Rezension zu »Venezia 1902 – i delitti della Fenice« von Davide Savelli

Venezia 1902 – i delitti della Fenice

von


Venedig ist um 1900 ein internationaler Tummelplatz alten Adels und neuen Geldes, aufstrebender Bürger und freisinniger Künstler. Die Stadt ist dabei, ihr kulturelles Erbe aus tausend Jahren für die Moderne zu rüsten. Da kommen Morde an Touristen ebenso ungelegen wie veraltete Infrastruktur und bröckelndes Mauerwerk. Davide Savelli zeigt uns, was sich hinter den Fassaden zuträgt.
Historischer Kriminalroman · Todaro · · 160 S. · ISBN 9788897366980
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Venetien

Fehlgeleitete Ambitionen

Rezension vom 24.04.2019 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Die meisten der dreißig Millionen Touristen, die jedes Jahr Venedig überfluten, werden nicht ahnen, dass das ehrwür­digste Symbol der Stadt, der nahezu einhundert Meter hohe Glockenturm auf dem Markusplatz, nur hundert Jahre jung ist. Um die Tatsache, dass sein Vorgänger nach fast ein­tausend­jähri­ger Standzeit am Vormittag des 14. Juli 1902 komplett in sich zu­sammen­sackte und ab dem Jahr darauf original­getreu wieder aufgebaut wurde, wird erstaunlich wenig Aufhebens gemacht. Gewiss war der Einsturz den Venezianern peinlich, denn schuld daran waren ihre eigenen frag­würdi­gen Baumaß­nahmen, um dem antiken Turm, den die Ein­heimi­schen respekt- und liebevoll El Paròn de casa (den Hausherrn) nennen, einen Aufzug einzu­pflanzen.

Die Umstände dieses historischen Ereignisses, das damals weltweite Bestürzung und Anteilnahme hervorrief, hat Davide Savelli, 51 und in erster Linie ein Mann der Fernseh­doku­menta­tionen, in seinen ersten Kriminal­roman ein­gefloch­ten. Dessen Stärken sind weniger der Plot um einen jungen Psycho­pathen und seine skurrilen Verbrechen, auch nicht die solide Er­mittlung­sarbeit des sym­pathi­schen, durch einen früheren Schicksals­schlag belasteten commissario Guido Bordin oder die etwas holz­schnitt­artige Zeichnung der Charaktere. Was das Buch für Venedig­besu­cher zu einer hübschen Begleit­lektüre des Aufenthalts macht, ist, wie viel­schich­tig und anschaulich der Autor die historische Atmosphäre erfasst.

Der Mörder, das erfahren wir gleich am Anfang, hat eine verkorkste Kindheit und Jugend in Bayern hinter sich. Nachdem sein Vater (Förster) im Wald erschlagen wurde, gerät der Junge in die Obhut eines gestrengen Bischofs, der ihn aufzieht und aller Freuden (der Ornitho­logie etwa) beraubt. In seinen Tübinger Studien­jahren versteigt er sich in merkwürdige Theorien über Metamor­phose, das Fliegen und den sagenhaften Vogel Phönix. Praktische Versuche dazu sollen in Venedig fortgeführt werden. Ohne in der Masse der Ausländer groß aufzufallen, schließt der ernsthafte, zurück­haltende Fremde Kontakte, die ihn seinen Zielen näher bringen.

Als ein junger Deutscher aus heiterem Himmel vom Glockenturm auf die Piazza San Marco stürzt, glaubt man noch an einen Selbstmord. Als ihm Tags darauf ein Landsmann in die Tiefe folgt, sind Polizei und Verwaltung alarmiert, und die Abgebrühten scherzen schon über »i tedeschi volanti«. Jetzt muss commissario Guido Bordin rasch den Mörder finden, ehe der Ruf des Touris­tenmag­neten Schaden nimmt. Per­spektiv­wech­sel und Rückblenden geben uns Lesern über lange Zeit einen soliden Vorsprung vor dem Polizisten und vermitteln uns obendrein ein gutes Bild seines Wesens.

Die Ermittlungen führen Bordin in illustre Kreise seiner mondänen Stadt. Da ist etwa Domenico Moresini, Patriarch einer der vornehmsten Familien der Serenissima, und seine bezaubernde Gattin Tiziana, die auch als seine Tochter durchginge. Da ist die wohlhabende deutsche Familie von Keller, in deren palazzo hem­mungs­lose Orgien stattfinden, befeuert von modernen Drogen, für die die Glas­künst­ler in Murano extrafeine Spritzen entwickeln. Da sind auf­stre­bende Bürger wie Alvise, Buch­händ­ler in Diensten der Moresini, dessen Leiden­schaft der hoch­moder­nen Technik des Foto­grafie­rens gilt und der mit ihren künst­leri­schen und kommer­ziellen Möglich­keiten expe­rimen­tiert. Im exklusiven Cafè Florian, im Schatten des campanile, begegnen wir en passant hoff­nungs­vollen jungen Künstlern wie Hermann Hesse.

Da sind führende Politiker und Verwaltungsexperten, die für ihre Stadt (und sich selbst) die Zukunft sichern wollen. Seit 1847 der Eisen­bahn­damm auf­geschüt­tet, dann der Handels­hafen erweitert und Italien vereint worden war, hat die Indus­trialisie­rung auch die Lagune vorange­bracht. Gewaltige Fabrik­anlagen auf der Insel Giudecca haben Tausende Arbeits­plätze geschaffen. Auch die Bau­denk­mäler sollen restauriert und moder­nisiert werden. Ein Aufzug würde den zahlungs­kräftigen Reisenden den mühevollen Aufstieg im Paròn de casa ersparen. Wer wie capomastro Luigi Bruson, Guidos Freund, zur Be­sonnen­heit mahnt, die fragilen uralten Strukturen schonen möchte, wird als Fort­schritts­feind geschasst und durch Männer mit flexiblerer Mentalität ersetzt. (Vieles, was der Autor hier in einem reiz­vollen Mix aus Fiktion und histori­scher Wahrheit formuliert, ist – mutatis mutandis – von erschre­cken­der Aktualität.)

So steuern beide Entwicklungen – das insgeheim betriebene Projekt des Mörders und die allzu sorglosen Maßnahmen der Verant­wortli­chen für das kulturelle Erbe der Stadt – auf ihre jeweiligen Ka­tastro­phen zu.

Das Buch, verfasst in vergleichsweise unkomplizierter Sprache, ist im kleinen Todaro-Verlag erschienen, und zwar in dessen Reihe Impronte, in der laut Verlags­programm »un’ambien­tazione rigorosa­mente locale« im Vordergrund steht: »la città o la regione dove si svolgono indagini e omicidi è anch’essa protago­nista della storia«. Das ist in diesem histori­schen Kriminal­roman, dessen Kapitel­über­schriften die Handlungs­orte sind, überzeugend gelungen. (Andere Romane des Verlages spielen übrigens in Mailand, Palermo, Neapel, Genua, Bologna und Rom.)


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