer Heimat Guatemala entkommen, ehe die marodie­renden Banden sie, wie so viele andere indigene Einwohner, ermorden konnten. Ihr Erzähl­strang – die Massaker an der indiani­schen Bevölkerung, ihr gefähr­licher Fluchtweg, ihre Ankunft in den USA, das illegale Arbeits­verhält­nis bei einem mit allen Wassern gewaschenen, gewalt­tätigen Arbeitgeber – ist der er­greifend­ste dieses Romans. In der Biografie der energischen Lucía kann man Parallelen zu der der Autorin entdecken. Beide entflohen dem Pinochet-Regime und recher­chieren als investi­gative Journalis­tinnen den Verbrechen der Junta nach.

Richard Bowmasters Vita ist gewissermaßen ein Kontrast­programm. Als junger Mann hat er im quirligen Rio de Janeiro gelebt und in der jungen Tanz­lehre­rin Anita die Liebe seines Lebens gefunden. Die beiden heiraten, doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihnen. Nach etlichen schweren Schicksals­schlägen wird Anita seelisch schwer krank, bis Richard sie nicht mehr erreichen kann. Er betäubt seine Verzweif­lung mit Alkohol und Drogen. In seinen unglück­lichs­ten Stunden verhilft ihm ein alter amerika­nischer Freund zu einer Pro­fessoren­stelle in New York, aber schon nach kurzer Zeit nimmt sich Anita dort das Leben.

Fortan führt Richard ein monotones Einsiedler­leben, diszipli­niert, emotionslos, von Schuld­gefüh­len bedrückt. Bis er Lucía Maraz begegnet. Die allen Konven­tionen spottende Gast-Dozentin aus Chile, die Richards unter­kühlte Souterrain­wohnung bezieht, empfindet vom ersten Moment an romantische Sympathien für ihn, doch Richard gibt sich unnahbar. Erst während der Reise taut das Eis, und das schneller, als es der Plausibi­lität gut tut. Die beiden Senioren purzeln Hals über Kopf in eine intensive, deftige Affäre, die manches Frauenherz dahin­schmel­zen lassen mag, aber dabei tropft auch reichlich Kitsch.

»Ein unvergänglicher Sommer« (»Más allá del invierno« Isabel Allende: »Más allá del invierno« bei Amazon, übersetzt von Svenja Becker) ist inhaltlich wahrlich proppenvoll. Zu den eigent­lichen Haupt­erzähl­strän­gen gesellen sich jede Menge Neben­hand­lungen, etwa die weitläu­figen Familien­geschich­ten von Figuren, die außerhalb der Kern­hand­lung stehen. Auch wenn die Lektüre zügig voran­schreitet, ohne dass jemals Lange­weile aufkäme, hätte der Verlags­lektor bei manchen Strängen getrost die Streichung erbitten können, denn sie wirken funktions­los und überflüssig und nehmen insbeson­dere den wichti­geren Themen – Unter­drückung, Flucht, Neuanfang, Ausbeutung der Illegalen – einen Teil der Zuwendung.

Allendes neuer Bestseller bietet den Lesern eine gut unterhaltende Mischung aus Spannung, Tragik, situativer Komik und einer Prise Mystik. Man verdirbt nieman­dem die Spannung und enthüllt keine unerwar­teten Geheimnisse, wenn man verrät, dass das Ende Hoffnung gibt: Das Gute siegt, die Liebe zählt.

Isabel Allende wurde 1942 in Lima, Peru, geboren. Seit 1966 lebte sie mit Ehemann und Tochter Paula in Santiago de Chile, wo sie als engagierte Journa­listin arbeitete. Ihr Vater ist ein Cousin von Salvador Allende (1908-1973), der 1970 Präsident von Chile wurde. Beim von den USA unter­stützten Militär­putsch 1973 nahm er sich das Leben. Augusto Pinochet riss die Macht an sich und errichtete eine grausame Diktatur. Seine gefürchtete Junta massa­krierte Tausende. Bis heute gibt es Listen unzähliger Opfer, die nie aufgefunden wurden (»Desapa­recidos«). Zwei Jahre nach dem Putsch ging Isabel Allende nach Venezuela ins Exil. Weltruhm erlangte sie als Autorin ausgezeich­neter Unter­haltungs­literatur. Mit ihrem ersten Roman »Das Geisterhaus« (1982) begeisterte sie Leser in der ganzen Welt, und jeder spätere Roman eroberte erneut die Bestseller­listen. Bei »Ein unvergänglicher Sommer« wird das nicht anders sein.


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