Rezension zu »Fünf Winter« von James Kestrel

Fünf Winter

von


Auf Hawaii metzelt ein Unbekannter seine Opfer mit einem Messer aus dem 1. Weltkrieg grausam dahin. Detective Joe McGrady folgt seiner Spur um die halbe Welt, doch die Entwicklungen nach dem japanischen Überraschungsangriff auf Pearl Harbor kommen ihm in die Quere.
Thriller · Suhrkamp · · 499 S. · ISBN 9783518473177
Sprache: de · Herkunft: us

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Mörder und Kriegsfeind

Rezension vom 12.06.2023 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Niemand kann ahnen, dass wenige Tage später etwas Welt­bewe­gendes geschehen wird. Das aber ist der Clou, der den Plot dieses Thrillers zündet und voran­treibt. Seine Handlung beginnt Ende November 1941, als Detective Joe McGrady zu einer Farm auf dem jen­seitigen Teil der hawaiia­nischen Haupt­insel O’ahu beordert wird. Eine neue Mord­ermitt­lung passt ihm grade gar nicht in den Kram, denn den nächsten Tag – Thanks­giving – will er mit seiner Freundin Molly ver­bringen.

Das kann er wohl vergessen. Im Geräte­schuppen von Reginald Faithful bietet sich ihm das grausige Bild einer irr­sinni­gen Metzelei. Ein Toter »hing kopfüber von den Dach­balken herab … er war mehr oder weniger in zwei Teile aufge­rissen, der größte Teil seiner Innereien hing auf den Lehmboden herab … von seinem Gesicht ist nicht viel übrig«. Ehe die erste Inaugen­schein­nahme abge­schlos­sen ist, kommt ein Packard-Zwei­sitzer vorge­fahren, am Steuer ein Mann von dunkler Gesichts­farbe, der offen­sichtlich mit Hilfe eines Zwanzig-Liter-Benzin­kanisters die Hütte abfackeln will und jetzt erst einmal mit seinem schweren Revolver McGrady aufs Korn nimmt. Aber am Ende eines heftigen Schuss­wechsels ist nicht der Polizist, sondern der Unbe­kannte ins Jenseits befördert.

Jetzt scheint der Fall erledigt, doch den Detective treibt sein Bauch­gefühl um, dass es hier mehr als einen Täter geben könnte. Jetzt erst fällt ihm eine Blutlache auf. Sie stammt von einer hübschen, etwa zwanzig Jahre alten Orien­talin (»Japse«), die auf einem Feldbett unter einer blutge­tränkten Bettdecke klebt. Die Hand­gelenke der Nackten sind hinter ihren gebeugten Knien gefesselt. Ihr Gesicht wurde mit einem Messer mal­trätiert – wie das des männ­lichen Toten. Im Koffer­raum des Packard finden sich Spuren beider Opfer, so dass man mutmaßt, sie seien gemeinsam zu dem Geräte­schuppen gebracht worden, um sie dort umzu­bringen.

Schnell kann man die mittler­weile drei Toten identi­fizieren. Admiral Kimmel, Ober­befehls­haber der auf Hawaii statio­nierten US-Pazifik­flotte, erkennt in dem jüngeren Toten seinen einund­zwanzig Jahre alten Neffen Henry K. Willard wieder, der seit drei Tagen vermisst wird. Ob er in irgend­einer Beziehung zu der ermor­deten Japanerin stand, ist dem Admiral nicht bekannt. Der Packard-Fahrer, zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt, könnte ein Deutscher gewesen sein, der die vermutete, recht spezielle Tatwaffe – ein »Graben­dolch« – aus den Schützen­gräben des Ersten Welt­kriegs mitge­bracht haben kann und damals durch ameri­kani­sche Munition verwundet worden war.

Ganz neue Dimensionen nimmt der Fall an, als ein Soldat der US-Marine ebenfalls mit einem Graben­dolch brutal getötet wird – drei­tausend­sieben­hundert Kilometer westlich von O’ahu, wo die Navy seit Jahres­beginn auf dem winzigen Wake-Atoll eine Militär­basis aufbaut. Jetzt muss man damit rechnen, dass ein Serien­mörder sein Unwesen treibt. (Tatsäch­lich ist das nicht das letzte Messer-Massaker.) Ange­sichts der sich kom­plizie­renden Ermitt­lungen stellt McGradys Vorge­setzter beim Honolulu Police Depart­ment, J.H. Beamer, ihm einen Co-Ermittler zur Seite, den Detective Fred Ball. Erfreut ist McGrady keines­wegs über die Beiord­nung. Sie hat wohl eher mit dem etwas ange­spann­ten Verhältnis zwischen ihm und seinem Chef zu tun. Beide haben in der Army gedient, beide sind als Captain aus­geschie­den, aber bei der Polizei wurde Beamer höher einge­stuft.

Bald hat man den Verdacht, dass der Dolch-Mörder auf dem Weg nach Asien sein könnte, und McGrady soll ihm in geheimer Mission als Zivilist folgen. Nach einem letzten Besuch bei Molly nimmt für McGrady eine fernöst­liche Odyssee ihren Lauf – während niemand weiß, dass die japa­nische Flotte klamm­heim­lich in der Gegen­richtung unter­wegs ist, um den Navy-Stütz­punkt Pearl Harbor zu vernich­ten.

Damit vermischen sich die Mord­ermitt­lungen mit den im Dezember 1941 rasant fort­schrei­tenden militäri­schen und politi­schen Ereig­nissen, die den Krieg buch­stäblich um die Welt tragen. Als McGrady in Hongkong landet, haben die Japaner die vormals britische Kron­kolonie soeben erobert, er wird inhaf­tiert, eines Kapital­verbre­chens beschul­digt und muss die Todes­strafe fürchten, ohne dass sich ihm die Umstände, die dazu geführt haben, erschlie­ßen. Und zusätz­lich gerät er unter den plötzlich ver­schärf­ten Umständen natürlich in Verdacht, als Spion im Auftrag der Verei­nigten Staaten unterwegs zu sein. Wie der Titel des Buches verrät, ist er nun für längere Zeit in Beschlag genommen.

McGradys nächste Station ist ein Lager in Japan. Dessen Komman­dant weiß über den Neuan­kömm­ling und seine Mord­ermitt­lungen nicht nur bestens Bescheid, sondern hat zu­fälliger­weise sogar ein persön­liches Interesse daran, dass sein Gefan­gener seine polizei­liche Arbeit erfolg­reich zu Ende führt. McGrady bringt das aller­dings keines­wegs die Freiheit wieder, sondern nur eine neue Art Gefängnis, versüßt durch bezau­bernde Liebes­bande. Erst viel später wird er heraus­finden, dass derweil von den Start­rampen in Hawaii Hunderte schwer beladene Bomber gen Japan abheben und die ver­heerend­sten Luftan­griffe des Zweiten Welt­krieges ausführen werden.

Als unser Protagonist nach Kriegs­ende schließ­lich nach Hause zurück­kehrt, ist er zwar unver­sehrt, doch in Honolulu ist für ihn beruflich und persön­lich nichts mehr, wie es einst war. Aber das Geheimnis der Messer­morde lässt ihn nicht ruhen.

James Kestrels Roman ist ein wahrlich weit aus­greifen­des Epos vor dem Hinter­grund eines epochalen histori­schen Umbruchs. Gekonnt spielt der Autor auf mehreren Genre-Klavia­turen, was für eine ab­wechs­lungs­reiche Lektüre sorgt – es geht um Mord, Spionage, Politik und Krieg, ein bisschen Splatter, eine etwas zu große Portion Romantik. Da Kestrel seinem Hand­lungs­faden präzise und in regel­mäßigem Takt folgt, behalten wir den ziemlich umfäng­lichen Plot ganz gut im Blick, obgleich die Vielzahl der Figuren und ihr politisch bedingtes Verwirrspiel untereinander auch uns erheblich fordert. Kestrels Sprach­stil ist eingängig und unge­künstelt, die Dialoge sind kompakt.

Interessant, dass die Span­nungs­kurve auf ihrem Höhepunkt beginnt, denn die Anfangs­szenen um die blut­rünstigen Morde setzen kaum zu über­bieten­de Pauken­schläge. Bis zur Auflösung dieser initialen Ver­brechen, die Ermitt­lung der Täter­schaft und der Motive muss unser eifriger Held auf eigene Faust recher­chieren, der Graben­dolch kommt wieder zum Einsatz, und wir müssen viele Seiten lesen, doch dank ständig neuer Wendungen ist das ein kurz­weiliges Vergnügen. Erst zum Schluss schlägt die Span­nungs­kurve hin­sicht­lich des Krimi­nalfalls noch einmal nach oben aus und belohnt uns für unsere aus­dauernde Konzen­tration mit einem stimmigen Abschluss.

James Kestrel – Pseudonym des 1977 geborenen Jonathan Moore, eines Anwalts mit bewegter Biografie – hat seit 2013 sieben Romane ver­öffent­licht, von denen drei mit renom­mierten Preisen geehrt wurden. In deutscher Über­setzung sind »Poison Artist« (2016, dt. »Poison Artist«, 2022) und »Five Decembers« (2021, dt. »Fünf Winter«, 2023) erschie­nen, beide von Stefan Lux übersetzt und bei Suhrkamp verlegt.


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