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Rezension zu »Mississippi Jam« von James Lee Burke

Mississippi Jam

von


Kriminalroman · Pendragon · · Taschenbuch · 576 S. · ISBN 9783865325273
Sprache: de · Herkunft: us

Das Boot im Fadenkreuz

Rezension vom 25.05.2016 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Dass nordamerikanische Küstengewässer ab 1942 Kriegsschauplätze gewesen sein sollen, mag man kaum glauben. Wie hätten deutsche Einheiten Tausende Kilo­meter entfernt von ihren euro­päischen Heimat­häfen in der Lage sein können, vor Neu­eng­land oder im Mün­dungs­delta des Missis­sippi ernste Schäden anzu­richten? Und doch drangen deutsche U-Boote bis dorthin vor und störten die Ver­sor­gungs­wege der Ameri­kaner zu ihren Truppen in Europa, indem sie Tank­schiffe und Frachter atta­ckier­ten. Erst im Sommer 2012 stießen Taucher vor der Insel Nan­tucket auf das Wrack von »U-550«, und elf Jahre zuvor war rund 70 Kilo­meter vor New Orleans in über tausend Meter Tiefe das Wrack von »U-166« ent­deckt worden.

Selbst der Hobbytaucher Dave Robicheaux, Protagonist und Ich-Erzähler des vor­lie­gen­den Krimis, hat während seiner College­zeit einmal ein solches Kriegs­schiff der un­heim­lichs­ten Art aufge­spürt. Die Existenz dieses U-Boots war kein großes Geheim­nis und schon gleich kein Mythos gewesen. Es war 1942 in Küsten­nähe versenkt und seither von den Strö­mun­gen bis hinaus an den Rand des Fest­land­sockels vor Louisiana ge­schwemmt worden. Dort erblickte Dave es per Zufall nur zwanzig Meter unter der Wasser­ober­fläche und erlebte mit, wie es über die Kante in dunkle Schlünde ab­rutschte.

Mit der packenden Schilderung dieser spekta­kulären Unter­wasser­aktion beginnt James Lee Burke seinen episch breit ange­legten Krimi­nal­roman »Dixie City Jam« James Lee Burke: »Dixie City Jam« bei Amazon , den Jürgen Bürger mit viel En­gage­ment hervor­ragend über­setzt hat. Der ge­spens­tische Fund ist der Zünder für ein kom­plexes Plot-Konstrukt, das mit dem kühnen Vorhaben, das seit in­zwi­schen vielen Jahren in unbe­kannten Tiefen ver­schwun­dene Wrack zu heben, richtig Fahrt auf­nimmt. Dabei stehen Schiff und Bergung aber nur im Hinter­grund der Handlung.

Das generelle Strickmuster für den Plot ist gar nicht so kom­pliziert, wie die Seiten­zahl be­fürch­ten lässt. Da gibt es zunächst ein be­gehrtes, aber schwer er­reich­bares und leicht an­rüchi­ges Gut, dessen Wert sich je nach Per­spek­tive unter­schied­lich defi­niert und bemisst – das ur­alte deutsche U-Boot. Darum reißen sich einige zwie­spältige Kandi­daten, einer un­sympa­thischer als der andere. Ihr Kon­kur­renz­kampf sorgt für Spannung und Action, wenn­gleich man keinem von ihnen Erfolg wünschen mag.

Dann gibt es einen Schwachen und Be­nach­teilig­ten, der unter die Räder kommt, während die Böse­wichte ihre Riva­litä­ten aus­fechten, und der Hilfe benötigt, um sich über Wasser zu halten.

Gut, dass es Dave, den Guten gibt. Der durchschaut alles und macht sich daran, die Dinge zu­recht­zu­rücken. Gegen das Böse setzt er sich zur Wehr, dem Hilf­losen hilft er. Ob er seine Auf­gaben schafft oder nicht, das ist die Frage, die uns bis zum Schluss in Span­nung hält.

Was diesen Roman von vielen anderen nach ähnlichem Schema abhebt und aus­zeichnet, ist vierer­lei: die wort­gewal­tige Erzähl­kunst des Autors und seines Über­setzers, die dichte Süd­staaten-Atmosphäre, die un­glaub­lich drasti­sche Milieu­zeich­nung und ein bisschen Nazi-Grusel.

Dave Robicheaux ist Polizist im New Iberia Parish Sheriff's Depart­ment. Mit seiner dunkel­häutigen Ehefrau Bootsie und Adoptiv­tochter Alafair (einem Flücht­lings­kind aus El Sal­vador) lebt er in einem Holz­haus im wasser­reichen Bayou. Ein Angel­laden mit Boots­verleih unten am Steg bringt der Familie ein kleines Zubrot. Den betreibt ein grund­ehr­licher und an­ständi­ger alter Ange­stellter, der Indianer Batist, der weder schreiben noch lesen kann und aber­gläu­bisch wie seine Ahnen ist. Mit ihm fährt Dave in seiner Frei­zeit zum Tauchen hinaus.

Könnte Batist jemals einen Menschen töten? Am Tatort eines Ritual­mordes findet man Indizien, die ihn schwer be­lasten, und so wird er verhaftet. Dahinter steckt aller­dings auch eine fiese Riva­lität zwischen Kolle­gen aus gemein­samen Dienst­zeiten in New Orleans. Der korrupte Nate Baxter sorgte seiner­zeit dafür, dass Dave, damals alkohol­ab­hängig, sus­pen­diert und in die Provinz nach New Iberia versetzt wurde.

Dave ist von Batists Unschuld überzeugt, und er weiß, dass der Alte die Hölle des Knasts nicht unver­sehrt über­stehen würde. Aber um seinen Ange­stell­ten in Freiheit zu behalten, muss er fünf­zig­tau­send Dollar Kaution auf­bringen. Sollte er also doch den Zehn­tau­send-Dollar-Job an­neh­men, den Hippo ihm kürzlich antrug?

Hippo Bimstine gehören fast alle Drugstores in New Orleans, dazu ein­schlä­gige Glücks­spiel­etablisse­ments, und seinen Reichtum sieht man dem Genuss­men­schen mit »Schwab­bel­backen« und »Stier­nacken« schon von weitem an. Jetzt treibt ihn ein geniales Projekt um. Er will das »U-Boot voller abge­soffe­ner Nazis«, von dem ihm Dave einst berichtet hatte, bergen und als makabre Casino-Attrak­tion aus­schlach­ten. Dave bräuchte es nur wieder für ihn zu orten.

Es versteht sich, dass an dem »Schrott aus dem Zweiten Welt­krieg« noch andere interessiert sind. Plötzlich tauchen bei Dave etliche weitere »Psycho-Mu­tanten« auf – obskure, skurrile, durch­ge­knallte, wahn­witzige Typen wie der dia­boli­sche Psycho­path und Neo-Nazi Will Buchalter, der kar­toffel­ge­sichtige irisch-stämmige Prolet Tommy Boba­louba Loni­ghan oder der Pseudo-Heils­bringer Reve­rend Oswald Flat.

Während »Brother Oswald« von seiner persönlichen Vergangen­heit getrieben wird, verfolgen Buchalter und Loni­ghan jeweils eigene mate­rielle Absichten mit dem Wrack. Gemeinsam haben sie nur die Ent­schlos­sen­heit, dass es keines­falls in die Hände des Juden Bimstine ge­langen darf. Mit unter­schied­lichen Metho­den rückt jeder Dave und seiner Familie auf den Leib, damit er ihm und nicht Hippo zeigt, wo das Schiff liegt.

Was bleibt Dave anderes, als an all diesen Fronten einen ungleichen Kampf aufzu­nehmen? Es geht um viel Geld, Gerech­tigkeit, Moral und das nackte Leben. An seiner Seite schlägt sich Partner Clete Purcel, leider ziemlich unbe­rechen­bar, aber robust im Nehmen und Aus­teilen. Helden­taten wie ein edles Kraft­fahr­zeug mit Beton auszu­gießen oder eine noble Immo­bilie mit dem Erd­boden zu nivel­lieren sind seine Spezia­lität.

James Lee Burkes knüppelharter, actionreicher Krimi sondiert tief in Louisianas Gesell­schafts­struktur mit ihren unter­schied­lichen Kulturen und schaufelt den schlimms­ten Unrat diverser Milieus ans Tages­licht. In detail­reichen, teils drasti­schen Be­schrei­bungen und inten­siven Charak­ter­studien kon­kreti­siert der Autor Gewalt, mit­leid­lose Grau­sam­keit, Rassis­mus, Frauen­feind­lich­keit und viele weitere Übel, dazu miese Be­täti­gungs­felder wie Drogen­handel, organi­siertes Ver­brechen, Prosti­tution und Korrup­tion. Das Menschen- und Gesell­schafts­bild, das er aus­breitet, lässt den Leser voll­kom­men des­illusio­niert und hoff­nungs­los wie selten zurück.

Die geschilderten Abgründe sind jedoch kein billig aufge­setz­tes voyeu­risti­sches Span­nungs­ele­ment. Sie fließen viel­mehr erschre­ckend natür­lich in den Hand­lungs­verlauf ein. Über die gesam­ten 576 Seiten hält der Autor den Span­nungs­bogen hoch und variiert gekonnt das Erzähl­tempo. Rasante Dialoge, oft in der­bem Um­gangs­ton mit reich­lich obszö­nem Voka­bular, wech­seln mit Be­schrei­bun­gen der Bayou-Land­schaft, die im Kontrast umso mehr an Poesie gewinnen. Ein­drucks­voll, wie sou­verän Burke mit dem Stil spielt und jeder­zeit den ange­messe­nen Ton trifft. Manch­mal möchte man einfach nicht mehr weiter­lesen und wendet sich ange­widert ab – und ist doch wenige Zeilen später wieder gefan­gen und saugt Sätze auf, deren Aus­sage man kennt, die aber in Burkes Formu­lierun­gen un­nach­ahm­lich und frappie­rend einzig­artig er­schei­nen.

Erstaunlich, dass dieses Meisterwerk mehr als zwanzig Jahre warten musste, bis es jetzt endlich auf Deutsch erschien. Die meisten anderen von James Lee Burkes zahl­reichen Bücher aus den Acht­ziger- und Neun­ziger­jahren waren hin­gegen nach den üblichen zwei, drei Jahren hier erhält­lich, allein ein Dutzend aus der Dave-Robi­cheaux-Reihe. Aber an thematischer Aktua­lität hat »Missis­sippi Jam« während der Warte­zeit nichts verloren, und seine zeit­losen Quali­täten stellt Jürgen Bürgers kon­geniale Über­setzung effekt­voll heraus.


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