Rezension zu »Sarah Jane« von James Sallis

Sarah Jane

von


Das wechselhafte Leben einer Frau aus der amerikanischen Provinz, die schließlich als Polizistin dem merkwürdigen Leben und Verschwinden ihres Kollegen nachgehen und sich am Ende, veranlasst durch einen Mordfall, ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss.
Kriminalroman · Liebeskind · · 224 S. · ISBN 9783954381371
Sprache: de · Herkunft: us

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Leben in Schneekugeln

Rezension vom 29.10.2021 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Sarah Jane Pullman ist schon als Kind eine ungewöhn­liche, selbstbe­wusste Persönlich­keit, die weiß, was sie will. Mit sieben notiert sie in einem College­block, was sie so alles erlebt und beob­achtet. Ihr Daddy nennt sie »Pretty«, »aber ich bin nicht hübsch«, entgegnet sie trocken. »Schön­heit ist oberfläch­lich«, versi­chert der Vater, und auch das übernimmt sie nicht ungeprüft. Sie kratzt sich den Arm auf, was eine Narbe hinter­lässt, die sie Jahr­zehnte begleiten wird.

Sarah ist ein Kind vom Lande. Sie wächst mit ihrem Bruder Darnell und den Eltern auf einer Farm in Selmer (Tennessee) auf. Unermüd­lich entwi­ckeln Vater und Mutter kreative Ideen und ackern, um in dieser armseli­gen Gegend an der Grenze zu Missis­sippi ihren Unterhalt zu verdienen. Das harte Leben zermürbt. Als das Mädchen zehn Jahre alt ist, beginnt die Mutter von Zeit zu Zeit unange­kündigt zu verschwin­den, für Wochen und Monate, bis sie ebenso plötzlich wieder zu Hause auftaucht. Solch vagabun­dische Züge stecken auch in Sarah. Ihr Lebens­lauf kennt keine Stetig­keit, und selbst von ihrem Eltern­haus sagt sie, dass es sich »die ersten sechzehn Jahre meines Lebens darauf vorberei­tete, den Hügel hinunter­zurut­schen« – als sie es mit siebzehn verlässt, setzt es sich tatsäch­lich in Bewegung.

Ohne Ziel und Plan steigt Sarah einfach in einen Bus und fünfhun­dert Kilometer weiter wieder aus. Auf einem ehema­ligen Bauernhof in St. Louis (Missouri) findet sie eine Bleibe. Unter den Studenten, Stamm­gästen und Durch­reisen­den, die auf den Matratzen­lagern des »Cracker Barn« auf unkon­ventio­nelle Weise ihre Zeit vertun, lernt Sarah jede Menge kauzige Typen wie Gregory kennen. Der »Professor« behauptet, er habe »die Unter­wäsche erfunden« und »oben in Kanada eine Frau umge­bracht«, und besonders spät­abends »taumelten Gregorys Geschich­ten über die Klippe ins wahrhaft Absurde«. Weil »niemand sonst Lust dazu hatte«, lernt Sarah kochen. Dann verlässt sie St. Louis wieder, und der Autor lässt seine Protago­nistin weiter durchs Leben tingeln.

James Sallis, 1944 in Arkansas geboren, ist ein mit internatio­nalen Preisen verwöhn­tes Multi­talent: Krimi­autor, Lyriker, Kritiker, Jazz-Gitarrist. Seinen größten Erfolg hatte der Viel­schreiber 2005 mit dem Roman »Drive«, der mit Ryan Gosling verfilmt wurde (»Driver«). Wie so oft fordert Sallis seine Leser­schaft auch in »Sarah Jane« (2019, Über­setzung von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger. Ein systema­tischer Handlungs­faden will sich nicht recht zusammen­fügen. In den Erzähl­gang mischen sich philoso­phische Überle­gungen der Protago­nistin, Gesprächs­fetzen und Gedanken fließen inein­ander. Textein­schübe entführen uns in neue Gegenden und Zeit­phasen. Noch bevor wir gelesen haben, dass Sarah zu Hause auszieht, geht es unver­mittelt in eine »gott­verlas­sene ausländi­sche Wüste«, wo Sarah neben »Oscar« in einem Jeep sitzt. »In diesem tödlichen Sonnen­licht kommt man echt auf schräge Gedanken … Hier draußen … können Worte anfangen, sich einem zu entziehen. Sätze verlieren ihren inneren Zusam­men­halt, haben Löcher. Verben fallen heraus, Antworten passen nicht mehr zu Fragen.« So ganz nebenbei erfahren wir, dass Sarah ein Kind geboren hat, das wenige Stunden später starb. Genauso müssen wir die kurz danach vorbei­plätschern­den Eindrücke eines Gerichts­prozesses abspei­chern und die Bemerkung »Wir setzen uns wieder in Bewegung. Oscar mit weniger als einer Stunde zu leben«. All diese Puzzle­stücke bereiten irgendwie den Weg. Sinn ergeben sie erst sehr viel später.

So viel sei skizziert: Sarah meldet sich (mehr oder weniger frei­willig) für einen Militär­einsatz im Irak, kehrt trauma­tisiert zurück, arbeitet als Köchin, bringt mehrere unglück­liche Beziehun­gen hinter sich, holt ihren College­abschluss nach, wird schließ­lich eine enga­gierte Polizis­tin und findet in ihrem Vor­gesetz­ten Calvin Phillips einen Seelen­verwand­ten, dem gegenüber sie sich öffnen und über ihre Vergan­genheit sprechen kann.

In diesem Kontext nimmt eine raffinierte Kriminal­geschichte Gestalt an, die aller­dings erst zum Ende hin kulmi­niert. Ein Verbre­chen, das mehrere Jahre zurück­liegt, holt Sarah ein, als ein FBI-Mann auftaucht, um in ihrem Umfeld zu recher­chieren. Als er eines Tages mit gebroche­nem Genick gefunden wird, sind die Umstände seines Todes schwer zu klären, und Sarah, die mehr ahnt, als sie preisgibt, gerät unter Druck. Es stellen sich Fragen nach der Zuver­lässig­keit unserer Wahr­nehmun­gen und Erinne­rungen, nach unserer Fähigkeit zu begreifen, Schuld zu erkennen und anzuer­kennen, uns der Ver­antwor­tung zu stellen oder vor ihr zu fliehen.

Obwohl er keine leichte Kost bietet, besticht Sallis’ Roman durch seine sprach­lich-stilis­tisch und inhalt­lich unge­wöhn­liche Machart. Neben der wilden Erzähl­struktur leistet sich der Autor ver­schwenderi­schen Umgang mit seinem Material. Welcher Autor kann es sich erlauben, Episoden mitten aus dem Irak-Krieg als bloße Andeutung links liegen zu lassen, anstatt sie so erschüt­ternd wie spannend auszuge­stalten? Sallis kompri­miert in eine Satz-Portion Sarkasmus, was der Krieg ange­richtet hat: »In der Zeit, die Sie aufwenden, um über die letzte Bauch­straffung eines Promi­nenten zu reden, verüben 44 Veteranen Selbst­mord.«

Wie originell die Ich-Erzählerin über ein altes Auto spottet, diene als Beispiel für die kreative Beschrei­bung von Gegen­ständen: »Der klapprige Dodge in der Einfahrt erinnerte mich an einen Hund, dessen Herrchen nicht mit ihm Gassi ging, so dringend es auch sein mochte.« Außer­gewöhn­liche Beobach­tungen lassen uns inne­halten (»Wir leben in Schnee­kugeln, nicht wahr? Nimm sie in die Hand, schüttle sie kräftig, die Jahre wirbeln um einen herum und beruhigen sich dann.«), und immer wieder frappie­ren die Beschrei­bungen von Figuren (»nicht bei dieser kultivier­ten Anwältin mit ihrem maßge­schneider­ten Kostüm und dem kunstvoll drapier­ten Seiden­schal. Viel­leicht würde sich, wenn ich nur richtig hin­starrte, der Schal zusammen­ziehen und sie langsam erwürgen. […] Mein vom Gericht bestell­ter Anwalt sah aus wie maximal sechzehn, sein Schopf erinnerte an Schamhaar, das Doppel­kinn war ein Ersatz für den Seiden­schal der anderen.«). Weitere Appetit­anreger: »Ein Typ aus dem besseren Teil der Stadt kam mit einer Schar mensch­licher Echos, die auf Zehen­spitzen hinter ihm her­schlichen.« – »Boomtown war keine Stadt, sondern eine Anlage­rung. Eine Art Gezeiten­tümpel.« – »Das Schlimm­ste kommt nicht unbedingt im Dunkeln, wie man vermuten würde, sondern in den frühen Morgen­stunden, wenn man um fünf oder Viertel nach fünf aufwacht, während sich die Welt draußen wieder rekon­struiert und Frag­mente deines Lebens dir im Kopf herum­schep­pern wie lose Zähne in einer Tasse«.

Nein, einfach und flüssig zu lesen ist »Sarah Jane« nicht, aber ein intellek­tuelles Vergnügen.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Herbst 2021 aufgenommen.


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