Rezension zu »Willnot« von James Sallis

Willnot

von


Ein halbes Dutzend verscharrter Leichen, eine FBI-Agentin auf der Spur eines ehemaligen Marine-Scharfschützen, der angeschossen wird und sich aus dem Staub macht: viel los in der Kleinstadt Willnot. Bedeutsamer aber ist allemal, was Dr. Lamar Hale, dem Allgemeinarzt, durch den Kopf geht.
Kriminalroman · Liebeskind · · 224 S. · ISBN 9783954381029
Sprache: de · Herkunft: us

Leben in Zwischenräumen

Rezension vom 20.04.2019 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Tom Bales Jagdhund ist ganz aus dem Häuschen, als ihm der frühe Morgen bei der alten Kiesgrube einen intensiven Geruch in die Nase weht. Sein Herrchen informiert Sheriff Hobbes, der rückt mit ein paar Häftlingen an, und es dauert nicht lang, bis sie die ersten Knochen, dann Leichen zutage geschau­felt haben. Zur Begut­achtung wird der lokale Mediziner einbe­stellt. Er eilt direkt aus dem OP-Saal zum Fundort, aber starker Regen vereitelt erst einmal weitere Unter­suchun­gen.

Zeit, um Dr. Lamar Hale in den Fokus zu rücken, den gebildeten Protago­nisten, unterhalt­samen Ich-Erzähler, klugen Mann für alle wichtigen Fragen des Lebens und alle medizini­schen Ange­legen­heiten, selbst die aus­sichts­losen Fälle unter den Einwohnern der (fiktio­nalen) Kleinstadt Willnot. Denn Lamar ist als guter Arzt anerkannt, ein All­gemein­medi­ziner mit neuro­psycho­logi­schen Fach­kennt­nissen. Man fragt sich, warum er nach dem Studium seine Praxis ausge­rechnet in diesem Ort eröffnete, der aussieht, als lebe man in den Sieb­ziger­jahren. Er rühmt bei­spiels­weise die außer­gewöhn­liche Toleranz seiner Bewohner: Keiner, so abweichend sie oder er sich auch verhalten möge, werde isoliert. Dabei ist das Städtchen (so der Sheriff) voller durch­geknall­ter Gestalten.

So wie unzählige Patienten einander die Klinke der Praxis in die Hand geben, so schauen sie auch alle kurz im Roman vorbei. Der engagierte Arzt stellt uns jeden einzelnen seiner Besucher vor und schenkt uns einen kurzen Einblick in die Be­sonder­heiten jedes von Schicksals­schlägen gezeich­neten Lebens­weges. Wenn er nicht in seinem Sprech­zimmer waltet, steht Lamar am OP-Tisch im Kranken­haus, wo er sich unver­zagt jeder Heraus­forde­rung des Todes stellt – und bisweilen verliert.

Einen Gegenpol zu seiner aufreibenden Arbeitswoche (die sieben Tage umfassen kann) findet Lamar bei seinem Lebens­partner Richard. Auch der übt seinen Beruf mit Hingabe aus. Seine Gegner sind freilich nicht Krankheit und Tod, sondern Desinter­esse und Ablenkung seiner Zöglinge an der Highschool. Lamar kennt sie auch aus seinem Warte­zimmer: »ein bunter Salat aus T-Shirts, Shorts, Slogans, zerrisse­nen Jeans, gebügelten Kakihosen, Tätowie­rungen, langen Haaren, gar keinen Haaren, iPads und Smart­phones, MP3-Playern, Schweiß, Tabak­geruch und Duftwasser«. Er beobachtet die männlichen Halb­starken »mit ihren rituellen Einzeilern, ihren Posen und der ein­studier­ten Gleich­gültig­keit« und denkt an Elias Canettis »Masse und Macht«: »Adaption und Nach­ahmung, Platti­tüden, und wie die An­ziehungs­kraft der Gruppe einen von der Mitte und seinem Selbst wegzieht«.

Als Kind hätte Lamar Hale auf der Suche nach seinem Selbst leicht scheitern können. Sein Vater hatte als Science-Fiction-Schrift­steller »seine Nische gefunden« und wollte darin auch seinen Sohn unter­bringen – »eine Dynastie von zwei Männern, die aufrecht vor ihren Tastaturen sitzen und an der Unordnung der Welt hacken, ein Satz nach dem anderen«. Lamar wider­setzte sich diesem Traum und wurde Arzt.

Neben dem enttäuschten Erwartungsdruck seines Vaters prägte den Jungen eine rätsel­hafte Krankheit. Sein zwölftes Lebensjahr verbrachte er im Koma, befand sich in einem Parallel­univer­sum. Dorthin kamen »Besucher« zu ihm, erst wenige aus der Kranken­hausumge­bung, schließ­lich aber gingen »Hunderte« durch ihn hindurch. Noch heute erlebt er im Wachzu­stand, dass er plötzlich nicht »hier« ist, und im unruhigen Schlaf träumt er sich in »multiplen Welten«, wo ein Geist eintritt, mit ihm spricht, wieder ver­schwin­det.

Solch einflussmächtige Erinnerungen wie an das Zusammen­leben mit seinen Sinn suchen­den, nie wirklich sesshaften Eltern kommen als Flashbacks immer wieder hoch und brechen manchmal über­gangs­los in die Roman­gegen­wart ein. »Das Leben muss vorwärts gelebt, kann aber rückwärts verstanden werden.«

Ach ja – die verscharrten Leichen … Häppchen­weise erfahren wir noch dies und das über Fortgang und Erträge der Ermittl­ungen. Das Team professio­neller Mitar­beiter leitet State Trooper Sebastian Daiche, dessen beacht­licher Lebenslauf (Ausgra­bungen in Bosnien, New Orleans und im Sudan) seine Qualifi­kation illus­triert. Sein »Zirkus« verwandelt den Fundort in eine Mischung aus »chaoti­schem Pfad­finder­lager, einem religiösen Schwitz-dir-deinen-Weg-zur-Herr­lich­keit-Revival und einem Marktstand für große, kisten­förmige Elektronik­geräte«. Ungeachtet des Aufwands verlaufen die Analysen im Sande. Waren es vier Leichen oder sechs oder vielleicht noch mehr? Wer waren sie? Woher kamen sie? Warum starben sie? Wer weiß.

Neuer Handlungsstrang – neues Glück. Er nimmt seinen Lauf, als Brandon Lowndes nach vierzehn Jahren Abwesen­heit wieder in Doc Lamars Praxis auftaucht. Mit ihm verbindet den Doktor eine gemein­same Erfahrung, »einer dieser merkwür­digen Spiegel, mit denen einen das Leben manchmal konfron­tiert«. Auch Brandon lag, ausge­löst durch einen Unfall (»landete mit sechzehn am falschen Ende eines Jungen­streichs«), lange im Koma, bis er mit den Worten »Auf der Durchreise« wieder ins Leben zurück­kehrte. Auch jetzt ist »Bobby«, wie man ihn heute nennt, nur »auf der Durchreise«. Woher, wohin? Darüber schweigt er.

Etwas später sitzt eine FBI-Agentin in Dr. Hales Sprech­zimmer, auch sie nicht aus Krank­heits­gründen, sondern um ihn über Brandon Lowndes auszu­fragen. Seine Tätigkeit als Scharf­schütze bei den Marines habe unrühm­lich geendet, deswegen wolle sie ihn hier erwarten. Doch obwohl Brandon-Bobby ein paar Tage danach ange­schos­sen wird, entwischt er ihr und ihrer Behörde, indem er sich aus dem Kranken­haus davon­macht.

»Willnot« James Sallis: »Willnot« bei Amazon, das aktuellste Werk des amerika­nischen Autors James Sallis, von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt ins Deutsche übersetzt, ist ein eigen­williger, philoso­phisch unterfüt­terter Roman. Leser, die sich davon einen »richtigen« Krimi ver­sprechen, werden am Ende frus­triert sein, denn das Buch sträubt sich gegen alle gängigen Erwar­tungen an das Genre. Es bietet nichts als Doc Lamar Hale und Willnot pur in all ihrem Facetten­reich­tum.

Der Protagonist ist ein melancholischer Existenzialist (»ein mögliches Selbst von mir erhob sich … und ging zur Arbeit«). Hoffnung und Kraft schöpft er einzig aus dem Glauben an »die Fähigkeit des Menschen, unter erheb­lichen An­strengun­gen gering­fügig besser zu sein als seine ureige­nen Instinkte und Neigungen«. In Richard hat er einen idealen Partner gefunden, um im Gespräch den Fragen des Lebens und des Todes nachzu­gehen, die beide umtreiben – »wie es kommt, dass die Grausam­keit nie abnimmt, wie es kommt, dass wir alles in einem solchen Affen­zahn verschwen­den, oder warum wir Väter im Himmel brauchen«. Einver­nehm­lich und entspannt gestalten sie ihren Alltag, brauen nach »Bausatz« ein Omelette zusammen oder »gucken, was aus den Regalen fällt«, und verord­nen sich, wenn die Welt­politik sie allzu sehr deprimiert, zeitweise ein »Nach­richten-Embargo«. Im Hinter­grund maunzt Dickens, ihre alters­müde Katze.

Während die Handlung so viele Löcher hat wie ein Schweizer Käse und die meisten Rätsel so ungelöst bleiben, wie Plot­ansätze im Nichts enden, so anregend, unkon­ventio­nell und über­raschend ist die Erzähl­weise, so pointiert und hinter­gründig, mal amüsant, mal tief­sinnig, sind die Dialoge, so unge­wöhn­lich und einpräg­sam sind manche Bilder (»Seine Haut erin­nerte mich an die Decke einer alten Gitarre.«). All dies macht »Willnot« zu einer reiz­vollen Lektüre. Die Krimi­elemente aber sind bloß der Kitt, der alles zu­sammen­hält.


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