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Rezension zu Lars Mytting: »Die Birken wissen's noch«

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Die Birken wissen's noch

Belletristik · Insel · · Gebunden · 516 S. · ISBN 9783458176732
Sprache: de · Herkunft: no

Bewertung: 4 Sterne
Die strahlende Kraft der Hölzer

Rezension vom 22.05.2016 · 6 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Wäre Edvard Hirifjell ein Baum, dann hätte er ein Problem: Er hätte keine Wurzeln. Sein Stamm würde auf einem Stück­chen Erde stehen, von dem er nicht einmal weiß, ob er dort jemals verwurzelt war.

Als vernunftbegabter und beweglicher Mensch kann Edvard seine Lage wenigs­tens zu klären versuchen. Weniger dramatisch und rätsel­haft als die des Baumes ist sie nicht.

Der junge Mann, 1968 geboren, wuchs bei seinem Großvater Sverre auf dem einsamen Hirifjell-Hof hoch oben im norwe­gischen Gud­brands­tal auf. Groß­mutter Alma starb, als Edvard noch keine zehn Jahre alt war, und den gesam­ten Rest der Familie kennt er nur vom Hören­sagen. Von Groß­onkel Einar, Sverres Bruder, weiß er nur, dass er Ende des Krieges fiel, mit seinem Vater Walter ver­bin­det ihn keiner­lei Erinne­rung oder Emotion, und von seiner Mutter Nicole ist ledig­lich ein »Duft«, die Farbe Blau, ihre »Wärme«, die Weich­heit des Beins, an das er sich ge­klam­mert hat, haften geblieben – gute Gefühle, die Edvard gern sehn­suchts­voll aus­kostet.

Die spärlichen Informationen über seine Wurzeln handeln von deren Verlust, und Edvard verdankt sie aus­schließ­lich dem Groß­vater. 1971 reisten Edvards Eltern im schwar­zen »Pracht­mercedes«, den Sverre ihnen dafür gelie­hen hatte, ins nord­franzö­sische Authuille, Nicole Daireauxs Heimat­stadt. Dort wurden am 23. Sep­tem­ber ihre Leichen auf­ge­fun­den. Die Obduk­tion ergab, dass sie Kampf­gas eingeat­met hatten und da­nach in einem Fluss ertranken. Das Gas ent­stammte einer Granate, wie noch viele im Boden des Front­ver­laufs des I. Welt­kriegs ruhen.

Warum Walter und Nicole Hirifjell das eingezäunte alte Schlacht­feld betraten und sich dem allseits be­kannten töd­lichen Risiko aus­ge­setzt hatten, ist eines der vielen Geheim­nisse, die Edvards Kind­heit und Jugend über­schatten.

Als Drittklässler fällt Edvard zufällig ein kurzer Bericht in die Hände, der im Heimat­jahr­buch der Gegend für das Jahr 1971 abge­druckt ist. Über die ihm schon bekann­ten Fakten zum Tod seiner Eltern in der Fremde hinaus liest er hier, dass die Verun­glück­ten ihren drei­jähri­gen Sohn dabei hatten, dass er für vier Tage spurlos ver­schwand, so dass die Polizei eine Ent­füh­rung fürch­tete, ehe er über ein­hun­dert Kilo­meter entfernt in einer Arzt­praxis unver­sehrt aufge­funden wurde.

Edvard erinnert sich an nichts von alledem. Die drängendsten Fragen seiner obskuren Exis­tenz – Wer bin ich? Wer sind meine Eltern? Was geschah 1971 in Frank­reich? – bleiben unbe­ant­wor­tet. Denn der Groß­vater verschiebt die Auf­klärung hart­näckig auf später. Dass er ihm erst »alles erzäh­len« wolle, wenn er »groß genug« sei, macht den Waisen­jungen aggressiv, lässt ihn in Tob­suchts­anfälle aus­brechen.

Als Sverre Hirifjell 1991 von einem Tag auf den anderen stirbt und all sein be­gehr­tes Wissen mit ins Grab nimmt, ist Edvard ver­zwei­felt. Wie soll er nun jemals heraus­finden, was es mit seiner Ver­gangen­heit auf sich hat? Er muss sich selbst der schwie­rigen Aufgabe stellen.

Ein wichtiger Zeitzeuge ist Pfarrer Thallaug, der der Gemeinde länger als ein halbes Jahr­hun­dert dient, bereits die Eltern und Groß­eltern getraut hatte und Sverre nun be­erdi­gen soll. Er weiß, warum die ganze Familie Hirifjell im Ort stets ausge­grenzt wurde, man vor ihnen aus­spuckte und ihnen übel nach­redete (»Vater­lands­ver­räter, Quis­ling«). Sverre hatte auf Seiten der Deut­schen an der Ost­front gekämpft und kaufte noch nach dem Krieg bevor­zugt deutsche Produkte. Die An­fein­dun­gen hatten ein plötz­liches Ende, als Sverre nach den Tagen des Bangens seinen wieder auf­ge­tauch­ten Enkel aus Frank­reich zu sich holte, ihn adop­tierte und großzog. Damit gab er dem Kind ein Heim, und gleich­zeitig gab das Kind dem Trauern­den Trost und neuen Lebens­sinn.

Als sie auf das Thema des Sarges zu sprechen kommen, erfährt Edvard von Thallaug ein makaber an­muten­des Detail, hinter dem sich ein neuer, nicht weniger myste­riöser Zweig der Fami­lien­ge­schich­te auf­tut. Ohne dass Sverre davon wusste, steht sein Sarg schon seit Jah­ren für ihn bereit. Sein Bruder Einar hat ihn aus dem außer­ge­wöhn­lichen Holz der Flamm­birken für ihn getisch­lert. Edvard kennt es. Als Kind hat er sich in jenem Wald ge­fürch­tet, denn wenn im Früh­jahr der Saft in die Baum­stämme stieg, löste das un­regel­mäßige Knall­ge­räu­sche aus, die sich wie Flinten­schüsse an­hörten. Mit einem lapi­daren Satz, unver­ständ­lich und wie einem grau­samen Märchen ent­sprun­gen, warnte der Groß­vater seinen Enkel, den Wald zu be­tre­ten: »Die Eisen meines Bruders brechen.«

Einar, so kommt Edvard mit der Zeit zu Ohren, arbei­tete in den Drei­ßiger­jahren in Paris als art-déco-Möbel­tisch­ler und kannte eine Methode, wie er der Flamm­birke noch mehr Aus­drucks­kraft ver­lei­hen konnte. Er um­spannte hundert junge Bäume mit festen Metall­ringen, die lang­sam in den Stamm ein­wuch­sen. Im späte­ren Holz­längs­schnitt würde die Mase­rung um die Narben und Verlet­zun­gen herum schlän­geln­de Muster, bern­stein­gelb leuch­tende Schatten und Facet­ten zeich­nen. Da Einar die Ringe nicht mehr selbst lösen konnte, ros­te­ten sie über die Jahre durch, bars­ten laut­stark und split­ter­ten als Ge­schosse außer Kon­trolle von den Stäm­men ab.

Wie aber, so fragt sich Edvard nun, konnte Einar einen Sarg für seinen Bruder tisch­lern, wenn er 1944 in Frank­reich er­schos­sen wurde oder auch, wie Pfarrer Thallaug be­haup­tet, nach dem Krieg ver­schwand?

Gleich auf den ersten sechzig Seiten seines vierten Romans »Svøm med dem som drukner« hat der nor­we­gi­sche Autor Lars Mytting (der genau wie sein Prota­gonist 1968 im Gud­brands­tal geboren wurde) eine dicke Lage Hobel­späne ver­streut. Dank der ge­lun­genen Über­setzung von Hinrich Schmidt-Henkel sinken wir tief in all den Myste­rien dieser Familie ein und kommen kaum sicheren Schrittes voran. Uns fesseln die Ge­heim­nisse und Rätsel, uns faszi­nieren die atmos­phärisch dichten Beschrei­bungen und oft melan­choli­schen Stim­mungen, und der leben­dige, flie­ßende Stil macht das Lesen genüss­lich.

Mit Ich-Erzähler Edvard begeben wir uns auf eine europa­weite Suche nach seiner Iden­tität und nach den kom­pliziert ver­kreuz­ten Spuren seiner breit ange­legten, aben­teuer­lichen, tragi­schen Fami­lien­histo­rie, die tat­sächlich nicht nur meta­phorisch im Erd­reich ver­wur­zelt ist. Zwischen dem Wald von Authuille und den Shet­land­inseln spannen sich die Fäden, die seit dem I. Welt­krieg (und noch viel früher) aus­gelegt wurden. Fotos, Briefe, Pässe, Doku­mente, Archive und Zeit­zeugen geben Stück für Stück preis, was sich er­eig­net hat – im Priva­ten wie im großen grau­samen Zeit­ge­sche­hen, das das Private un­mittel­bar be­ein­fluss­te. Auch Edvards eigene tief ver­sun­kene Er­inne­run­gen er­wachen lang­sam, wenn er die Orte trauma­tischer Ereig­nisse besucht. Der Schluss wird jeden Leser ers­chüttern.

Vorher braucht es freilich Geduld und aufmerksames Lesen, damit in dem komplexen Plot, der mehrere Familien, Genera­tionen und Schau­plätze um­fasst und das Geschehen fern der Chrono­logie um­pflügt, kein Puzzle­stein­chen ver­loren geht. Wenn am Ende jedes auf Um­wegen sein Plätz­chen einge­nom­men hat, er­scheint dafür eine flam­boyan­te Gesamt­kompo­sition von großer Strahl­kraft.


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